Stephen Frears

Philomena

Philomena (Judi Dench) und Martin (Steve Coogan) unterwegs. Foto: Universum Film

(Kinostart: 27.2.) Profi-Spötter Stephen Frears entdeckt das Kino der Herzen: Der britische Regisseur verfilmt eine Human-Interest-Story um Mütter, denen Klöster ihre Kinder wegnahmen. In der Hauptrolle glänzt Judi Dench mit unverwüstlichem Humor.

Auch Filmemacher werden alt und milde. Das muss ihren Filmen nicht schaden, es ändert sie nur. So scheint bei Stephen Frears, der in den 1980er Jahren mit „Mein wunderbarer Waschsalon“ und „Gefährliche Liebschaften“ berühmt wurde, inzwischen sein spöttisch-ironisches Naturell in den Hintergrund gerückt zu sein.

 

Info

 

Philomena

 

Regie: Stephen Frears

Min., Großbritannien 2013

mit: Judi Dench, Steve Coogan, Michelle Fairley

 

Website zum Film

 

Dagegen treten bei dem britischen Regisseur Züge hervor, denen nichts Menschliches fremd ist: 2010 drehte er das burleske Lustspiel „Immer Drama um Tamara“ über eine society-Schönheit in der Provinz. Jetzt hat der 62-Jährige mit „Philomena“ eine human interest-Story verfilmt, bei der kein Auge trocken bleibt; sie berührt vor allem durch das Spiel der wundervollen Judi Dench in der Hauptrolle.

 

Unehelich Schwangere ins Kloster

 

Der Film erzählt eine wahre Geschichte. Im Irland der 1950er Jahre erlebt die 16-jährige Philomena ihre erste Liebe; eine gefährliche Liebschaft, denn das Mädchen wird schwanger. Sie kommt in einem Nonnenkloster unter, wo ledige junge Mütter unter prekären Bedingungen ihre Kinder zur Welt bringen.


Offizieller Filmtrailer


 

Selbstporträt von Frears als junger Mann

 

Anschließend müssen sie, während ihre Kinder unter Obhut der Nonnen heranwachsen, schwere körperliche Arbeit verrichten. Als ihr Sohn Anthony zwei Jahre alt ist, muss Philomenas ihn zur Adoption freigeben. Er wird gemeinsam mit der Tochter einer Freundin von einem Paar abgeholt. Sie sieht Anthony nie wieder.

 

Knapp 50 Jahre später verbündet sich die alte Philomena mit dem britischen Journalisten Martin Sixsmith (Steve Coogan), um ihren verlorenen Sohn doch noch zu finden. In der Figurenzeichnung von Sixsmith, auf dessen Enthüllungs-Report der Film basiert, kann man durchaus auch ein hintergründiges Selbstporträt von Frears als junger Mann sehen.

 

Smarter Analytiker + herzliche Türenöffnerin

 

Der Journalist tritt als zynischer, arroganter Intellektueller auf. Er hat anfangs nicht die geringste Lust, sich mit einer banalen Schicksals-Story zu befassen, wird aber allmählich immer stärker emotional involviert. Der Regisseur entfaltet genüsslich den Kontrast zwischen dem smarten Sixsmith, der die Welt gern analytisch auf Abstand hält, und der naiven alten Dame, die nur Groschenromane liest, aber mit unverstellter Herzlichkeit Türen öffnet, die ihrem Begleiter verschlossen bleiben.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Jane Eyre“  – atmosphärisch dichte Verfilmung des Roman-Klassikers von Charlotte Brontë mit Judi Dench

 

und hier einen Bericht über den Film „The Look of Love“  – stilvoll prächtiges Playboy-Biopic mit Steve Coogan von Michael Winterbottom

 

und hier einen Beitrag über den Film „Eine Dame in Paris“ – sensibles Porträt einer alten Exilantin mit Jeanne Moreau von Ilmar Raag.

 

Die Nonnen im irischen Kloster, aus dem Philomenas Sohn verschwand, geben allerdings vor, von nichts zu wissen. Sie erklären, alle Unterlagen aus der damaligen Zeit seien bei einem Brand zerstört worden. Als Martin jedoch erfährt, dass viele irische Kinder in den USA adoptiert worden seien, reisen beide auf gut Glück über den Atlantik.

 

Sohn war Berater im Weißen Haus

 

Dort tragen sie immer mehr Puzzlestücke zur Lösung des Rätsels zusammen. Martin findet heraus, dass Philomenas Sohn es beruflich weit gebracht hatte: bis zum politischen Berater im Weißen Haus. Allerdings verstarb er schon 1995. Und die Umstände seines Todes verleihen diesen Enthüllungen am Ende eine neue, kaum fassbare Wendung.

 

Die Inszenierung dieser Vermisstensuche ist gefühlsbetont, ohne ins Sentimentale zu kippen. Aus dem charakterlichen Gegensatz seiner beiden Hauptfiguren schlägt der Film immer wieder humoristische Funken. Solche Augenblicke der Entspannung sind auch bitter nötig, denn die Handlung ist reich an hochdramatischen und tragischen Momenten.

 

Bewundernswert tapfere Hauptfigur

 

Die bewundernswert tapfere Haltung von Judi Dench als Philomena lässt jedoch nicht nach, obwohl ihre Hoffnungen immer wieder aufs Neue enttäuscht werden. Um so mehr identifiziert sich der Zuschauer und leidet mit ihr. Ein Film, der so richtig zu Herzen geht; das ist dem altersmilden Frears wirklich gelungen.


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