Felix Herngren

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Allan (Robert Gustafsson) und Julius (Iwar Wiklander) unterwegs mit der Leiche. Foto: Concorde Filmverleih

(Kinostart: 20.3.) Forrest Gump in Schweden: Von explosiven Momenten der Weltgeschichte kriegt ein greiser Jubilar nicht genug – er stürzt sich in neue Abenteuer. Die schwarzhumorige Bestseller-Verfilmung wird von zuviel Slapstick etwas vergällt.

Als Roman von Jonas Jonasson ist „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ein Weltbestseller. Nun hat Felix Herngren ihn verfilmt. Der sperrige Titel passt blendend zur stoischen Hauptfigur mit schneeweißen Haaren: Mit seiner Leidenschaft für Dynamit hält es der so rüstige wie patente alte Herr nicht ewig im Altersheim aus.

 

Info

 

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

 

Regie: Felix Herngren,

105 Min., Schweden 2013;

mit: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg

 

Website zum Film

 

Kurz vor der Feier zu seinem 100. Geburtstag geht Allan Karlsson (Robert Gustafsson) noch einmal auf die Suche nach dem wilden Leben: Er flieht in Pantoffeln aus seinem Heim. Am Busbahnhof bekommt er zufällig einen Koffer in die Finger – das der voller Geld ist, weiß er anfangs nicht.

 

Wendepunkte der Weltgeschichte

 

Bald ist dem Alten eine Gangsterbande auf den Fersen, die den Koffer zurück haben will. Doch Allan lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Zudem findet er im pensionierten Bahnwärter Julius (Iwar Wiklander), dem Langzeitstudenten Benny (David Wiberg) und Gunnila (Mia Skäringer), die einen Elefanten besitzt, schnell neue Freunde. Denen erzählt er von seinem langen Leben, in dem er immer wieder Wendepunkte der Weltgeschichte miterlebte.


Offizieller Filmtrailer


 

Schlüsselrolle mit Sprengstoff spielen

 

Etliche solcher Episoden werden in die Rahmenhandlung von Karlssons aktuellen Abenteuern eingestreut. Teils abgebrüht, teils unbedarft und besonders geschickt im Umgang mit Sprengstoff, hat Allan in entscheidenden Momenten des 20. Jahrhunderts eine Schlüsselrolle gespielt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht über den Film „Love is all you need“ – skandinavische Sommerkomödie von Susanne Bier mit Pierce Brosnan

 

und hier eine Besprechung des Films „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ – charmante Komödie über eine Alten-WG von Stéphane Robelin mit Jane Fonda + Daniel Brühl

 

und hier einen Beitrag über den Film „Sound of Noise – Die Musik-Terroristen“ – schwedische Musik-Groteske von Ola Simonsson + Johannes Stjärne Nilsson mit David Wiberg.

 

Als schwedischer Zwillingsbruder von „Forrest Gump“, für den Tom Hanks 1994 einen Oscar erhielt, trifft er im Lauf der Zeit auf Diktatoren wie Stalin und Franco, US-Präsidenten wie Truman und Reagan und J. Robert Oppenheimer, den Vater der Atombombe.

 

Zwangssterilisierter trifft Einstein

 

Indes ließ der schwedische Rassentheoretiker Herman Lundborg einst Allan zwangssterilisieren. Eine düstere Szene, die deutlich macht, dass der Film kein watteweiches feelgood movie ist. Im Gegenteil: Mit einer Respektlosigkeit, der nichts heilig ist, lässt Regisseur Felix Herngren einen vertrottelten Herbert Einstein auftreten – den fiktiven Bruder des Physik-Genies.

 

Allerdings sind die historischen Szenen in ihrer Skurrilität recht ähnlich; aneinander gereiht wirken sie allmählich beliebig. Im Gegensatz zu Forrest Gump durchläuft Allan Karlsson keine Entwicklung; er wird nur immer älter. Auch der Humor ist nur zu Beginn in bester skandinavischer Tradition bitterböse und rabenschwarz.

 

Gangster-Mord aus Versehen

 

Da werden Allan und sein neuer Freund Julius etwa versehentlich zu Mördern, da sie einen Gangster über Nacht im Kühlraum vergessen. Dieser Unfall regt die beiden älteren Herren nur wenig auf; sie beseitigen die Folgen auf denkbar pragmatische Weise. Solche makabere Komik macht im weiteren Verlauf häufig reinem Slapstick Platz. Der passt nicht zum trockenen Ton des übrigen Films und vergällt etwas das Vergnügen.


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