Anna Martinetz

Fräulein Else

Jedes Körperteil hat ein Preisschild: Else (Korinna Krauss) beklebt sich mit Post-its. Foto: One Filmverleih

(Kinostart: 22.5.) Arthur Schnitzlers Novelle hat eine Neuverfilmung verdient, aber nicht unbedingt diese: Bei der Aktualisierung in Nordindien geht die seelische Substanz verloren. Das Spielfilm-Debüt von Regisseurin Anna Martinetz scheitert schön.

Finanzkrise im Italien-Urlaub: Aus heiterem Himmel erhält eine junge Wienerin die Nachricht, dass sich ihr Vater in eine finanzielle Zwangslage gebracht hat. Nur sie, Else, kann ihn daraus befreien: Ihre Mutter drängt sie brieflich, den Kunsthändler Dorsday, der ebenfalls dort Ferien macht, um einen Kredit zu bitten.

 

Info

 

Fräulein Else

 

Regie: Anna Martinetz,

70 Min., Deutschland/ Indien 2013;

mit: Korinna Krauss, Michael Kranz, Martin Butzke

 

Website zum Film

 

Dorsday stellt jedoch eine Bedingung: Er will die hübsche Frau eine Viertelstunde lang nackt sehen. Fräulein Else ist empört, aufgewühlt und latent hysterisch. Am Ende weiß sie sich und ihren Eltern nicht anders zu helfen, als dass sie zwar auf die Forderung des Erpresser eingeht, doch dabei in den Schutzraum einer Abendgesellschaft, dann in eine Scheinohnmacht und schließlich in den Gifttod flüchtet.

 

Dilemma im inneren Monolog

 

Um diese Geschichte angemessen zu erzählen, verwendet der Autor sehr überzeugend den Kunstgriff des inneren Monologs. Fräulein Else bleibt mit ihrem Dilemma allein; wem sollte sie davon erzählen? Der eigentliche Schauplatz ist ihre Psyche – im Kampf zwischen Bangen und Hoffen, Scham und Wut, Realitätssinn und Todessehnsucht. Das Äußere kommt nur soweit in den Blick, wie es von Elses Seelenkraft aufgenommen und zugelassen wird.


Offizieller Filmtrailer


 

Luxushotel am Südrand des Himalaya

 

Diese Geschichte spielt vor langer Zeit, in den 1920er Jahren. Ihr Autor Arthur Schnitzler hat immer wieder die Kollision zwischen den Normen der Gesellschaft und ihren einzelnen Mitgliedern analysiert. Kann man das aktualisieren und in die Gegenwart versetzen?

 

Anna Martinetz hat es in ihrem Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München mutig versucht. Sie verlegt die Handlung von Schnitzlers Novelle nach Nordindien, wo zeitgenössische Europäer in einem Luxushotel am Südrand des Himalaya Tennis spielen, auf Elefanten reiten und baden.

 

Gelegentlich tauchen Inder auf

 

Aus dem ohnmächtigen Fräulein ist eine freie, selbstbewusste Frau geworden (Korinna Krauss), die mit schönen Gliedern und kurzem Rock über die Szene stolziert; aus dem Monokel-Dorsday ein adretter Gentleman (Martin Butzke), der im beigefarbenen Leinenanzug durch malerische Ruinen streift.

 

Auch das übrige Personal ist dank Elses freundlich harmlosem Cousin Paul (Michael Kranz), seiner eifersüchtigen Begleiterin Cissy sowie der intriganten Tante Emma modern bis zeitlos; und ebenso gekleidet. Gelegentlich tauchen sogar Inder als Bedienstete, Krämer oder Passanten auf.

 

Elses Enthüllung schockiert niemanden

 

Doch das kann nicht funktionieren – und es funktioniert auch nicht. Die sexualisierte Gesellschaft der Gegenwart kennt den Wunsch nach Nacktheit vielleicht immer noch als Ärgernis oder Zeichen von Einsamkeit, aber kaum mehr als Tabubruch. Eine junge Frau, die sich darum das Leben nähme, wäre mehr als labil.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „360“ – Verfilmung von Arthur Schnitzlers Drama „Reigen“ durch Fernando Meirelles

 

und hier einen Bericht über den Film „Eine dunkle Begierde“ von David Cronenberg über die Entstehung der Psychoanalyse aus einer Dreiecksbeziehung

 

und hier einen Beitrag über den Film „Bombay Diaries – Dhobi Ghat“ – brillantes Porträt indischer Großstadt-Singles von Kiran Rao mit Aamir Khan.

 

Das beweist der Film einfach, indem er seinen Zuschauern natürlich Elses Enthüllung gönnt, ohne dass dies im geringsten schockierend wirken würde. Mehr noch: Da die Kamera kaum etwas anderes zu tun hat, als den schönen Körper von Korinna Krauss durch schöne Landschaften zu verfolgen, teilt das Publikum von Anfang an den Blickwinkel des zudringlichen Zahlmannes.

 

Verstümmelte Botschaft

 

Anders als Dorsday bekommt der Zuschauer Else schon zum Preis einer Kinokarte zu sehen. Und anders als Schnitzler liefert Regisseurin Martinetz keine Tiefen, sondern dekorative Oberflächen; keine komplexen inneren Monologe, sondern elegische Stimmen aus dem Off.

 

Was bleibt? Körper im exotischen Raum, begehrliche Blicke und Stimmungsmalerei. Schweigen, verlorene Dialoge und indische Impressionen. Ansehnliches Phlegma einer Tochter aus gutem Hause, und am Ende noch ein paar Anklänge an „Das Piano“ (1990) von Jane Campion. Kein Brodeln unter sozialem Druck, keine Angstlust und keine Flucht nach vorn. Nur gepflegte Langeweile und sehr viel Zeit. Die Botschaft einer vergangenen Epoche kommt nur verstümmelt an.


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