Guillaume Gallienne

Maman und Ich

Der junge Mann hat es geschafft, dass Maman (Guillaume Gallienne) mal von ihrem Buch aufschaut. Foto: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart: 5.6.) Die Verwirrungen des jungen Guillaume: Mama behandelt ihn als Mädchen, andere bringen ihm Frauen-Flamenco bei. Seine tragikomische Identitätssuche inszeniert Regisseur Gallienne mit sich selbst in den Hauptrollen – als Ersatz-Therapie.

Erwachsenwerden ist an sich schon schwierig genug: Erwartungen müssen erfüllt, Träume möglicherweise begraben werden. Aber wenn an jemanden eigentlich überhaupt keine Ansprüche gestellt werden, weil jeder ihn ohnehin für sonderbar und unfähig hält, ist die Pubertät erst recht kein Zuckerschlecken.

 

Info

 

Maman und Ich –
Les garçons et Guillaume, à table

 

Regie: Guillaume Gallienne,

85 Min., Frankreich/ Belgien 2013;

mit: Guillaume Gallienne, André Marcon, Françoise Fabian

 

Website zum Film

 

Das lässt Therapeuten gut leben; auch das Komödien-Genre wäre ohne solche Charaktere um einiges ärmer. So erzählt auch „Maman und Ich“ überspitzt von so einem armen Tropf – mit dem Unterschied, dass Hauptfigur, Regisseur und Autor ein und dieselbe Person sind.

 

Kindheit + Mutter auf der Bühne

 

Anstatt eine weitere Therapie zu machen, hat nämlich Guillaume Gallienne ein Theaterstück über seine äußerst verquere Kindheit, Jugend und Mutter geschrieben, das nah an der Wahrheit, aber eben nicht die reine Wahrheit ist: Es wurde in Frankreich ein Riesenerfolg. Die darauf basierende Kinoadaption wurde ebenfalls ein Kassenhit und räumte etliche Filmpreise ab.


Offizieller Filmtrailer


 

Anders als ältere Brüder

 

In der Originalfassung heißt der Film „Les garçons et Guillaume, à table“ also „Jungs und Guillaume, zu Tisch!“, was das ganze Dilemma bereits umreißt. Eigentlich hatte sich die Mutter nach zwei wohlgeratenen Söhnen ein Mädchen gewünscht. Stattdessen kam Guillaume zur Welt, den sie konsequent anders als seine Brüder behandelt. Wäre der Vater nicht dagegen, müsste das Nesthäkchen sogar in Mädchenkleidern herumlaufen.

 

Doch das macht ihm nichts aus. Schließlich identifiziert sich Guillaume sehr mit seiner Mutter, möchte genau so sein wie sie und kann sie täuschend echt nachahmen. Aber auch für ihn stellt sich irgendwann die Frage, wer und was er eigentlich ist, und wen er lieben kann und möchte. So beginnt für ihn ein langer Weg voller Irrungen und Wirrungen mit Stationen in Spanien, England und Marokko, bis eines Tages die Antwort auf alle Fragen in Fleisch und Blut vor ihm steht. Er ist endlich glücklich – nur seine Mutter hat immer noch arge Schwierigkeiten mit ihm.

 

Sich + Mutter zugleich spielen

 

Gallienne legt in seinem Film den reinsten Seelenstriptease hin; er würde sich auch gut als Tragödienstoff eignen. Allerdings hat jede gute Komödie bekanntlich einen tragischen Kern; diese funktioniert geradezu wunderbar. Die nötige Distanz erfährt die Handlung durch mehrere Komponenten.

 

Zunächst einmal wechselt der Schauplatz immer wieder zwischen der ursprünglichen Theater- und Bühnen-Situation, in der Gallienne die Geschehnisse einführt oder kommentiert, und den Spielfilmszenen. Zum anderen übernimmt er beide Rollen zugleich: die seines jüngeren Ichs und die seiner Mutter. Was ihm ausgezeichnet gelingt: Er hat in seiner Kindheit ausgiebig all ihre Gesten und ihren Tonfall studiert.

 

Flamenco auf Frauenart lernen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films Yves Saint Laurent mit Guillaume Gallienne von Jalil Lespert

 

und hier einen Bericht über den Film Ich fühl mich DiscoComing-Out-Komödie von Axel Ranisch

 

und hier einen Beitrag über den Film “Der Schaum der Tage”  – Michel Gondrys Verfilmung des Romans von Boris Vian mit Romain Duris + Audrey Tautou.

 

Da er nicht nur sie, sondern auch alle anderen Frauen in seiner Familie verehrt, sagt man ihm nach, homosexuell zu sein. Er interessiert sich nicht für Sport und alles übrige, was Jungs nach Meinung seines Vaters so tun. Der beschäftigt sich deshalb mehr mit Guillaumes übrigen Brüdern und überlässt den zarten Knaben seiner Mutter, die ihn eher wie ein notwendiges Übel betrachtet.

 

Mit seinem sensibel verträumten Wesen passt er nicht in die pragmatisch wohlsituierte Welt der Eltern, die ihn deswegen oft auf Reisen oder ins Internat schicken; dort lässt er wiederum kaum ein Fettnäpfchen aus. So lernt der Ärmste bei seiner spanischen Gastmutter zwar perfekt Flamenco, aber leider nur auf Frauenart; dafür erntet er prompt heftigstes Gelächter. Auch seine erste Schwärmerei für einen Kommilitonen im englischen Internat endet im Desaster.

 

Große Zuneigung für alles

 

Seine Irrwege sind die mal überdrehten, mal absurden Erfahrungen eines grundsympathischen jungen Mannes auf Identitätssuche, über die man gerne im Rückblick mit ihm lacht. Obwohl Guillaume allen Grund zur Bitterkeit hätte, spricht aus allem eine große Zuneigung, zur Mutter, zum Leben, zu den Frauen und nicht zuletzt zu sich selbst – was offenbar hart erkämpft ist. Da darf er sich am Ende auch etwas Sentimentalität erlauben.


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