Tom Hardy

No Turning Back (Locke)

Für Ivan Locke (Tom Hardy) beginnt eine Wettfahrt gegen die Zeit. Foto: Studiocanal

(Kinostart: 19.6.) One Man Show auf nächtlicher Autobahn: Ein Bauingenieur fährt Job und Familie davon – und Regisseur Steven Knight filmt ihn ausschließlich hinter dem Steuer. Tom Hardy brilliert in einem rasend spannenden Kammerspiel.

Im Zeitalter der 100-Millionen-Dollar-Blockbuster wirkt ein minimalistisches Kammerspiel leicht antiquiert. Solch ein Konzept kann nur mit außergewöhnlich guten Schauspielern aufgehen; tritt nur ein einziger Darsteller auf, sollte der brillant sein. Beim Psychodrama „No Turning Back“ ist das so: Tom Hardy, der in „Inception“ (2010) und „The Dark Knight Rises“ (2012) mitwirkte, bietet eine mitreißende one man show.

 

Info

 

No Turning Back (Locke)

 

Regie: Steven Knight,

85 Min., Großbritannien/ USA 2013;

mit: Tom Hardy

 

Website zum Film

 

Sein alter ego Ivan Locke ist ein ruhiger, kluger Mann, der sein Leben fest im Griff hat. Er leitet eine riesige Großbaustelle; nach der Arbeit warten zuhause seine Frau und zwei Söhne auf ihn. Morgen ist der bisher wichtigste Tag in Ivans Berufslaufbahn: Hunderte von Betonmischern müssen koordiniert werden, um ein gigantisches Hochhaus-Fundament zu gießen.

 

Fahrt zur schwangeren Ex-Kollegin

 

Doch der ansonsten sehr pflichtbewusste Ivan informiert seine Firma, dass er morgen nicht vor Ort sein wird. Seiner Familie teilt er mit, dass er heute Abend nicht nach Hause kommen kann, obwohl ein wichtiges Fußballspiel im Fernsehen läuft. Stattdessen fährt er von Birmingham nach London, um einer früheren Arbeitskollegin bei der Geburt ihres Kindes beizustehen das Kind ist von ihm.


Offizieller Filmtrailer


 

Psychopath + Bauingenieur

 

„No Turning Back“ ist der zweite Spielfilm, bei dem Steven Knight Regie führte. Zuvor schrieb er Drehbücher, etwa das von David Cronenbergs Russenmafia-Thriller „Tödliche Versprechen“ (2007). Auch sein Skript zu „No Turning Back“ besticht durch realitätsnahe und scharfzüngige Dialoge, die Tom Hardy als Ivan Locke zum Leben erweckt.

 

Hardys bisher beste Leistung war die Rolle des gewalttätigen Strafgefangenen „Bronson“ (2008) im gleichnamigen Film von Nicolas Winding Refn. Dieser Bronson war ein unberechenbarer und zugleich charismatischer Psychopath; also der größtmögliche denkbare Gegensatz zum rationalen, sanften und ein wenig langweiligen Bauingenieur Ivan Locke. Da verblüfft es doppelt, dass Hardy beide Rollen gleichermaßen überzeugend verkörpert.

 

Autofahrt zum Existenz-Ende

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „On The Road“  – Roadmovie als Verfilmung des Beatnik-Kultbuchs von Jack Kerouac durch Walter Salles

 

und hier einen Bericht über den Film “Jackie – wer braucht schon eine Mutter” tragikomisches Roadmovie von Antoinette Beumer mit Holly Hunter

 

und hier einen Beitrag über das Flüchtlings-Roadmovie “Black Brown White” von Erwin Wagenhofer.

 

In „No Turning Back“ gleitet Locke mit seiner Limousine wie in einem Raumschiff durch die Nacht. Nur die vorbeiziehenden Lichter auf den Scheiben deuten Bewegung an. Doch im Inneren des Wagens steht für Locke die Zeit fast still. In Echtzeit erleben wir seine Autobahnfahrt durch England. Zugleich telefoniert Locke pausenlos per Freisprechanlage mit all den Menschen, die ihn jetzt dringend sprechen wollen.

 

Dabei nimmt der Druck auf Locke ständig zu. Die Situation auf der Baustelle droht völlig aus dem Ruder zu laufen; sein Chef kündigt ihm bereits die Entlassung an. Die psychisch labile Schwangere verlangt von Locke Liebesbekundungen, während seine Frau die Scheidung will. Es sieht danach aus, als werde der Mann am Steuer am Ende seiner Autofahrt ohne Job, Haus und Familie dastehen.

 

Überflüssige Toten-Anrufung

 

Kein Wunder, dass er irgendwann ins Fluchen und Schwitzen gerät; dennoch ist er fest entschlossen, seine Pflicht zu erfüllen. Etwas bemüht wirken nur die eingeschobenen Zwiegespräche mit seinem verstorbenen Vater. Zu offensichtlich sollen sie Lockes Handeln erklären, was gar nicht nötig wäre: Dieses Ein-Mann-Kammerspiel auf Rädern ist spannender als viele Thriller.


Diesen Artikel drucken