Katrin + Susanne Heinz

Art’s Home Is My Kassel

Der Däne Thierry Goeffroy (re.) war kein offizieller documenta-Teilnehmer, spielte sich aber mit Dada-Aktionen ständig in den Vordergrund. Foto: RealFiction Filmverleih

(Kinostart: 10.7.) Alle fünf Jahre bricht die weltgrößte Kunstausstellung über eine mitteldeutsche Mittelgroßstadt herein – ohne sie zu verändern. Zwei Kasseler Schwestern gehen dem Phänomen nach, doch ihre Doku sammelt nur beliebige Impressionen.

Jutta Rudolph fährt durch die Nacht und beschwert sich, was bei Taxifahrern zum Berufsbild gehört. Sie beklagt sich, dass in Kassel nichts los sei – im Januar noch weniger als sonst. Zur gleichen Zeit sitzt Carolyn Christov-Bakargiev (CCB) auf einem Podium und erklärt sich. Von ihr als documenta-Leiterin erwartet man Erklärungen.

 

Info

 

Art’s Home Is My Kassel

 

Regie: Katrin und Susanne Heinz,

86 Min., Deutschland 2014;

mit: Jutta Rudolph, Markus Hanisch, Frank Baum

 

Website zum Film

 

CCB hat zu einer Pressekonferenz der documenta (13) geladen, der größten und ehemals wichtigsten Kunstausstellung der Welt; das Auditorium vor ihr ist voll besetzt. „Art’s Home Is My Kassel“ würden wohl beide Damen nicht behaupten. Frau Rudolph nicht, weil zwar die Stadt ihre Heimat ist, nicht aber die Kunst. CCB nicht, weil sie ihren Job global ausübt: Kassel ist für die internationale Kunstszene nur noch eine Adresse unter vielen.

 

Schwestern fehlt nötiger Abstand

 

Die Schwestern Katrin und Susanne Heinz nennen ihren ersten Dokumentarfilm wenig wortwitzig „Art’s Home Is My Kassel“. Sie sind in der knapp 200.000 Einwohner zählenden Stadt in Nordhessen aufwachsen. Sie kennen ihre Mittelmäßigkeit und die Überdosis Kunst, die über die Stadt alle fünf Jahre hereinbricht. Sie wollten dem Phänomen documenta in Kassel beikommen. Vermutlich hat ihnen der nötige Abstand gefehlt.


Offizieller Filmtrailer


 

Das hier kann doch jeder

 

Drei Monate vor der Eröffnung der documenta (13) im Juni 2012 wird auf der Wiese vor der Orangerie ein Hügel aufgeschüttet. Er zerstört nicht nur die barocken Blickachsen in der Karlsaue, sondern den gesamten Park – finden jedenfalls lokale Rentner. Sie haben wahrscheinlich schon alle documentas kommen und gehen sehen.

 

Sie haben die zeitweilige Anhäufung von Kunstobjekten im – nicht besonders hübschen – Stadtzentrum oft kritisch beäugt. Weder dem Berg noch der ganzen Veranstaltung können sie etwas abgewinnen. Als Kunstkenner mit jahrzehntelanger Erfahrung wissen sie: „Kunst ist was anderes. Das hier kann doch jeder.“

 

Die Knöpfe an Glastüren anbringen

 

Markus Hanisch ist Kunst gegenüber aufgeschlossener; vielleicht notgedrungen. Der Architekt ist beauftragt, in der Karlsaue die temporären Bauten zu errichten, die CCB als Kunst-Parcours plant. Er schläft schlecht, weil er nicht weiß, ob er das große Projekt mit seinem kleinen Büro bewältigen kann.

 

Ähnlich gefordert ist der Schreiner Frank Baum: Als ausführender Handwerker verwirklicht er Projekte von Künstlern wie Mark Dion, der eine „Xylothek“ als große Vitrinen-Installation aus Holz plant. Der Künstler darf mitentscheiden, an welcher Stelle die Knöpfe an den Glastüren angebracht werden. Einen wirklichen Austausch zwischen Ideenlieferant und Ausführendem scheint es nicht zu geben; jeder bleibt in seiner Welt.

 

Keine Schnittmengen von Kunst + Alltag

 

Auch Kassel scheint am liebsten einfach nur Kassel bleiben zu wollen. Doch während der documenta wird die Stadt zur Bühne für Kunstwerke. Die Kunst ermächtigt sich dabei der Stadt, ohne dass es allerdings zu einer Mischung kommt. Man weiß: Nach 100 Tagen wird alles wieder abgebaut. Das scheint alle zu beruhigen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier das documenta-Spezial von Kunst+Film mit 17 Einzelbeiträgen zur documenta (13) in Kassel 2012

 

und hier einen Bericht über die „Wiedereröffnung der Neuen Galerie, documenta-Standort in Kassel, im November 2011

 

und hier einen Beitrag über den Film „Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker“ – Doku über einen Finanzbetrüger in Kassel von Klaus Stern

 

Den Heinz-Schwestern gelingt es kaum, Schnittmengen von Kunst und städtischem Alltag zu zeigen. Vielleicht nehmen sie den Titel der Großkunstschau zu ernst: Sie dokumentieren nur, statt Fragen zu stellen oder wenigstens auf das Phänomen einzugehen, das alle fünf Jahre die vermeintliche Avantgarde der Kunstwelt über Kassel herfällt, ohne dass sich nachhaltig etwas verändert.

 

Film plätschert behäbig wie Fulda

 

Also filmen sie alle möglichen Beteiligten des Spektakels: Künstler, Betrachter, Vermittler, Verächter. Ihr Film sammelt documenta-Impressionen und schneidet sie zu Doku-Klischees zusammen. Das ist einigermaßen ermüdend. Nicht einmal die Kunst kommt zu ihrem Recht, sondern wird gleichermaßen nur eingesammelt.

 

So darf man kurz einen Blick auf Lara Favarettos „Momentary Monument“ werfen: Sie hat hinter dem Hauptbahnhof einen riesigen Schrottplatz aus Altmetall-Teilen angehäuft. Oder man sieht kurz die monumentale Jalousien-Installation von Haegue Yang, oder darf den Hund mit rosafarbenem Bein von Pierre Huyghe streicheln. Hier ist Kunst nur Illustrationsmaterial für einen Film, dem offenbar ein Drehbuch fehlt. So muss der Film behäbig weiterplätschern, wie die Fulda durch die Stadtmitte, bis er am letzten Tag der documenta endet.


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