Jean-Pierre + Luc Dardenne

Wir sind realistisch optimistisch

Jean-Pierre und Luc Dardenne. Foto: Wikipedia/ Georges Biard

In „Zwei Tage, Eine Nacht“ will eine Angestellte ihren Job retten, indem sie alle Kollegen zu überreden versucht, auf ihren Bonus zu verzichten. Warum diese Konstellation aus ihrer Sicht plausibel ist, erklären die Gebrüder Dardenne im Interview.

MM. Dardenne, warum haben Sie Marion Cotillard, in Frankreich ein Superstar, für die Hauptrolle einer Arbeiterin engagiert, der die Entlassung droht?

 

Jean-Pierre: Wir hatten einfach Lust, mit ihr zu arbeiten! Wenn ein Regisseur nicht Lust auf einen ganz bestimmten Schauspieler oder eine Schauspielerin hat, passiert normalerweise am Set nicht viel. Wir wollten uns Marion allerdings zuvor genauer anschauen. Natürlich wussten wir, dass sie eine hervorragende Schauspielerin ist.

 

Info

 

Zwei Tage, Eine Nacht

 

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne,

95 Min., Belgien/ Frankreich/ Italien 2014;

mit: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne

 

Website zum Film

 

Doch wir wollten sie erst persönlich kennen lernen, um zu sehen, ob die Chemie zwischen uns stimmt. Dazu hatten wir Gelegenheit, als wir den Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“ von Jacques Audiard koproduzierten, in dem sie eine Hauptrolle spielt. Dabei haben wir sie getroffen.

 

Chance nur bei Einzeltreffen

 

Der im heutigen Turbokapitalismus häufige Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze spielt sich in Ihrem Film an nur einem Wochenende ab. Warum?

 

Luc: Zu dieser verdichteten Form hat vieles beigetragen. Von Anfang an war uns klar, dass Sandra ihre Kollegen einzeln treffen muss; nicht als Gruppe, denn die würde kaum ihren Standpunkt ändern. Dagegen hat sie von Angesicht zu Angesicht eine Chance, dass ihr Gegenüber umschwenkt, wie ihr Ehemann sagt. Das bedingt quasi die Form eines road movie: Sie klappert nacheinander alle ab. Die sich wiederholenden Konfrontationen dürfen aber nicht langweilen, sondern müssen dramatisch sein.

 

Daher diese verdichtete Form; Kunst kopiert ja nicht das Leben, sondern bedarf einer Form. Die Ausgangsidee war: eine Arbeiterin, die von ihren Kollegen nicht unterstützt und aus der Firma ausgeschlossen wird. Das kommt in der Realität vor. Sie anschließend all ihre Kollegen aufsuchen zu lassen, war unsere dramatische Entscheidung; ein Dispositiv, kann man sagen.


Auszüge des Interviews auf Französisch


 

Momente der Wandlung entscheiden

 

In ihrem letzten Film „Der Junge mit dem Fahrrad“ findet der junge Held eine Ersatzmutter; das erschien manchem Kritiker überraschend optimistisch. Nun gelingt es einer Arbeiterin, reihenweise Kollegen auf ihre Seite zu ziehen. Ist das nicht auch sehr optimistisch – wie in idealistischen Komödien von Frank Capra, in denen kleine Leute über die Mächtigen triumphieren?

 

Jean-Pierre: Frank Capra war Sizilianer; deshalb war er Optimist! (lacht) Scherz beiseite: Es geht um die Momente, in denen die Kollegen ihre Haltung ändern und auch Sandra sich dadurch wandelt, ohne dass ich den Schluss verraten will. Natürlich ist das optimistisch – doch zugleich auch wahrscheinlich. Wir setzen darauf, dass Menschen solidarisch sein und sich gegen Ungerechtigkeit zur Wehr setzen können. Das ist in der Tat optimistisch – aber realistisch optimistisch.

 

Video games kill arthouse movies

 

In den 1960er bis 1980er Jahren wurden viele Autorenfilme als Sozialdramen aus der Arbeitswelt gedreht; dabei ging es oft um handfeste materielle Probleme. Solche Themen sind aus dem arthouse-Kino weitgehend verschwunden. Wie erklären Sie sich das?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Zwei Tage, Eine Nacht“ von Jean-Pierre + Luc Dardenne

 

und hier eine Besprechung des belgischen Kindheits-Dramas Der Junge mit dem Fahrrad von Jean-Pierre + Luc Dardenne

 

und hier ein Interview mit Jean-Pierre + Luc Dardenne über den Film „Der Junge mit dem Fahrrad

 

und hier einen Bericht über den Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“ – Außenseiter-Melodram mit Marion Cotillard von Jacques Audiard.

 

Luc: Eine schwierige Frage. Es mag sein, dass engagiertes Kino im Sinne der 1960/70er Jahre heute kaum noch existiert. Doch es gibt immer noch viele Filme, die genau hinsehen, was sich in der Gesellschaft abspielt – aus Indien, Lateinamerika, aber auch Europe und den USA. Ich habe nichts gegen reines Unterhaltungs-Kino. Aber Filme, die versuchen, die Welt zu verstehen, den Zuschauer zu verstören und seine Gedanken in Bewegung zu bringen, sind weiterhin weltweit sehr präsent und keineswegs verschwunden.

 

Das Publikum dafür ist allerdings kleiner geworden. Das liegt meiner Ansicht daran, weil es viel mehr visuelle Ablenkungen gibt, etwa Video-Spiele. Bilder sind heutzutage viel direkter mit Amüsement verbunden. Da müsste Bildungsarbeit gezielt die Jugend für das kinematographische Erbe interessieren: Viele Film-Klassiker sind auch amüsant und komisch, von Charlie Chaplin bis John Ford. Wenn man das nicht als Jugendlicher sieht, ist es danach zu spät.

 

Emanzipation statt Kanon

 

Das wäre Aufgabe der Kulturpolitik; nicht, um einen Kanon abzugrenzen, sondern um den Blick zu weiten und zu emanzipieren; um Dinge zu entdecken, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Heutzutage halten die meisten Leute Autorenfilme für nervtötend; dieses Vorurteil müsste zerschlagen werden, was nicht einfach ist.

 

Ähnlich in der Literatur: Da wird viel leichte Kost veröffentlicht, die den Namen Roman nicht verdient; Biographien von Stars und solches Zeug. Aber die Leute lesen es, weil man ihnen einredet, sie sollten das tun. Hoffentlich ist das irgendwann vorbei.


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