Maurizius Staerkle-­Drux

Die Böhms – Architektur einer Familie

Gottfried Böhm (Mitte) vor einem neuen Entwurf. Foto: Realfiction Filmverleih

(Kinostart: 29.1.) Segen und Fluch eines Familien-Unternehmens: Seit drei Generationen sind alle Böhms Architekten, und der 95-jährige Patriarch ist immer noch der Boss. Regisseur Staerkle-Drux porträtiert eine Dynastie und vernachlässigt ihre Werke.

„Jot lure kann isch schläch, ävver schläch hüre, dat kann isch jot.“ Gut sehen könne er schlecht, schlecht hören aber gut: Mit diesem Spruch im rheinischen Idiom soll der ehemalige Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Frings, den spektakulären Entwurf der Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“ durchgewunken haben. Nach gründlicher Prüfung des Architektur-Modells, indem er es mit seinen Händen abtastete, bei gleichzeitiger Beratungsresistenz kraft seines Amtes.

 

Info

 

Die Böhms – Architektur einer Familie

 

Regie: Maurizius Staerkle-Drux,

87 Min., Deutschland 2014;

mit: Gottfried Böhm, Elisabeth Böhm, Peter Böhm

 

Weitere Informationen

 

Seit 1968 steht sie im Velberter Stadtteil Neviges, auf dem Hardenberg, im Nirgendwo der nördlichen Ausläufer des Bergischen Landes zwischen Wuppertal und Düsseldorf: fulminant brutalistisch. Ein Betongebirge von einem Gotteshaus, mit mehr als 6000 Plätzen fast so geräumig wie der Kölner Dom. Erbaut von Gottfried Böhm.

 

Bauten besser vorher ansehen

 

Diesem Bauwerk wird der Dokumentarfilm von Maurizius Staerkle-Drux nicht gerecht; auch andere von Böhm entworfene Bauten werden nur en passant gezeigt. Als setze der Regisseur voraus, dass jeder, der sich freiwillig eine Architekten-Doku ansieht, schon a priori mit dessen Werk vertraut sein müsse.


Offizieller Filmtrailer


 

Tragwerk, das Familie zusammenhält

 

Wer etwas unbedarft, aber mit Interesse an moderner Baukunst diesen Film ansieht, könnte enttäuscht werden. Das lässt sich vermeiden, wenn man sich vorab zumindest über die Wallfahrtskirche und Böhms andere Bauwerke informiert: etwa das Rathaus in Bensberg, etliche Pfarrkirchen und Kapellen in Rheinland und Westfalen oder das 2006 eröffnete Hans-Otto-Theater in Potsdam.

 

Regisseur Staerkle-Drux will offensichtlich auf etwas anderes hinaus, was der Filmtitel auch andeutet. Es geht ihm weniger um das Lebenswerk von Gottfried Böhm und seinen drei Söhnen Stephan, Peter und Paul, die ebenfalls Architekten sind. Sondern vielmehr um das Tragwerk, das diese Familie zusammenhält: Zu ihr gehören noch Gottfrieds Vater Dominikus Böhm, als Begründer der Dynastie, und seine Ehefrau Elisabeth – beide natürlich auch Architekten.

 

Die Söhne wissen, wer der Boss ist

 

„Die Böhms – Architektur einer Familie“ ist ein melancholisches und düsteres Porträt dreier Generationen geworden, die schlaglichtartig beleuchtet werden. Im Zentrum steht Gottfried Böhm; ihn nennen seine Söhne und der greise Gärtner, der früher Mitarbeiter im Architekturbüro war und nun die Bäume rund um das Einfamilienhaus in Köln-Marienburg pflegt, nur den „Boss“.

 

Der Boss ist Gottfried Böhm bis ins hohe Alter geblieben. So wenig man über seine Bauten erfährt – wer Chefplaner und Bauherr in familiären Angelegenheiten ist, begreift man schnell. An dieser Hierarchie durfte allenfalls seine Gattin Elisabeth kratzen, die vor drei Jahren schwer demenzkrank verstorben ist. Vor wenigen Tagen, am 23. Januar, hat Böhm seinen 95. Geburtstag gefeiert.

 

Pritzker-Preis 1986 für Gottfried Böhm

 

Seit Jahrzehnten arbeiten im Familien-Domizil seine Söhne im Untergeschoss. Hier teilen sie sich die Räume für ihre mehr oder weniger separat agierenden Architekturbüros. Die Familien- ist keine ungebrochene Erfolgsgeschichte. Obwohl Gottfried Böhm 1986 als bisher einziger deutscher Architekt mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, sozusagen dem Nobelpreis für Baukunst.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „zeigen verhüllen verbergen – Schrein“ im Museumsbau von Avantgarde-Architekt Peter Zumthor mit der Kapelle „Madonna in den Trümmern“ von Gottfried Böhm im Kolumba, Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „52 Wochen, 52 Städte – Fotografien von Iwan Baan“ im AIT Architektur Salon, Köln

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Architecture China – The 100 Contemporary Projects“ über chinesische Gegenwarts-Architektur in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim.

 

Vom übermächtigen Vater hat sich der älteste Sohn Stephan Böhm emotional am stärksten abgenabelt; er entwarf 1991 die Hauptverwaltung der Deutschen Bahn in Frankfurt/Main. Nun treibt er ein Bauprojekt in China voran; der Film zeigt, wie es zu scheitern droht.

 

Streit um Kölner Zentralmoschee

 

Vom mittleren Sohn Peter erfährt man, dass er seiner Heimatstadt die 1998 eröffnete „Kölnarena“ beschert hat, für die er wohl keinen Architekturpreis bekommen wird. 2011 baute er in München die Hochschule für Film und Fernsehen sowie das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst.

 

Der Jüngste, Paul Böhm, begreift sich als Nachfolger der ästhetisch markanten Handschrift seines Vaters. Sein Entwurf für die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld war aber dem türkischen Bauherrn, dem von der Regierung in Ankara kontrollierten DITIB-Verein, bald zu kühn. Nun zankt man um Planungsfehler. Aber die bossgegebene Erbfolge steht: Schon studiert der erste Enkel Architektur.

 

Zu nah dran, um Distanz zu wahren

 

Für sein Langfilm-Debüt hatte der 1988 geborene Staerkle-Drux einen großen Vorteil, der sich auch als Nachteil erweist: Als langjähriger Freund der Familie Böhm war er nah genug dran, um in sie einzutauchen und praktisch in ihr aufzugehen – und zu nah dran, um Distanz zu wahren. Zwei Jahre lang hat er mit den Böhms zusammengelebt. Und war dadurch wohl zu befangen, um aus eindrücklichen Aufnahmen zuhause, bei der Arbeit und auf Reisen sowie Schmalfilmen aus dem Familienarchiv ein kritisches Porträt zu komponieren.


Diesen Artikel drucken