Eran Riklis

Mein Herz tanzt

Edna (Danielle Kitzis) und Eyad (Tawfeek Barhom) sind verliebt. Foto: © NFP

(Kinostart: 21.5.) Romeo und Julia in Jerusalem: Ein arabischer Israeli geht auf ein Elite-Internat und verliebt sich in eine Jüdin; sein behinderter Freund stirbt. Die Tragikomödie von Regisseur Riklis ist stimmig inszeniert, doch leicht übercodiert.

„Israelis und Palästinenser werden sich aus einem Grund niemals einigen können: Sie sind einander zu ähnlich“, hat einmal ein Nahost-Kenner mit israelischem Pass gesagt. Wie sehr sie einander ähneln, führt der israelische Regisseur Eran Riklis in seinem neuen Film vor.

 

Info

 

Mein Herz tanzt

 

Regie: Eran Riklis,

104 Min., Israel/ Deutschland 2014;

mit: Tawfeek Barhom, Danielle Kitzis, Michael Moshonov

 

Website zum Film

 

Dafür hat der deutsche Verleih mit „Mein Herz tanzt“ einen etwas melodramatischen Titel gewählt. Im Original klingt er nüchterner und zugleich vielsagender: „Dancing Arabs“. „Tanzende Araber“, 2002 auf Deutsch erschienen, ist ein halbautobiographischer Roman des Kolumnisten und sitcom-Drehbuchautors Sayed Kashua: Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend als arabischer Israeli im jüdischen Staat. Mit „Tanzen“ ist das Lavieren zwischen zwei Identitäten gemeint.

 

Wahlrecht ohne Wehrdienst

 

Rund ein Fünftel der Einwohner Israels sind ethnische Araber: Sie dürfen wählen, werden aber nicht zum Wehrdienst eingezogen. Obwohl sie de jure alle Rechte und Freiheiten besitzen, klagen sie oft über Diskriminierung im Alltag und fühlen sich als Staatsbürger zweiter Klasse − in ihren Augen verdächtigt die jüdische Mehrheit sie der Illoyalität.

Offizieller Filmtrailer


 

Auftauen beim Rollstuhlfahrer

 

Das erfährt auch Eyad (Tawfeek Barhom), Hauptfigur der Kino-Adaption. Der Junge lebt mit seiner Familie in einer Kleinstadt und glänzt als blitzgescheiter Kopf. Was ihm als erstem Araber ein Stipendium für ein Elite-Internat in Jerusalem verschafft − zur großen Freude seines Vaters: Er flog als Student wegen aufrührerischer Umtriebe von der Universität. Nun winken seinem Sprössling akademische Weihen; Oma wünscht sich, dass ihr Enkel Doktor wird und ihr Beinleiden kuriert.

 

Im Internat fühlt sich Eyad anfangs isoliert: Sein Hebräisch ist nicht fehlerfrei, und die lässige coolness seiner Mitschüler schüchtert ihn ein. Dann lernt er den Rollstuhlfahrer Yonathan (Michael Moshonov) kennen, dessen galliger Humor ihn aus der Reserve lockt; beide werden enge Freunde. Und die schöne Edna (Danielle Kitzis) feilt an Eyads Aussprache − wobei sie die Köpfe eng zusammenstecken. Das nötigt sie zum Versteckspiel.

 

Keine Araber-Kontakte beim Militär

 

Ihre zarten Gefühle sind ihren Familien ein Dorn im Auge. Als die Beziehung auffliegt, wollen Ednas Eltern ihre Tochter von der Schule nehmen. Stattdessen verzichtet Eyad auf sein Stipendium, verlässt das Internat und jobbt, um seinen Schulabschluss als Externer zu machen. Womit er seine Freundin nicht halten kann: Sie strebt nach dem Abi einen Top-Job beim Militär an − da sind Kontakte zu Arabern untersagt.

 

Derweil siecht sein an Multipler Sklerose erkrankter Freund Yonathan dahin. Eyad kümmert sich rührend um ihn und kommt währenddessen Yonathans Mutter näher. Als das Ende ihres Sohnes absehbar wird, sorgt sie sich ihrerseits um Eyads Wohlergehen − und die Verhältnisse geraten ins Tanzen.

 

„Love will tear us apart“ als Leitmotiv

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Zaytoun”  – über eine palästinensisch-israelische Freundschaft von Eran Riklis

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Reise des Personalmanagers“ – herrlich absurde Osteuropa-Odyssee von Eran Riklis

 

und hier einen Beitrag über den Film „Bethlehem“ – brillantes Spionagedrama im Nahostkonflikt von Yuval Adler

 

Romeo und Julia in Israel Anfang der 1990er Jahre plus kulturelles Exil eines hochbegabten Außenseiters, Agonie eines Schwerstbehinderten und Leid seiner Angehörigen: Dieser Geschichte werden allerhand Probleme aufgehalst. Dass „Mein Herz tanzt“ daran nicht erstickt, liegt an der Inszenierung: Regisseur Riklis legt seine Filme gern als beschwingte Komödien an, die allmählich ins Realistische driften, bis sie melancholisch auslaufen.

 

So auch hier: Es geht los mit einem Feuerwerk gutmütiger bis makabrer Scherze − beim Ausbruch des ersten Irak-Kriegs betet Eyads Oma zu Allah, damit Saddams Raketen Tel Aviv auslöschen. Mit dem Umzug nach Jerusalem taucht der Film ein ins Dickicht jüdisch-arabischer Ressentiments und Schikanen, und am Ende ist das halbe Personal verschwunden oder tot. Dazu erklingt der New-Wave-Klassiker „Love will tear us apart“ von Joy Division.

 

Autor ist ausgewandert

 

Der song war schon zuvor das musikalische Leitmotiv und kündigte einen Schluss à la Shakespeare an. Dadurch wirkt der Ablauf trotz aller Wendungen nicht überraschend: Alle Szenen erscheinen leicht übercodiert. Jedes Element wird zum Bedeutungsträger im allgegenwärtigen israelisch-palästinensischen Konflikt − womit der Film vermutlich die Wirklichkeit widerspiegelt. Eine ähnlich radikale Entscheidung wie sein alter ego Eyad hat übrigens Sayed Kashua getroffen: Er wanderte 2014 in die USA aus.


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