Thomas Vinterberg

Am grünen Rand der Welt

Gabriel Oak (Matthias Schoenaerts) wirbt vergeblich um Bathsheba Everdene (Carey Mulligan). Foto: © 2015 Twentieth Century Fox

(Kinostart: 16.7.) Herzensirrungen und -wirrungen im viktorianischen England: Ex-Dogma-Regisseur Vinterberg verfilmt einen Klassiker von Thomas Hardy. Für angestaubte Figurenkonstellation und Frauenbilder entschädigen opulente Landschaftsaufnahmen.

Die Grafschaft Dorset ist eine hinreißende, typisch englische Postkarten-Idylle. Doch „Am grünen Rand der Welt“ war Ende des 19. Jahrhunderts das Leben hart; geprägt von der rauen Natur und dem Rhythmus der Jahreszeiten. Hier spielt der 1874 erschienene Roman von Thomas Hardy (1840-1928), der im Original „Far from the Madding Crowd“ betitelt ist.

 

Info

 

Am grünen Rand der Welt

 

Regie: Thomas Vinterberg,

119 Min., Großbritannien/ USA 2015;

mit: Carey Mulligan, Michael Sheen, Matthias Schoenaerts

 

Weitere Informationen

 

Diesen Klassiker hat der dänische Regisseur Thomas Vinterberg, bislang eher auf Psychodramen wie „Das Fest“ (1998) oder „Die Jagd“ (2012) spezialisiert, neu verfilmt. Als Epos, in dem die wildromantische Natur in Südwestengland zwischen Wäldern und Steilküste eine Hauptrolle spielt; dort durchleben die Protagonisten vor viktorianischer Kulisse ein großes Liebes-Drama mit wohldosierter Shakespearescher Tragik.

 

Heldin reitet nicht im Damensitz

 

Everdene – mit Carey Mulligan sehr passend besetzt – ist klug, schön, eigensinnig – und so verwegen, nicht im Damensitz zu reiten. Als Waise lebt sie zunächst mittellos bei einer Tante. Dann wird Bathsheba durch eine Erbschaft finanziell unabhängig; fortan führt sie mit eindrucksvoller Zähigkeit und Ehrgeiz die Farm ihres Onkels weiter.

Offizieller Filmtrailer


 

Anonymer Heirats-Antrag per Karte

 

Allerlei Irrungen und Wirrungen bleiben nicht aus; gleich drei Verehrer treten auf den Plan. Zuerst der gewissenhafte Schäfer Gabriel Oak: ein Mann, stark, stolz, beständig wie eine Eiche und von fast überirdischer Integrität. Er liebt Bathsheba nach ihrem gesellschaftlichen Aufstieg weiter aus der Ferne; treu, aber nie unterwürfig. Matthias Schoenarts verkörpert diesen Schäfer überzeugend als erdig edlen Charakter, der kein Wort mehr spricht als nötig.

 

Dann ist da der etwas angegraute, aber allseits begehrte, weil wohlhabende Grundbesitzer und ewige Junggeselle William Boldwood (Michael Sheen). Mit ihm treibt Bathsheba einen unbedachten Scherz, indem sie ihm eine anonyme Valentinskarte mit der Frage „Willst du mich heiraten?“ zuschickt – was in Boldwood, als er die Absenderin herausfindet, einen ungeahnten Liebes-Wahn ohne Gleichen entfacht.

 

Gatte erschossen + Verehrer im Irrenhaus

 

Bathsheba erhört aber weder Oak noch Boldwood; sie wird ausgerechnet beim Sergeanten und frivolen Draufgänger Frank Troy (Tom Sturridge) schwach. Das amouröse Unheil nimmt seinen Lauf. Bathsheba heiratet den Nichtnutz und Spieler Troy, der ihr bald grausamerweise gesteht, dass er eigentlich eine Andere liebt.

 

Oak sorgt allerdings aufopferungsvoll dafür, dass Bathshebas Farm trotz ihres unzuverlässigen Gemahls Troy nicht verkommt. Der wird ein paar Verwicklungen später von Boldwood erschossen: Dafür wandert er ins Irrenhaus, rettet aber zugleich Bathsheba aus ihrem Ehe-Gefängnis. Die blutjunge Witwe schultert tapfer ihr Unglück; sie bemüht sich, ihre Geschäfte zu retten – und erkennt endlich auch die wahre Liebe.

 

Allwissend der Heldin beim Fallen zusehen

 

Die Grundkonstellation von Hardys erstem Bucherfolg wirkt heute etwas konstruiert: Alle drei Verehrer der schönen Bathsheba stolpern nacheinander unvermittelt und arg schnell ins Geschehen. Zudem wirkt Hardys Frauenbild trotz seiner unabhängigen, selbstbewussten Heldin etwas merkwürdig: Weil sie ihren Gefühlen folgt, stürzt sie sich und andere ins Unglück.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films Die Jagd – dänisches Psycho-Drama über Kindesmissbrauch von Thomas Vinterberg

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Gärtnerin von Versailles“ – Historien-Liebesdrama mit Matthias Schoenaerts von Alan Rickman

 

und hier einen Beitrag über den Film “Confession”– exzellente Verfilmung des Liebesroman-Klassikers von Alfred de Musset durch Sylvie Verheyde mit Pete Doherty + Charlotte Gainsbourg.

 

Dabei schaut der Autor ihr allzu allwissend beim Fallen zu. Was seine leicht angestaubte Geschichte dennoch zum Lesevergnügen macht, ist die genaue, humorvolle und vor allem stets komplexe und ambivalente Schilderung der Haupt- und Nebenfiguren.

 

Weit entfernt von Dogma-Ästhetik

 

Solche Nuancen fehlen der Verfilmung naturgemäß. Nichtsdestoweniger gelingt es dem Regisseur, Hardys feine Figurenzeichnung mit einigen Vereinfachungen ins Kino hinüberzuretten; auch dank hervorragender Schauspieler. Darüber hinaus findet Vinterberg für die leicht entrückte Atmosphäre des viktorianischen Zeitalters eine eindringliche Bildsprache – denkbar weit entfernt von der puristischen Ästhetik des „Dogma“-Manifestes, das er 1995 mit unterzeichnet hatte.

 

Stattdessen setzt Vinterberg die Handlung zeitlos entschleunigt, mit sinnlicher Opulenz und viel Gespür für die Stimmungen der Romanvorlage in Szene. „Am grünen Rand der Welt“ ist ein bewegtes Sittengemälde mit Herren und Knechten, Damen und Mägden, gefallenen Mädchen – und schwelgerisch schönen Landschaftsaufnahmen. Da macht es fast nichts, dass die story eigentlich vollkommen anachronistisch ist.


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