Naomi Kawase

Still the Water

Wie die Wassernixen: Kyoko (Jun Yoshinaga) und Kaito (Nijirô Murakami). Fotoquelle: Film Kino Text Verleih

(Kinostart: 30.7.) Amami-Oshima sehen und sterben: Regisseurin Naomi Kawase verwandelt ihre schlichte Geschichte über zwei Jugendliche auf einer japanischen Tropen-Insel in eine metaphysische Parabel mit malerisch schönen Unterwasser-Aufnahmen.

Der Tod im Kino immer präsent; allein schon durch die Flüchtigkeit von Bild und Ton auf der Leinwand. Außerdem behandeln ihn viele Filme explizit, vom splatter-Gemetzel bis zur romantischen Komödie. Ja, sogar dort: Beim glücklichen Schluss vor dem Traualtar schwingt in der Heiratsformel „Bis dass der Tod euch scheidet“ das Ende des Lebens mit.

 

Info

 

Still the Water

 

Regie: Naomi Kawase,

120 Min., Japan 2014;

mit: Nijiro Murakami, Jun Yoshinaga, Miyuki Matsuda

 

Website zum Film

 

Für die japanische Regisseurin Naomi Kawase steht die Vergänglichkeit des Daseins ebenfalls im Zentrum ihrer Filme; neben der Natur und dem Zerfall familiärer Beziehungen. Auch ihr siebter Spielfilm „Still the Water“ macht von Anfang an sein Interesse an existenziellen Fragen nach den letzten Dingen deutlich.

 

Zicklein verblutet in Realzeit

 

Nach ein paar Aufnahmen der grandios wuchtigen Meeresbrandung wird gleich in der fünften Einstellung einem Zicklein die Kehle aufgeschlitzt; es verblutet vor der Kamera in Realzeit. Dann findet der junge Kaito (Nijirô Murakami) nachts am Strand eine tätowierte Leiche – der Mann war ein Liebhaber seiner Mutter.

Offizieller Filmtrailer, OmU


 

Echte Seejungfrau in Schuluniform

 

Überdies ist die Mutter seiner Schulfreundin Kyoko (Jun Yoshinaga) todkrank, was das eigentlich selbstbewusste und bodenständige Mädchen in große Zweifel am Sinn des Lebens stürzt. Dagegen leidet ihr Freund Kaito am leichtfertigen Lebenswandel seiner getrennt lebenden Mutter; er versucht mit mäßigem Erfolg, eine Beziehung zum Vater im fernen Tokio aufzubauen.

 

Kyokos Schutzraum ist das Meer. Das Wasser ist ihr Element, in dem sie leicht und geschickt zwischen den Korallenriffen umhergleitet. Als echte Seejungfrau; allerdings trägt sie statt Schuppen und Schwimmflosse auch zum Tauchen eine traditionelle japanische Schuluniform mit Faltenrock und Kniestrümpfen.

 

Eher Platzhalter-Protagonisten als Charaktere

 

Außerdem würde sie ihre Jungfräulichkeit gerne mit Kaito verlieren. Doch der fürchtet sich nicht nur vor dem Wasser, das ihm „zu lebendig“ vorkommt, sondern duckt sich auch vor Kyokos anschmiegsamer Körperlichkeit weg, wenn er sie auf seinem Fahrrad vom Strand nach Hause bringt. Das sind luftig berauschende Fahrten entlang üppig wuchender Vegetation vor dem bläulich glitzernden Pazifik.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Verfilmung des Bestsellers “Naokos Lächeln” von Haruki Murakami über unerfüllte Jugendliebe in Japan um 1970 durch Tran Anh Hung

 

und hier einen Bericht über den Film „Shanghai, Shimen Road“ – stimmungsvolles Generationen-Porträt der Jugend in China 1989 von Haolun Shu

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Still Walking“ – subtiles Familien-Porträt im heutigen Japan von Hirokazu Kore-eda.

 

Was zuerst wie ein coming of age-Drama aussieht, verwandelt sich bald in eine metaphysische Parabel, bei der die beiden Jugendlichen nicht nur wegen der Leere ihrer allzu ebenmäßigen Gesichter eher Platzhalter als Charaktere sind. Auch der Titel verweist auf die biologische und spirituelle Verbundenheit der Menschen mit dem Ozean.

 

Zurück auf die Heimat-Insel

 

Dabei spiegelt Regisseurin Kawase in ihrer Erzählung die persönlich-intime in der kosmischen Perspektive; sie lässt den Todesfall in Kyokos Familie im Kreislauf der Natur vielfältigen Widerhall finden – ebenso in den lebendig gezeichneten Figuren ihrer Umgebung.

 

Wie in den meisten ihrer Filme lässt Kawase auch hier Erinnerungen an ihre eigene Kindheit einfließen. Diesmal ist sie auf ihr Heimat-Eiland Amami-Oshima am Südrand der japanischen Inselgruppe zurückgekehrt.

 

Schamanistische Rituale

 

Auf diesem paradiesisch anmutenden Ort mit subtropischer Natur sorgen schamanistische Traditionen und Rituale für Transzendenz und gemeinschaftliche Nähe. Dabei gibt es in den klaren Bildern von Sturmwogen, krabbelnden Insekten oder Menschen bei der Feldarbeit auch Anklänge an Nawases frühere, stärker dokumentarisch ausgerichtete Arbeiten.


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