Nicole Kidman

Königin der Wüste

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft: Gertrude Bell (Nicole Kidman) gibt ihr Fernglas einem Beduinen-Scheich. Foto: © 2015 PROKINO Filmverleih GmbH

(Kinostart: 3.9.) Lawrence von Arabien, zweiter Teil: Gertrude Bell war Geburtshelferin der arabischen Nationen und krönte Könige. Ihr abenteuerliches Leben verfilmt Regisseur Werner Herzog als malerisches Wüsten-Epos – und spart Politik weitgehend aus.

So vertraute Bilder so ferner Weltgegenden: Sengende Sonne lässt die Wüstenluft flimmern. Karawanen-Kamele stapfen schaukelnd durch die Dünen. Ein Sandsturm hüllt Zelte in Staubnebel. Wilde Reiter preschen schreiend und schießend heran. Gefangene werden versklavt – oder vom großmütigen Scheich auf bunten Teppichen reich bewirtet.

 

Info

 

Königin der Wüste –
Queen of the Desert

 

Regie: Werner Herzog,

128 Min., USA/ Marokko 2015;

mit: Nicole Kidman, James Franco, Robert Pattinson

 

Website zum Film

 

So sieht der märchenhafte Orient aus, den sich der Okzident seit 200 Jahren erträumt. An diesem Traum haben viele mitgewirkt: Forschungsreisende, Historienmaler und Romanvielschreiber wie Karl May als sein alter ego Kara Ben Nemsi. Mit „Königin der Wüste“ stellt sich Werner Herzog, der wohl leidenschaftlichste Geschichtenerzähler des deutschen Autorenfilms, ganz bewusst in diese Tradition des sehnsüchtig sentimentalen Orientalismus.

 

Cinemascope-taugliche Wüste

 

Womit Herzog zugleich an den größten aller Orient-Fabulierer anknüpft: In „Lawrence von Arabien“ machte David Lean 1962 die Wüste Cinemascope-tauglich und seinen Titelhelden unsterblich. Der 27 Jahre zuvor gestorbene T.E. Lawrence hatte zu Lebzeiten gegen seine Verehrung als britischer Kriegsheld und Geburtshelfer der arabischen Nationen nichts einzuwenden gehabt. Die historische Wirklichkeit sah jedoch anders aus; das macht sich Herzog zunutze.

Offizieller Filmtrailer


 

Vor Heirat nach Teheran fliehen

 

Lawrence hatte im Ersten Weltkrieg die Beduinen militärisch organisiert. Gemeinsam schlugen sie die Truppen des Osmanischen Reiches am Roten Meer, doch die versprochene Unabhängigkeit konnte er ihnen nicht verschaffen. Daher schmähten ihn die Araber als Verräter; er zog sich enttäuscht aus der Politik zurück. Die eigentliche Drahtzieherin bei der Zerschlagung des Osmanischen Reiches in arabische Nationalstaaten war eine Frau: Gertrude Bell (1862-1926).

 

Sie war maßgeblich daran beteiligt, die Grenzen für den Irak, Syrien und Jordanien zu ziehen und Monarchen für die neuen Königreiche auszuwählen. Ihr Lebenslauf mutet so abenteuerlich an, dass der des Archäologen Lawrence sich dagegen fast konventionell ausnimmt. Als Tochter eines Stahlbarons durfte Bell in Oxford Zeitgeschichte studieren. Weil die Heiratskandidaten aus ihren Kreisen sie anödeten, verbrachte sie 1893 sechs Monate an der britischen Botschaft in Teheran, die ein Verwandter von ihr leitete.

 

Als erste Weiße bei lokalen Herrschern

 

Hier verliebte sie sich in den Botschafts-Sekretär Henry Cardogan, der um ihre Hand anhielt. Da er verarmt war, lehnte ihr Vater ab; kurz darauf starb Cardogan. Voller Trauer stürzte sich Bell in ausgedehnte Reisen: einmal um die ganze Welt, dann in die Alpen, wo sie zur wagemutigen Bergsteigerin wurde, ab 1899 durch den Nahen Osten. Jahrelang durchstreifte sie mit wenigen Getreuen kaum bekannte Landstriche von Anatolien bis Saudi-Arabien, erforschte antike Ruinen und die Lebensweise der dortigen Nomadenstämme.

 

Bell sprach perfekt Arabisch und suchte lokale Herrscher auf, die nie zuvor Weiße empfangen hatten. Ihre intimen Kenntnisse der innerarabischen Verhältnisse machte sie nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Informantin für den britischen Geheimdienst interessant; 1915 wurde sie im British Arab Bureau in Kairo tätig. Ihre leidenschaftliche Affäre mit dem verheirateten Offizier Richard Doughty-Wylie endete allerdings brutal: Er starb im Mai bei der Schlacht von Gallipoli.

 

Selbstmord mit Schlaftabletten

 

1917 folgte Bell den siegreichen britischen Truppen nach Bagdad und baute dort das irakische Nationalmuseum mit auf; mit ihrer Empfehlung, den Irak auf die Unabhängigkeit vorzubereiten, fand sie kein Gehör. Neun Jahre später beging Bell Selbstmord mit einer Überdosis Schlaftabletten.

 

Ihr tragisches Ende spart Werner Herzogs biopic ebenso aus wie ihre prominente Rolle bei der Neuordnung der arabischen Welt. Stattdessen wird episch ihr Werdegang ausgebreitet: Wie die temperamentvolle Uni-Absolventin (Nicole Kidman) den viktorianischen Zwängen ihrer Heimat entflieht, in Teheran vom kultivierten Cardogan (James Franco) in die Reichtümer der islamischen Kultur eingeführt wird und ihrem Zauber sofort erliegt – wobei er ihre Fernost- und Hochgebirgs-Ausflüge unterschlägt.

 

Husarenstücke in Pracht-Kulissen

 

Bell hat viele Schriften über ihre Expeditionen hinterlassen; das erlaubt Regisseur Herzog, sie detailreich auszumalen. Etwa ihr Besuch beim Beg der Drusen in Südwest-Syrien, mit dem sie über französische Poesie plaudert, ihr Treffen mit T.E. Lawrence (Robert Pattinson) bei Ausgrabungen im südanatolischen Karkemiš, oder ihre Geiselnahme im Raschid-Palast von Ha’il im Norden Saudi-Arabiens. Ihre Beobachtung, dass die Raschid-Dynastie durch Fehden ausgeblutet war, bewog London, von nun an deren Feinde vom Stamm der Saudis zu unterstützen.

 

All diese Husarenstücke spielen sich gar manierlich in prächtigen Kulissen ab: Basar-Gassen sind bunt und blitzsauber, Kamele frisch gestriegelt und die Kufiya-Träger willige Helfer, die wortlos Prunkwaffen oder Teegläser herbeibringen, derweil Europäer in Uniformen über ihr künftiges Schicksal entscheiden.

 

Kulturelle, nicht soziale Grenzen sprengen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung  „Lawrence von Arabien – Genese eines Mythos“ – im Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Liebe seines Lebens  (The Railway Man)“ – British-Empire-Drama von Jonathan Teplitzky mit Nicole Kidman + Colin Firth

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Orientalismus in Europa” – faszinierende Überblicks-Schau in der Hypo-Kunsthalle, München.

 

Daher wurde der Film auf der Berlinale teils ungnädig aufgenommen; manche Kritiker warfen ihm neokolonialistische Sichtweise und chauvinistische Hochglanz-Optik vor. Solche Vorwürfe verkennen Werner Herzog völlig: In etlichen seiner Filme thematisiert er den culture clash zwischen „dem Westen“ und der übrigen Welt. Stets ging es ihm darum, mit welchen Scheuklappen und Vorurteilen die Eindringlinge das exotische Andere wahrnehmen – ob in „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972), „Fitzcarraldo“ (1982) oder „Cobra Verde“ (1987).

 

Wie hier: Gertrude Bell kannte den Nahen Osten besser als jeder andere Zeitgenosse. Dennoch blieb sie auf sämtlichen Reisen eine reiche Engländerin, die alles aus eigener Tasche finanzierte; sie wurde als Frau von arabischen Potentaten akzeptiert, weil beide Gesprächspartner ihrer jeweiligen Oberschicht angehörten. Sie überwand unerhört viele kulturelle Barrieren, aber keine sozialen.

 

Kein Aufschluss über Arabellion-Chaos

 

Genau das rekonstruiert Regisseur Herzog: den Blick der Kolonial-Eliten um 1900 auf die von ihnen beherrschten Gebiete und Völker – und sich selbst. Im Genre des schwelgerischen Sandmeer-Epos, das David Lean mit seinem opus magnum von 1962 mustergültig fürs Kino definiert hat; daran schließt „Königin der Wüste“ nahtlos und formvollendet an.

 

Allerdings ist seither ein halbes Jahrhundert vergangen; die Staatenordnung, die europäische Siegermächte der arabischen Welt aufzwangen, zerfällt wie vormals das Osmanische Reich. Da hätte man gern mehr darüber erfahren, welchen Anteil Gertrude Bell daran hatte. Doch der Film widmet sich lieber ausführlich ihren beiden gescheiterten Liebesbeziehungen; politische Händel der Einheimischen will er gar nicht so genau wissen. Wie die westliche Welt insgesamt, die fassungslos auf das Post-Arabellion-Chaos starrt.


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