Jean-Jacques Annaud

Der letzte Wolf (3D)

Die beiden Freunde Yang Ke (Shawn Dou) und Chen Zhen (Shaofeng Feng) unterstützen die Nomaden. Foto: Wild Bunch Germany

(Kinostart: 29.10.) Öko-Bewusstsein im Wolfspelz: Den Konflikt zwischen Mongolen und chinesischen Zuwanderern, die Raubbau treiben, verfilmt Regisseur Jean-Jacques Annaud als offizielle Großproduktion – mit diskreter, aber deutlicher Systemkritik.

Der Wolf hat keinen guten Leumund. Kaum haben sich wieder ein paar Wölfe – es sollen rund 300 sein – in Deutschland angesiedelt, stellt ihnen die Presse mit Horror-Meldungen über gerissene Schafe nach: Züchter fordern Schadensersatz, Jäger Abschuss-Prämien. Auch als Kuscheltier-Fotomodell für Facebook postings eignet sich Meister Isegrim kaum.

 

Info

 

Der letzte Wolf  (3D)

 

Regie: Jean-Jacques Annaud,

119 Min., China/ Frankreich 2015;

mit: Shaofeng Feng, Shawn Dou, Basen Zhabu

 

Website zum Film

 

Denn Canis lupus flößt immer noch Furcht ein. Das Raubtier Mensch hegt tief verwurzelten Respekt vor dem Ahnherrn seiner Haushunde, den es in vielen Weltregionen fast ausgerottet hat. In Nordamerika und Europa leben nur noch ein paar Tausend Wölfe; allein in Russland und der Mongolei streifen sie noch in fünfstelliger Zahl herum. In China soll es rund 6000 Wölfe geben, die aber vom Aussterben bedroht sind: Davon handelt der Film von Jean-Jacques Annaud.

 

Zoo aus Bären, Tigern + Primaten

 

Natürlich kann man „Der letzte Wolf“ als Tier-Spielfilm ansehen. Unter den französischen mainstream-Regisseuren hat Annaud das größte Zoogehege angelegt: „Der Bär“ (1988) handelte von Braunbären, „Zwei Brüder“ (2004) von Tiger-Jungen und „Seine Majestät, das Schwein“ (2007) gar von einem mythischen Mischwesen aus Schwein und Mensch – nicht zu vergessen „Am Anfang war das Feuer“ (1981): Die grunzenden Primaten in diesem Steinzeit-Drama waren noch etliche Generationen von homo sapiens entfernt.

Offizieller Filmtrailer


 

Vorlage war Mega-bestseller in China

 

Vermutlich wegen seiner Fauna-Kompetenz wurde der Franzose für diese chinesische Großproduktion engagiert – obwohl er angeblich nach „Sieben Jahre in Tibet“ (1997) mit Brad Pitt als Dalai-Lama-Lehrer Heinrich Harrer ein lebenslanges Einreiseverbot erhalten hatte: Dieses Leinwand-Epos über das unabhängige Himalaya-Hochland vor der chinesischen Besetzung passte Beijing ideologisch nicht.

 

Doch die Volksrepublik wandelt sich, was den Erfolg von „Der Zorn der Wölfe“ erklären mag. 2004 unter dem Pseudonym Jiang Rong veröffentlicht, schildert der Autor Lü Jiamin in diesem Tatsachen-Roman seine Erlebnisse in der Inneren Mongolei. Dorthin war er 1967 während der Kulturrevolution verfrachtet worden, um mongolische Hirten zu alphabetisieren. Eine Erfahrung, die viele Generations-Genossen mit ihm teilten: Das Buch wurde mit rund 20 Millionen verkauften Exemplaren ein Mega-bestseller in China.

 

Chinesen stören Fleischreserve-Balance

 

Dem dort entstehenden Umweltbewusstsein liefert der Roman eine Blaupause: Autor Lü beschreibt fasziniert das ökologische Gleichgewicht in der kargen Steppenlandschaft, das die Nomaden bewusst erhalten. Die wilden Wolfsrudel gehören dazu: Im Winter jagen sie Gazellen auf einen vereisten See, wo diese umkommen – und als gefrorene Nahrungs-Reserve frisch bleiben. Die Nomaden nehmen sich nur einen Teil der Tiefkühl-Kost und lassen den Rest den Wölfen; andernfalls würden sie ihre Schafherden angreifen.

 

Diese Balance wird durch chinesische Neusiedler empfindlich gestört: Ihre Parteifunktionäre transportieren die Fleisch-Reserven ab und nötigen die Mongolen, eine Herde chinesischer Militärpferde zu hüten. Als die ausgehungerten Wölfe über sie herfallen, ergeht der Befehl, alle Raubtiere zu töten. Hauptfigur Chen Zhen (Shaofeng Feng), das alter ego des Autors, rettet ein Wolfsjunges und zieht es heimlich auf – bis zum showdown zwischen Mensch und Tier.

 

Drei Jahre Dressur für Wölfe-Darsteller

 

Trotz mancher Wechselfälle orientiert sich der plot an üblichen Strickmustern kommunistischer Propaganda-Epen. Die Figuren-Konstellation ist ebenso konventionell: Chen wird von seinem Studienfreund Yang Ke (Shawn Dou) als sidekick begleitet, vom weisen Alten Bilig (Basen Zhabu) belehrt – und eine spröde Schönheit namens Gasma verdreht ihm den Kopf. Obwohl alle in kargen Jurten mit wenig Wasser hausen, sind sie stets frisch gewaschen und frisiert.

 

Selbstredend gibt es spektakuläre Jagdszenen zuhauf: Nur bei Totalen wurden computergenerierte Bilder benutzt. Für Nahaufnahmen setzte Regisseur Annaud echte Jungwölfe ein, die er für diesen Zweck drei Jahre lang aufwachsen und dressieren ließ. Bemerkenswert an diesem Film sind aber weniger dieser blockbuster-Aufwand, als vielmehr die Zwischentöne in Handlung und Dialogen.

 

Kolonialisierung dauert bis heute an

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Der Löwen-Kuhnert – Afrikas Tierwelt in den Zeichnungen von Wilhelm Kuhnert“ in der Alten Nationalgalerie, Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film „Waiting for the Sea“ – Ökologie-Tragikomödie in Mittelasien von Bakhtiar Khudoijnazarov mit Detlev Buck

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Jimmy Nelson: Before They Pass Away” mit Fotografien aus der Mongolei in der Galerie Camerawork, Berlin.

 

Früher traten in sowjetischen oder rotchinesischen Filmen „nationale Minderheiten“ nur als Statisten auf: Sie trugen bunte Kostüme, spielten exotische Instrumente und sorgten für Situationskomik. In „Der letzte Wolf“ agieren die Mongolen, allen voran Clan-Chef Bilig, nicht nur auf Augenhöhe mit den chinesischen Zuwanderern. Sie bringen ihnen auch das Überleben in der unwirtlichen Steppe bei – auch wenn sie am Ende unterliegen.

 

Dabei führt der Film eine Kolonialisierung vor, die bis heute andauert: Die Regierung siedelt Millionen von Han-Chinesen in den dünn bevölkerten Westprovinzen an. Diese schleichende Sinisierung bedroht lokale Völker, die dagegen lautstark protestieren; vor allem Tibeter und Uiguren.

 

Parteikader haben keine Ahnung

 

In diesem Konflikt schlägt sich das Drehbuch zwar diskret, doch unmissverständlich auf die Seite der Autochthonen: Die Parteikader haben keine Ahnung, agieren aber rücksichtslos – trotz maoistisch-ritueller Kritik und Selbstkritik. Was bei einer Großproduktion überrascht, die offiziell als Chinas Kandidat für den nächsten Auslands-Oscar nominiert worden ist.

 

Das macht den Film noch nicht zum Zeugnis für einen einschneidenden Kurswechsel hin zu Umweltschutz und Achtung der Menschenrechte; wer weiß schon, welche Parteifraktion ihn mit welchen Absichten in Auftrag gab? Doch ein Indiz für innerchinesische Zweifel an Wachstums-Ideologie und Kulturchauvinismus ist er allemal.


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