Randall Wright

Hockney

David Hockney malt "Woldgate Before Kilham" 2007. Foto: Arsenal Filmverleih
(Kinostart: 15.10.) Entertainer seines Ruhms: Mit pastellbunten Bildern des Anything Goes wurde David Hockney zur Pop-Art-Legende. Regisseur Wright porträtiert ihn wie fürs Familienarchiv – er ist von seinem Freund zu fasziniert, um nachzufragen.

Neuerdings kommen immer mehr Dokumentarfilme über bildende Künstler ins Kino. Das scheint ein dankbares Genre zu sein; Kunst liefert ja schon an sich gute Bilder. Und ein Maler wie David Hockney sowieso: nackte Männer am swimming pool oder palmengesäumte Häuser in Malibu.

 

Info

 

Hockney

 

Regie: Randall Wright,

113 Min., Großbritannien/ USA 2014;

mit: David Hockney, Paul DuBois

 

Weitere Informationen

 

Seine lebensfrohe, pastellbunte Pop Art britischer Prägung, die aber erst unter dem Licht der kalifornischen Sonne zur vollen Blüte kam, machte Hockney zu einem der bekanntesten britischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Jetzt kommt der Porträtfilm „Hockney“ auf die Leinwand. Doch man erfährt kaum mehr über den Maler, als man ohnehin schon weiß.

 

Vom Arbeiterjungen zum schwulen Dandy

 

Hockney: ein nordenglischer Arbeiterjunge, der in Los Angeles groß rauskam. Hockney, der schwule bonvivant. Hockney, der spleenige dandy. Man sieht zwar allerlei, aber dennoch erschließt sich nicht viel. Was am Regisseur liegt, der zwar nah dran ist an David Hockney, aber sich leider nicht traut, dichter heranzugehen, als den Meister selbst zu begleiten und enge Freunde vor die Kamera zu holen.

Offizieller Filmtrailer


 

Rückblick auf ein Leben als Star-Künstler

 

Regisseur Randall Wright ist zu fasziniert von David Hockney. Wright vergisst, dass seine Emphase dem Zuschauer schmackhafter gemacht würde, wenn er das Werk des Künstlers auch einmal kritisch betrachtete. Doch der Regisseur belässt es bei einer hommage an seinen Freund Hockney, den er seit 16 Jahren kennt: „Er ist ganz einfach eine außergewöhnliche Persönlichkeit“, schwärmt Wright: „Ich hätte gerne einen Film über ihn gemacht, auch wenn er kein berühmter Künstler wäre.“

 

So darf Hockney in Erinnerungen schwelgen. Wie es damals war, hinter rußgeschwärzten Backsteinmauern der Industriestadt Bradford in Yorkshire. In den 1960er Jahren, als Homosexualität im Vereinigten Königreich noch ein Straftatbestand war. Hockney spricht durchaus über seine Wünsche und Ängste als junger Mann. Doch es sind immer Erinnerungen eines alten Herrn, der vor einigen Jahren aus seinem US-Exil zurückgekehrt ist und nun von den Hügeln Yorkshires auf sein Leben als Star-Künstler zurückblickt.

 

Kein Film macht sich von allein

 

Wer hat schon einen objektiven Blick auf sich selbst? Daraus kann man David Hockney keinen Vorwurf machen. Aber sehr wohl einem Regisseur, der nicht fürs private Familienarchiv dreht, sondern für eine interessierte Öffentlichkeit.

 

Wright hatte alle Möglichkeiten: Er bekam Zugriff auf dieses Archiv, auf Dutzende Fotoalben, auf selbst gedrehte Super-Acht-Filme und mehr authentische Unterlagen. „Der Film musste nur noch gemacht werden“, kommentiert er seine Arbeit. Allerdings macht sich ein Dokumentarfilm nicht von allein; selbst dann nicht, wenn dokumentarisches Material in Hülle und Fülle vorliegt.

 

Jeder trug ein Surfbrett unterm Arm

 

Man muss ein großer Fan von David Hockney sein, um sich für dieses Filmporträt zu erwärmen. Tatsächlich stehen seine frühen Bilder aus Kalifornien für sich: Hockney brachte großes zeichnerisches und malerisches Talent aus London mit. Dort hatte er Kunst studiert und im Umfeld der englischen Spielart der Pop Art, die noch im Geiste der Zwischenkriegs-Avantgarden entstanden war, seinen eigenen Stil entwickelt.

 

Auf dem Höhepunkt der swinging sixties verließ er London und zog an die amerikanische Westküste. In ihrem Klima, wo in der nostalgischen Rückschau praktisch jeder ein Surfbrett unter dem Arm trug, entwickelte Hockney erst seine originäre Kunst: Bilder, die Licht, Farben und Atmosphäre von anything goes paradigmatisch einfingen – solange sich das in der Intimität eines freistehenden Hause mit Garten und Planschbecken abspielte.

 

Momentaufnahme nach Kopfsprung

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung “David Hockney: A bigger Picture” – Retrospektive des Spätwerks im Museum Ludwig, Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung  "Das nackte Leben: Bacon, Freud, Hockney und andere" über Malerei in London von 1950 bis 1980 im LWL- Museum , Münster

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Pacific Standard Time” mit Werken von David Hockney im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

So schuf er einige Ikonen der Pop Art, gekrönt von „A Bigger Splash“: einer Momentaufnahme des aus einem pool hochspritzenden Wassers, eine Sekunde nach dem Kopfsprung ins Becken. Indes finden sich auch weniger eingängige Phasen in seinem Werk.

 

Besonders sein Alterswerk erfordert komplexere Betrachtung. Pop Art ist längst Geschichte, und Hockney kein Künstler der ersten Garnitur mehr – aber auch nicht vergessen, sondern eher entertainer seines Ruhms. Anstatt sich aufs Altenteil der Legende zurückzuziehen, hat er in den letzten Jahren nach einer längeren Schaffenspause wieder zu arbeiten begonnen.

 

Riesenbilder vom Auf und Ab

 

Hockney fotografiert und macht aus seinen Aufnahmen kubistisch wirkende Collagen. Er hat smartphones und tablet computer als Zeichengerät entdeckt und malt iPad-Bilder mit der geräteeigenen software zur Bilderstellung. Zurückgekehrt in seine Heimat, verliebt er sich als alter Mann in die englische Landschaft und malt Riesenbilder vom Auf und Ab ihrer Hügel, geschwungenen Wege, Obstbaum-Alleen und Gemüsefelder.

 

Das alles steht massiv unter Kitschverdacht. Ob es sich dabei um künstlerische Nichtigkeiten handelt oder um neue Aspekte in einem Œuvre, das eben nicht nur aus California Dreamin’ besteht, kann der Film nicht beantworten. Weil er keine Fragen stellen will.


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