Catherine Deneuve

Das brandneue Testament

Erlebnis-Shopping im Rotlicht-Supermarkt: Göttliches Eingreifen ermöglicht lustvolle Einkaufs-Erlebnisse. Foto: NFP marketing & distribution
(Kinostart: 3.12.) Der belgische Regisseur Jaco van Dormael hat Gott gesehen: Er haust in einem Reihenhaus und schikaniert seine Familie genauso wie die ganze Menschheit. Das ändert seine Tochter gründlich – eine Religions-Komödie als schöner Traum.

Das Leben als Gott ist hart: Nie hat man Urlaub oder auch nur richtigen Feierabend. Da kann man leicht mies drauf kommen. Seine schlechte Laune an der Familie auszulassen oder deshalb die Menschheit pausenlos zu schikanieren, darf sich aber auch der Weltenlenker nicht erlauben – schon gar nicht, nur weil sich das eigene Schöpfungs-Langzeitexperiment anders entwickelt als gedacht. So sieht es jedenfalls Gottes zehnjährige Tochter Éa in „Das brandneue Testament“ von Jaco van Dormael.

 

Info

 

Das brandneue Testament

 

Regie: Jaco Van Dormael,

116 Min., Frankreich/ Belgien/ Luxemburg 2014

mit: Benoît Poelvoorde, Pili Groyne, Catherine Deneuve

 

Website zum Film

 

Die göttliche Familie wohnt nicht im Himmel, sondern irgendwo in Brüssel im Reihenhaus mit trübem 1970er-Jahre-Dekor: Brüssel war zuerst da, dann kam die übrige Erde. Und Gott sieht aus wie der großartige Benoît Poelvoorde: ein mittelalter Grantler, der seinen Bademantel rund um die Uhr trägt und dem öfter mal die Hand ausrutscht. Er hat Sohnemann JC längst vergrault; seine Frau (Yolande Moreau) pusselt möglichst still und unauffällig im Haus herum.

 

Mit altem PC die Menschheit traktieren

 

Besonders gern piesackt Gott seine Tochter Éa (Pili Groyne), die wie ihr Bruder über wundertätige Fähigkeiten verfügt. Der Herr selbst kann nicht übers Wasser gehen oder Lebensmittel aus dem Nichts erschaffen. Er kann nur mithilfe seines alten Windows-PC die Menschheit mit allerlei gemeinen „Geboten“ wie „Ein Unglück kommt selten allein“ traktieren; außerdem spielt er bei Kriegen und Katastrophen mit ihrem Leben.

Offizieller Filmtrailer


 

Todesdatum ermöglicht Neuanfang

 

Das ist Gottes einzige Schaden-Freude, die ihm Éa eines Tages gründlich vermasselt. Das Mädchen verschafft sich Zugang zu seinem Computer und schickt jedem Menschen per SMS sein genaues Todesdatum zu. Danach büxt sie aus, um die Welt neu zu ordnen. Da diese Aufgabe für ein einzelnes Mädchen recht anspruchvoll ist, rät ihr Bruder JC, weitere sechs Jünger in der Stadt zu rekrutieren. Sobald sie in Brüssels Stadtmitte eintrifft, legt sie mit Erfolg los.

 

Der belgische Regisseur Jaco van Dormael spielt gern in Filmen wie „Toto der Held“ (1991) oder „Mr. Nobody“ (2009) mit allen Möglichkeiten, indem er die Konsequenzen vermeintlich falscher Entscheidungen oder Wendungen ausreizt. In „Das brandneue Testament“ gibt er der ganzen Menschheit die Chance auf einen Neuanfang. Nachdem alle erfahren haben, wieviel Zeit ihnen noch auf Erden bleibt, hören alle Kriege sofort auf: Das Wissen um die eigene Lebensfrist lässt die Leute zu sich finden. Sie wagen nun, was sie sich zuvor nie getraut haben.

 

Schräg-schwarzhumorige Variante von „Amélie“

 

Daher zögern sechs Erwachsene nicht, einem girlie zu folgen, das Gottes Tochter zu sein behauptet: ein Bürohengst mit Gewaltfantasien, eine lebensmüde junge Schönheit, ein gestresster Manager, ein Obdachloser, eine betrogene Hausfrau und ein Junge, der lieber ein Mädchen wäre. Ihre Prophetin hat noch eine weitere übernatürliche Gabe: Sie kann die innere – meist klassische – Melodie jedes Menschen hören.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über den Film "Es ist schwer, ein Gott zu sein" - monumentale Science-Fiction-Allegorie aus Russland von Alexej German

 

und hier eine Besprechung des Films "Gott verhüte!" - antiklerikale Komödie aus Kroatien von Vinko Brešan

 

und hier einen Bericht über den Film "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" - minimalistische Tragikomödie aus Schweden von Roy Andersson.

 

Die Erkennungsmelodie der jeweiligen Charaktere wird zum Leitmotiv jedes einzelnen Film-Kapitels oder „Buches“, das die Geschichte jedes Jüngers aus Éas kindlicher Sicht erzählt. Mitunter erinnert diese Schar netter Sonderlinge an den französischen Kassenschlager „Die wunderbare Welt der Amélie“ von 2001. Doch die belgische Variante fällt wesentlich schräger und schwarzhumoriger aus.

 

Deneuve geht mit Gorilla ins Bett

 

Dabei strotzt sie vor wunderbaren Albernheiten, etwa dem mit hoher Lebenserwartung gesegneten Extremsportler Kevin: Als running gag bringt er bei waghalsigen stunts reihenweise Leute um. Auch die Jünger-Episoden haben ihren abseitig-poetischen Charme: So verliebt sich Catherine Deneuve als frustrierte Hausfrau in einen Gorilla und geht mit ihm ins Bett. Und der Manager folgt den Zugvögeln in ihr Winterquartier im Süden – denn ihr Gezwitscher ist seine innere Melodie.

 

Am Anfang mag diese Story vielleicht etwas zu gewollt und versponnen daherkommen – aber sie entwickelt sich allmählich zum herzerwärmenden, modernen Märchen. Am Ende wird alles gut, wie es sich gehört, da Éas Mama ein echter Schöpfungs-Neustart gelingt. Ihre Umgestaltung des Himmels ist Geschmackssache; doch wer sollte etwas gegen überall waltende Nächstenliebe einzuwenden haben? Ein schöner Traum – und ein schöner Film.


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