Marcie Begleiter

Eva Hesse

Eva Hesse in den 1960er Jahren. Foto: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 28.4.) Heureka in Kettwig an der Ruhr: Dort fand Eva Hesse 1964 zu ihrem Stil. In New York beeindruckten ihre großformatigen Installationen die Kunstwelt; 1970 starb sie mit nur 34 Jahren. Ihre wechselhafte Biografie dokumentiert Marcie Begleiter.

„Sie war eine von den Jungs“ – das ist eigentlich kein schmeichelhaftes Kompliment für eine Malerin und Bildhauerin, die heute einer feministisch inspirierten Kunstgeschichte als bahnbrechend gilt. Mit den „Jungs“ meint der Off-Sprecher dieses Dokumentarfilms diejenigen Männer, die in der Kunstwelt der späten 1960er Jahre das Sagen hatten: etwa Carl Andre, Sol LeWitt, Dan Graham, Richard Serra oder Robert Smithson.

 

Info

 

Eva Hesse

 

Regie: Marcie Begleiter,

105 Min., USA/ Deutschland 2016;

 

Engl. Website zum Film

 

Nicht etwa, weil ihre Kunst – minimal art, land art oder conceptual art – besser gewesen wäre, sondern weil damals diese Sphäre in New York wie anderswo von Männern dominiert wurde. Als der Kurator Harald Szeemann 1969 im Kunstmuseum Bern die heute legendäre Ausstellung „When Attitudes Become Form“ zeigte, war Eva Hesse eine von zwei Frauen auf der Künstlerliste – neben Hanne Darboven. Doch Hesse gehörte dazu, weil sie der männlichen Dominanz standhielt.

 

Flucht über Holland in die USA

 
Die Biografie der Prozesskünstlerin und Post-Minimalistin zeichnet der Dokumentarfilm von Marcie Begleiter nach. 1936 in eine jüdische Familie in Hamburg geboren, konnte Eva Hesse mit ihrer älteren Schwester ins Ausland fliehen. In Holland wurde sie von ihr getrennt und in ein Kinderheim gesteckt. Als ihre Eltern folgten, litt die Mutter bereits unter einer bipolaren Störung, die sich in den USA verstärkte. Sie ließ sich scheiden und beging 1946 Selbstmord.

Offizieller Filmtrailer


 

Lieblingsstudentin von Joseph Albers

 

Von diesen Erlebnissen sollte sich Eva Hesse nie wirklich erholen. Sie beginnt, diese aufzuarbeiten, als sie sich gegen den Willen ihres Vaters für eine Laufbahn als Künstlerin entscheidet. Nach zwei anderen Stationen geht Hesse an die Yale University zu Joseph Albers, dem früheren Bauhaus-Lehrer im US-Exil. Er wurde eines der Vorbilder der US-Nachkriegsmoderne, experimentierte mit Abstraktem Expressionismus und entwickelte die Farbfeldmalerei. Hesse wird Albers’ Lieblingsstudentin: „Jeder wusste das“, notiert sie nicht unkokett in ihrem Tagebuch.

 
Lange Zeit ist Hesse mit ihrem künstlerischen Schaffen nicht zufrieden. Wie zum Beweis streift die Kamera über Zeichnungen und Aquarelle, die schön und handwerklich gut ausgearbeitet sind – doch ihnen fehlt etwas Eigenes, Innovatives, Neues. Was sie unbedingt will: „In meiner Kunst bin ich bereit, mich am Rande des Abgrunds zu bewegen, und wenn ich das nicht schaffe, dann will ich da hin.“

 

Atelier in westdeutscher Tuchfabrik

 
So weit ist sie Anfang der 1960er Jahre noch nicht. Immerhin ist sie bestens vernetzt in der Szene um Sol LeWitt, der den Abstrakten Expressionismus jener Tage irgendwie geometrisch bändigen will: Beide werden enge Freunde. Doch Hesse liebt den Bildhauer Tom Doyle, vor dem ihre Freundinnen sie warnen: Er sei ein untreuer und gewalttätiger Trinker. Was zutraf, wie Doyle im Interview einräumt. Für Hesse ist er aber ein Fels in der Brandung; sie profitiert von seiner Stärke und seinen Kontakten zum deutschen Sammler Friedrich Arnhard Scheidt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „The Circle Walked Casually“ mit Werken von Eva Hesse in der Deutsche Bank KunstHalle, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen“  – große Retrospektive der franko-amerikanischen Bildhauerin im Haus der Kunst, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Lee Bontecue – Insights“ – Werkschau dreidimensionaler Wandbilder der US-Künstlerin aus den 1960er Jahren im ZKM, Karlsruhe

 

und hier einen Beitrag über den Film „Hélio Oiticica“ – brillante Doku über den „Andy Warhol Brasiliens“ + seine Raum-Installationen von Cesar Oiticica Filho.

 

Mit Doyle geht Hesse 1964 für ein Jahr ins westdeutsche Kettwig an der Ruhr, wo sie in Scheidts Tuchfabrik ein großzügiges Atelier beziehen. Für Hesse bedeutet das zunächst eine Rückkehr zu verdrängten Ängsten und Emotionen. Als sie beginnt, sich aus der Fläche zu lösen und dreidimensional zu arbeiten, wirkt das auf sie wie eine Befreiung: Ihre Bilder werden zu Körpern. Aus ihren Reliefs ragen Schnüre und Drähte heraus, ähnlich wie bei den dreidimensionalen Wandbildern ihrer Zeitgenossin Lee Bontecue; endlich findet Eva Hesse zu ihrer Form.

 

Vergiftung durch neue Werkstoffe?

 
Der Film nimmt dieses ständige Hin und Her zwischen Einengung und Befreiung auf: In einer Mischung aus Interview-Passagen mit Künstler-Kollegen und Kuratoren – etwa Serra, Graham und Andre – sowie ihrer Schwester und anderen Wegbegleitern, übermäßigem Schweifen über alte Fotos und plötzlichen Animations-Szenen, wenn es ans Psychologische geht.

 

Dazwischen ist Hesses Kunst zu sehen; die wurde seit ihrer Rückkehr 1965 nach New York immer innovativer. Sie wendet sich damals neuen Werkstoffen wie Polyester, Gummi oder Glasfaser zu und versöhnt die strengen Raster des Minimalismus mit weicheren Strukturen. In den fünf Jahren, die ihr noch bleiben, schafft Eva Hesse Inkunabeln der Nachkriegskunst. 1970 stirbt sie, erst 34-jährig, an einem Hirntumor. Ob ihre Nähe zu teils hochgiftigen Materialien ihr zum Verhängnis wurde, kann der Film nicht klären.

 

Werke nicht mehr reisefähig

 
Wer ihre große Retrospektive 2013 in der Hamburger Kunsthalle verpasst hat, dem wird dieser Film ihre Kunst so nahe bringen, wie es wohl keine Ausstellung mehr kann. Hesses Arbeiten leiden unter Materialermüdung; sie sind sehr restaurierungsbedürftig und kaum reisefähig. Das mag ein Grund sein, warum diese Doku, die für die Hamburger Schau produziert wurde, nun ins Kino kommt.


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