Eren Önsöz

Haymatloz – Exil in der Türkei

Die Istiklal Caddesi in Istanbul, Hauptstraße des europäisch geprägten Stadtteils Beyoğlu. Foto: mindjazz pictures

(Kinostart: 27.10.) Flüchtlingswelle von West nach Ost: Verfolgte Wissenschaftler flohen vor dem NS-Regime in die Türkei. Dort waren sie maßgeblich am Modernisierungs-Programm unter Präsident Atatürk beteiligt, zeigt die erhellende Doku von Eren Önsöz.

Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts sind die deutsch-türkischen Beziehungen sehr eng; so waren etwa das Deutsche und Osmanische Reich militärische Verbündete im Ersten Weltkrieg. Einen wenig bekannten Aspekt beleuchtet die Doku „Haymatloz“ der Regisseurin Eren Önsöz: die Emigration von Wissenschaftlern aus Deutschland in die Türkei. Während die NSDAP nach 1933 jüdische Wissenschaftler von den Universitäten verbannte, modernisierte der türkische Präsident Kemal Atatürk sein Land und engagierte dafür westliche Akademiker.

 

Info

 

Haymatloz –
Exil in der Türkei

 

Regie: Eren Önsöz,

90 Min., Türkei/ Deutschland 2016; mit: Elisabeth Weber Belling, Susan Ferenz-Schwartz, Kurt Heilbronn

 

Website zum Film

 

Rund 1000 Wissenschaftler, Architekten und Künstler – viele von ihnen jüdischer Herkunft – folgten diesem Ruf und fanden in der Türkei eine neue Heimat. Ihr Vermächtnis prägt die türkische Infrastruktur und Institutionen – etwa die Hochschullandschaft – bis heute mit.

 

Gespaltene Identitäten

 

Diese Geschichte erzählt Regisseurin Önsöz anhand von fünf Nachfahren dieser Emigranten: Susan Ferenz-Schwartz, Elisabeth Weber Belling, Enver Tandogan Hirsch, Kurt Heilbronn und Engin Bagda. Alle sind ebenfalls Wissenschaftler, leben aber inzwischen wieder in Deutschland oder der Schweiz.

 

Dennoch zieht es sie immer wieder zurück nach Istanbul und Ankara, an die Orte ihrer unbeschwerten Kindheit und Jugend. Önsöz begleitet die Protagonisten beim Besuch ihrer alten Heimat; sie erzählt von der Zerrissenheit zwischen zwei Identitäten, aber auch von Flucht und Vertreibung und der Möglichkeit, an zwei Orten zu Hause zu sein. Themen, die hierzulande oft aus einer anderen Perspektive bekannt sind – von türkischen Auswanderern, die ab den 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Einflussreich im Exil

 

Mit einer Mischung aus Archivmaterial und aktuellen Aufnahmen ist „Haymatloz“ – der Begriff ist als Synonym für Exilanten als Fremdwort ins Türkische eingegangen – ein visuell konventioneller, aber historisch spannender Film. Die Protagonisten sind wache Beobachter der aktuellen politischen Lage in der Türkei; sie entfernt sich derzeit rasch von den laizistischen und parlamentarischen Prinzipien, die Atatürk einst einführte. Unter der Herrschaft von Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist vieles von dem in Gefahr, das deutsche Emigranten mit schufen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Once upon a time in Anatolia“ – perfektes Roadmovie als Total-Panorama der Türkei von Nuri Bilge Ceylan

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Ara Güler – Das Auge Istanbuls: Retrospektive von 1950 bis 2005“ – erste deutsche Werkschau des berühmtesten türkischen Fotografen in Berlin + Monschau

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Paul Bonatz 1877 – 1956: Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus“ über den Architekten der Oper von Ankara in Frankfurt/ Main + Tübingen.

 

Ihr Einfluss reichte weit. Der Frankfurter Pathologie-Professor Philipp Schwartz war Mitgründer der „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“; sie ermöglichte vielen jüdischen Akademikern die Übersiedlung in die Türkei. Modernistische Architekten wie Bruno Taut, Paul Bonatz oder der Österreicher Clemens Holzmeister prägten maßgeblich das Straßenbild der neuen Hauptstadt Ankara: Taut entwarf Schulen und die Philologische Fakultät, Bonatz die Oper, Holzmeister das Parlamentsgebäude.

 

Vergessenes Erbe

 

Der Komponist Paul Hindemith, dessen Werke von den Nazis verboten wurden, lebte von 1935 bis 1938 in der Türkei; er gründete das Konservatorium in Ankara. Der SPD-Politiker Ernst Reuter floh 1935 mit seiner Frau und Sohn Edzard ins türkische Exil, wo er Ministerien beriet. Nach dem Krieg wurde Ernst Reuter 1948 Regierender Bürgermeister von Westberlin; sein Sohn Edzard stieg 1987 zum Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG auf.

 

Dieses deutsch-türkische Erbe scheint heute vergessen oder wird verschwiegen, wie die Gespräche der Protagonisten mit Professoren und Studenten in der Türkei zeigen. Als Kinder erlebten sie ein säkular geprägtes Land, in dem ihre jüdische Herkunft unwichtig war. Aus ihrer Sicht wirkt es oft wie ein verlorenes Paradies – wobei sich die Nachfahren bewusst sind, dass es wohl nur für sie als privilegierte Exilanten-Elite existierte. Dennoch schmerzt sie der Untergang der kemalistischen Utopie und die fortschreitende Islamisierung der Türkei.

 


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