Gérard Depardieu

Saint Amour – Drei gute Jahrgänge

Drei Männer (Vincent Lacoste, Benoît Poelvoorde, Gérard Depardieu, v.l.n.r.), vereint durch die Strapazen des Lebens. Foto: © 2016 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart: 13.10.) Wein, Weib und wenig Gesang: Ein ungleiches Vater-Sohn-Gespann zieht durch Frankreichs Provinz auf der Suche nach sich selbst. Das skurril-schräge Roadmovie von Gustave Kevern und Benoît Delepine ertränkt Sorgen in edlen Tropfen.

Seit dem immensen Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“ 2011 genießt das deutsche Publikum das mitunter zweifelhafte Vergnügen, jede Menge französische Komödien – selbst die seichtesten – im Kino sehen zu dürfen. Bei Filmen des Regie-Duos Gustave Kevern und Benoît Delépine – etwa „Mammuth“ im Berlinale-Wettbewerb 2010 – geht es anders zu: anarchisch, albern, vulgär und mitunter über die Schmerzgrenze hinaus.

 

Info

 

Saint Amour –
Drei gute Jahrgänge

 

Regie: Gustave Kervern + Benoît Delépine

102 Min., Frankreich 2015;

mit: Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste

 

Website zum Film

 

Für „Saint Amour“ haben Kevern und Delépine besonders markante Hauptdarsteller engagiert: Urgestein Gérard Depardieu und shooting star Benoît Poelvoorde, der hierzulande vor einem Jahr mit „Das brandneue Testament“ bekannt wurde. Sie geben ein Vater-und Sohn-Gespann: Landwirte aus der Provinz.

 

Mit Zuchtbulle zu Agrar-Messe

 

Einmal im Jahr reisen sie zur französischen Ausgabe der „Grünen Woche“ nach Paris, wo ihr Zuchtbulle „Nebukadnezar“ endlich einen Preis bekommen soll. Bis zur eigentlichen Leistungsschau vergehen noch ein paar Tage, die Filius Bruno (Poelvooorde) mit seiner üblichen „Weinreise“ vor Ort bestreitet.

Offizieller Filmtrailer


 

Im Wein liegt Wahrheit

 

Er klappert zusammen mit einem Kumpel sämtliche Weinverkostungs-Stände ab und kann schon mittags nicht mehr aufrecht stehen. Danach zerfließt er in Selbstmitleid, denn er ist Anfang 40, Langzeit-single und hadert entschieden mit seinem Bauerndasein. Dieses Elend kann Papa Jean (Depardieu) nicht mehr ertragen.

 

Er verfrachtet Bruno kurz entschlossen in ein Taxi, um eine echte Weintour zu unternehmen, womit er ihr schwieriges Verhältnis wieder ins Lot bringen möchte. Bruno tut sich schwer, arrangiert sich aber dann mit seinem Vater und dem Taxifahrer Mike (Vicente Lacoste): einem großspurigen Pariser, der mit nur 22 Jahren angeblich schon Frau und zwei Kinder hat.

 

Drei Männer-Generationen im Taxi

 

Doch die drei im Taxi eingepferchten Männer-Generationen haben mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist: Von den lieblichen Landschaften der Wein-Reiseführer sieht man herzlich wenig – sondern nur Autobahnen, Absteigen und muffige Kneipen, die von wortkargen und unglamourösen Gestalten bevölkert werden; teilweise verkörpert von Laiendarstellern oder Prominenten wie dem bestseller-Autoren Michel Houllebecq, der einen verhuschten Herbergsvater mimt.

 

Wie es sich für ein echtes road movie gehört, sind das Entscheidende die meistens reichlich skurril ausfallenden Begegnungen. Etwa zu Beginn mit einer jungen Kellnerin im titelgebenden Lokal „Saint Amour“: Sie hat keine Ahnung von Wein und liest daher das Flaschenetikett vor. Ihre Sorge gilt ohnehin mehr dem Zustand der Welt im Allgemeinen und der EU im Besonderen, wie sich Vater Jean anhören darf, den sie mit nach Hause nimmt, um bei ihm mal richtig ihr Herz auszuschütten.

 

Fragwürdige Sex-Abenteuer

 

Brunos Selbstvertrauen hilft das nicht gerade – bis er später einer äußerst willigen Immobilienmaklerin begegnet, die mit ihrem Sex-Abenteuer aber nur ihre lesbische Kollegin eifersüchtig machen will. Mike nutzt hingegen die Zeit, sämtliche Verflossenen zu besuchen, von denen keine ein freundliches Wort für ihn übrig hat. Ein entschieden erbärmliches trio infernale: schön ist anders, Emotionen werden unterdrückt oder in Brunos Fall ersäuft.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Das brandneue Testament“ – himmlische Tragikomödie mit Benoît Poelvoorde von Jaco Van Dormael

 

und hier einen Bericht über den Film “Life Of Pi – Schiffbruch mit Tiger”  – Bestseller-Verfilmung von Ang Lee mit Gérard Depardieu

 

und hier einen Beitrag über den Film „Lolo – Drei ist einer zu viel“ – Komödie von Julie Delpy mit Vincent Lacoste.

 

Das alles inszenieren Kevern und Delepine in gewohnter melange aus Grenzüberschreitung, genauer Beobachtung und Situationskomik – für die vor allem Poelvoorde sorgt, der jede Peinlichkeit überzeugend spielt. Je mehr Frauen ihren Weg kreuzen, umso mehr fangen Vater und Sohn an, miteinander zu reden; weil diese Zufallsbekanntschaften sie daran erinnern, dass sie lebendig sind.

 

Wahr werdendes Liebes-Märchen

 

Beide Hauptakteure harmonieren wunderbar. Depardieu gibt Jean mit seiner Leibesfülle eine derart unbeholfene Zärtlichkeit, dass man sich sofort ihm und der Weinkellnerin anschließen möchte. Dagegen ist sein Sohn Bruno ein trauriges, armes Würstchen, dessen (weibliche) Rettung man ehrlich herbeisehnt. Dass Taxifahrer Mike nicht der tolle Hecht ist, für den er sich ausgibt, wird ohnehin bald klar.

 

Die Erlösung kommt am Ende in Gestalt einer großherzigen, schönen Frau namens Venus (Celine Sallette), deren unbedingter Wille zur schnellen Fortpflanzung die Drei nicht abschrecken kann; das mündet quasi in eine Väter-Dreieinigkeit. Hier wird der triste road trip zum wahr werdendes Märchen von der Liebe, die alles heilen kann – selbst durch drei geteilt. Oder auch zur gelebten Männerphantasie. Dass der Zuchtbulle beim Wettbewerb nicht den ersten Preis gewinnt, ist dann nicht mehr so wichtig.


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