Pierre Bismuth

Where is Rocky II ?

Irgendwo hier draußen muss er sein: Privatdetektiv Michael Scott sucht in der Mojave-Wüste nach "Rocky II". Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 20.10.) Stecknadel im Sandhaufen: Regisseur Pierre Bismuth lässt nach einem Kunstharz-Felsen suchen, den ein Pop-Art-Künstler vor 37 Jahren in der Wüste ablud – als vertracktes Vexierspiel im Niemandsland zwischen Realität und Illusion.

From reality to fiction and back again: Mit einfachen Mitteln konstruiert der französische Konzeptkünstler Pierre Bismuth in seinem Regiedebüt ein so vergnügliches wie verwirrendes Kino-Vexierspiel. Es verflüssigt die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit – bis beide völlig miteinander verschmolzen erscheinen. Was Bismuth hübsch paradox „Fake Fiction“ nennt: sozusagen Fiktion zweiter Ordnung.

 

Info

 

Where is Rocky II ?

 

Regie: Pierre Bismuth,

93 Min., USA 2016;

mit: Ed Ruscha, Michael Scott, Jim Ganzer

 

Weitere Informationen

 

Damit knüpft er an seinen ersten Ausflug in die Kinobranche an: „Vergiss mein nicht!“ („Eternal Sunshine on the Spotless Mind“) von Michel Gondry war ein verschachteltes SciFi-Märchen über selektive Löschung von Erinnerungen. Dafür wurde Bismuth als Ko-Autor des Drehbuchs neben Gondry und Charlie Kaufman 2005 mit einem Oscar ausgezeichnet. Elf Jahre später pickt sich Bismuth eine petitesse der Kunstgeschichte heraus und plustert sie zur raffiniert-bizarren Kopfgeburt auf.

 

Künstler weicht Fels-Frage aus

 

1979 fertigte der berühmte Pop Art-Künstler Ed Ruscha einen Felsbrocken aus Kunstharz an, transportierte ihn in die kalifornische Mojave-Wüste und lud ihn dort zwischen echten Felsen ab. Darüber wurde eine halbstündige BBC-Dokumentation gedreht, die garantiert authentisch ist. Nun will Bismuth unbedingt wissen, wo dieser Kunst-Felsen im doppelten Wortsinne geblieben ist. Er fragt Ruscha auf der Pressekonferenz vor einer Ausstellungs-Eröffnung in London – doch der Künstler weicht aus.

Offizieller Filmtrailer


 

Privatdetektiv gegen Drehbuch-Autoren

 

Also beauftragt Bismuth in Los Angeles den Privatdetektiv Michael Scott, das verschwundene Kunstobjekt aufzutreiben. Der frühere Kriminalkommissar geht professionell an die Sache heran: Da „Rocky II“ nie öffentlich ausgestellt wurde und in keinem Werkverzeichnis steht, stöbert er in Archiven und hangelt sich von einem Gesprächspartner zum nächsten, um info bits zusammenzutragen und den möglichen Standort einzukreisen.

 

Plötzlich werden hochspannende, aber zusammenhanglose Spielfilm-Szenen eingespielt. Zwei erfolgreiche Drehbuchautoren, D. V. DeVincentis und Anthony Peckham, nehmen sich des Stoffes an; sie versuchen, ihm eine klassische Hollywood-Dramaturgie zu geben. Was ihnen beim konzentrierten brainstorming für ihr Skript zum Filmprojekt „Monument One“ einfällt, setzt Bismuth flugs in dramatische Sequenzen um.

 

Musterbeispiel eines MacGuffin

 

Darin jagt ein Detektiv (Milo Ventimiglia) atemlos dem Künstler Cal Joshua (Robert Knepper) und seinem steinigen Werk hinterher. Dieser ausgemergelte Joshua sieht aus wie ein Wiedergänger von Dennis Hopper – der 2010 verstorbene Star-Schauspieler war nicht nur ein Freund von Ed Ruscha, sondern auch selbst als Künstler tätig.

 

Natürlich ist „Rocky II“ das Musterbeispiel eines MacGuffin, wie ihn Alfred Hitchcock definiert hat: ein mysteriöses Ding, hinter dem alle her sind, von dem aber keiner weiß, wozu es eigentlich nütze ist – am allerwenigsten die Zuschauer. Das macht nichts: Der Weg ist das Ziel. Privatdetektiv Scott fliegt nach London, sichtet 37 Jahre altes BBC-Material, klappert die damals Mitwirkenden ab und findet schließlich Jim Ganzer. Mehr Lebens- als Künstler, hat er weiland Ruscha geholfen, den Kunstharz-Brocken in die Wüste zu verfrachten.

 

Zwischen Reality-TV + Making of

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Pacific Standard Time Kunst in Los Angeles 1950 – 1980″ mit Werken von Ed Ruscha im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung des Films „Anomalisa“ – raffinierter Stopptrick-Animationsfilm über einen One-Night-Stand von Charlie Kaufman

 

und hier einen Bericht über den Film „Ich und Kaminski“ – grandios ausgefeilte Kunstbetriebs-Satire über die Suche nach einer Großmeister-Muse von Wolfgang Becker mit Daniel Brühl

 

und hier einen Beitrag über den Film „Art Girls“ – überdrehte Kunstbetriebs-Farce von Robert Bramkamp mit Groß-Sammler Harald Falckenberg.

 

Für diese Schnitzeljagd bedient sich der Film ausgiebig beim repertoire von boulevardeskem Reality-TV: Einblendungen von Namen, Orten und Daten suggerieren Faktentreue und Dringlichkeit einer Enthüllungs-Reportage. Unheilschwanger dräuende Musik stimmt akustisch auf sensationelle Überraschungen ein. Dagegen bleiben die Passagen mit den beiden Drehbuchautoren betont nüchtern: als pseudo-dokumentarisches Making of eines Spielfilms zum Thema. Zugleich wird dessen Realitätsgehalt vom Erzählstrang um Detektiv Scott störrisch behauptet.

 

Dabei streut Strippenzieher Bismuth allerlei gimmicks ein: etwa eine handgezeichnete Lagekarte des Kunst-Felsens mit unklarem Maßstab, wie sie zu jeder richtigen Schatzsuche gehört. Oder einen durchgeknallten movie nerd, der das Drehbuchschreiber-Duo mit originellen Ideen verblüfft – und sich als Pillen-junkie entpuppt, der dauernd Amphetamin-Derivate einwirft. Ihn spielt Mike White; er wurde mit ähnlich schrägen Komödien bekannt.

 

Tierchen knabberten Rocky I an

 

Doch nie driftet der Film in einen Reigen aus beliebigen Episoden ab. Im Gegenteil: Sie führen ein ums andere Mal geistreich vor, wie vermeintliche Bedeutung vor allem durch konventionelle Stilmittel erzeugt wird, die dem Publikum vertraut sind. Der Schein bestimmt das Bewusstsein, im Kunstbetrieb wie in der Kinobranche: Dafür breitet Bismuth ebenso anschauliche wie amüsante Beispiele aus.

 

Bis er zum Schluss alle Register zieht, die Hollywoods Höllenmaschinen hergeben. Der finale Knalleffekt „soll an dieser Stelle nicht verraten werden“, wie die geläufige Floskel in Filmkritiken lautet. Wohl aber, warum „Rocky II“ laut Nummerierung der zweite seiner Art war: Den Vorgänger hatten Ruscha und Ganzer noch aus Pappmaché hergestellt – doch diesen knabberten Tierchen an.


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