Ken Loach

Ich, Daniel Blake

Daniel (Dave Johns) macht mit einem Graffiti öffentlich auf seine Probleme aufmerksam. Foto: © 2016 Prokino Filmverleih GmbH

(Kinostart: 24.11.) David gegen Goliath 2.0: Ken Loach erzählt die Geschichte eines arbeitsunfähigen Schreiners, der an der kafkaesken Bürokratie des britischen Sozialstaates scheitert. Realistisches Sozialdrama mit viel Empathie, aber ohne Pathos.

Der 59-jährige Schreiner Daniel Blake (Dave Johns) lebt im nordenglischen Newcastle und ist nach einem Herzinfarkt arbeitsunfähig. Weil er bei der amtlichen Untersuchung aber keinen arbeitsunfähigen Eindruck macht, ist er gezwungen, Sozialhilfe zu beantragen. Er muss sich einen Job suchen, von dem er weiß, dass er ihn aus Gesundheitsgründen niemals antreten wird. Bis das Problem aus der Welt ist, kann er weder Geld verdienen, noch welches vom Amt beziehen.

 

Info

 

Ich, Daniel Blake

 

Regie: Ken Loach,

100 Min., Großbritannien/ Frankreich/ Belgien 2016;

mit: Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan

 

Website zum Film

 

Daniel Blake wurde aufs Abstellgleis gestellt: von einer gesichtslosen Bürokratie, deren Schergen meistens Indifferenz und im besten Fall Beschämung zeigen. In seinem in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Film lässt der Regisseur Ken Loach seinen Helden tapfer gegen die Hindernisse des britischen Sozialsystem anrennen – sei es die kostenpflichtige Telefon-hotline mit langen Wartezeiten, die von abscheulicher Vivaldi-Musik zugedudelt werden, oder der Antrag auf Arbeitslosengeld, der nur online ausfüllbar ist.

 

Kafkaeskes Dilemma

 

Für Daniel ist das ein großes Problem, denn er hat nie einen Computer besessen. Jetzt muss er sich durch ein Dickicht von Vorschriften, Formularen und Regeln kämpfen, die jeden Menschen in die Verzweiflung treiben würden. Blake ist das, was man gemeinhin einen „anständigen Mann“ nennt: beliebt, engagiert, handwerklich geschickt, moralisch trittfest.

Offizieller Filmtrailer


 

Der Witwer wäre wohl, trotz des Altersunterschieds, genau der richtige für Katie (Hayley Squires), die mit ihren Kindern von London nach Newcastle gezogen ist, weil es in der gentrifizierten Hauptstadt für sie keinen bezahlbaren Wohnraum mehr gibt. Die Wege der beiden kreuzen sich wiederholt, und in ihrem alltäglichen Kampf um Geld, Würde und Essen werden sie einander zum einzigen Lichtblick. Doch die love story, die da aufschimmert, hat unter solchen Umständen keine Chance, sich zu entwickeln.

 

Plädoyer für alte Werte

 

Ken Loach, der wohl erfolgreichste politische Filmemacher Großbritanniens, kombiniert in seinem neuen Werk bewährte Elemente: Sozialrealismus, verbunden mit korrekter Analyse, grimmigem Humor und einer an Idealisierung grenzenden Sympathie für die britische Arbeiterklasse. Die hat sich zumindest in seiner Welt noch nicht in jene Masse aus Wutbürgern, Alkoholikern und Brexit-unterstützenden Ausländerhassern verwandelt, die die Medien so gerne vorführen. Stattdessen erinnert Loach an alte Werte: Solidarität, Disput, Engagement und Widerspruch.

 

„Ich, Daniel Blake“ ist ein Mahnmal für eine verschwindende Generation: die letzte, die innerhalb ihrer Klasse noch eine Art Zusammenhalt kannte und mit einer Mischung aus amüsiertem Unverständnis und der Einsicht in den baldigen Abschied milde auf die wirren Wegen der Jungen blickt.

 

Sezierung des britischen Sozialstaats

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Ken Loach über „Ich, Daniel Blake“

 

und hier eine Rezension des Films „Jimmy’s Hall“ – Klassenkampf-Drama im Irland der 1930er Jahre von Ken Loach

 

und hier einen Bericht über den Film „Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel“ – feuchtfröhliche Whisky-Komödie von Ken Loach

 

und hier eine Besprechung des Films „Parked – Gestrandet“ – feinfühliges Kammerspiel über Obdachlose in Irland von Darragh Byrne

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die eiserne Lady“ – Biopic über Margaret Thatcher von Phyllida Lloyd.

 

Über seinen westindischen Nachbarn, der über eine Bekanntschaft aus diesem seltsamen Ding namens internet mit chinesischen fake-Markenschuhen handelt, kann Blake nur den Kopf schütteln. Was ihn dagegen wütend macht, ist das System, das er schließlich mit einer verzweifelten letzten Geste herausfordert, wenn auch vergeblich. Man sieht das Ende kommen – und wenn es dann soweit ist, erscheint es wie eine Gnade.

 

Loach, der bei seinen außenpolitischen Interventionen – wie der lautstarken Unterstützung anti-israelischer Boykott-Bewegungen – oft fatal fehlgeleitet argumentiert, legt mit der Geschichte eines am System scheiternden Mannes aus der Arbeiterklasse die sozialen Strukturen seines Heimatlandes offen.

 

Verzicht auf alte Kino-Tricks

 

Dabei gelingt es ihm, den Zuschauer in die Geschichte hineinzuziehen und zu Tränen zu rühren, ohne die Tricks des Kinos zu missbrauchen. Kein soundtrack, keine Romantik, keine Symbolik und keine schönen Filmgesichter helfen ihm dabei, das Dilemma seiner Helden in seiner Klarheit zu vergegenwärtigen: Im Spätkapitalismus sind die Arbeiter etwas, das am besten leise und legal entsorgt wird.

 

Es hilft freilich, dass Hauptdarsteller Dave Johns seiner Filmfigur Daniel Blake mit rauer Authentizität ein Gesicht gibt, in dem manche ein Familienmitglied erkennen können: einen Gewerkschafter-Onkel oder einen Hausmeister-Opa, der noch für sozialistische Werte alter Schule einstand. Dass die jury in Cannes dieses Drama zum Siegerfilm kürte, lässt sich als statement zugunsten einer in diesen Tagen wieder heftig umworbenen weißen Arbeiterklasse deuten – im Unterschied und in Abgrenzung zum neuen Proletariat derjenigen, die vor Krieg und Elend auf der Flucht sind.


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