Fenton Bailey + Randy Barbato

Mapplethorpe: Look at the Pictures

Joe, NYC 1978. Foto: © Robert Mapplethorpe Foundation. Fotoquelle: Koolfilm.de

(Kinostart: 3.11.) Schwuler Sex in perfekter Schönheit: Mit skandalträchtigen Aufnahmen wurde der Fotograf Robert Mapplethorpe berühmt. Dabei konnte er nicht einmal Filme selbst entwickeln, enthüllt die Doku von Fenton Bailey und Randy Barbato.

„Look at the pictures“, keift der konservative US-Senator Jesse Helms Anfang der 1990er Jahre bei einer Anhörung: Man müsse sich nur diese Fotos anschauen. Neben Porträts und Stillleben zeigen sie schwulen SM-Sex, Penisse oder ein Selbstporträt mit einer aus dem Anus heraushängenden Peitsche. Daher versucht Helms mit allen Mitteln, eine Ausstellung der Werke des US-Fotografen Robert Mapplethorpe (1946-1989) zu verhindern.

 

Info

 

Mapplethorpe:
Look at the Pictures

 

Regie: Fenton Bailey + Randy Barbato, 108 Min., USA 2016; mit: Robert + Edward Mapplethorpe, Debbie Harry, Fran Lebowitz, Brice Marden

 

Website zum Film

 

Diese Eingangsszene des Dokumentarfilms von Fenton Bailey und Randy Barbato zeigt, wie kontrovers die Arbeiten von Mapplethorpe anfangs bewertet wurden. Inzwischen sind sie Klassiker der modernen Fotografie, werden von Museen gesammelt und erzielen hohe Erlöse auf Auktionen. Ihr Schöpfer gilt als ein bedeutender Fotograf des 20. Jahrhunderts.

 

Aus der Provinz nach New York

 

Er wuchs wohlbehütet in einer katholischen Familie auf, die sonntags in die Kirche ging und nur wenig Bezug zur Kunst hatte. Dennoch ließen die Eltern ihren eigenbrötlerischen Jungen zeichnen und malen. Schließlich durfte er Ende der 1960er Jahre mit einem Stipendium das renommierte „Pratt Institute“ in New York gehen. Dort lernte er die damals noch unbekannte Sängerin und Lyrikerin Patti Smith kennen, mit der er sieben Jahre lang zusammen war.

Offizieller Filmtrailer


 

Collagen aus Pornoheften

 

Sie wohnten wie viele andere Künstler, von Jimi Hendrix bis Janis Joplin, im Chelsea Hotel. Dort begann er, mit Polaroids zu experimentieren und Collagen aus Pornoheften zu erstellen. Hier fand er seinen künstlerischen Ausdruck in der Fotografie, die damals noch keine anerkannte Kunstform war. Patti Smith unterstützte ihren Freund, auch nach ihrer Trennung und seinem coming out als Homosexueller.

 

Mapplethorpe war ein Genießer und Getriebener zugleich. Er suchte in der Kunst nach der perfekten Schönheit, aber auch nach der Wahrheit im künstlerischen Ausdruck. Neben seinen berühmten Blumen-Stillleben und Prominenten-Porträts waren das vor allem Fotos von Menschen, die jenseits der Norm lebten und – wie Mapplethorpe selbst – ausgefallene sexuelle Obsessionen hatten. Seine Modelle fand er in Schwulen-Bars oder auf der Straße.

 

Der lang ersehnte Ruhm

 

Bei aller Vorliebe für Zwielichtiges fand sich der Künstler aber schon bald in der New Yorker high society wieder. 1972 lernte er seinen neuen Liebhaber kennen, den wohlhabenden Kunstsammler Sam Wagstaff; er verhalf Mapplethorpe zu seiner ersten großen Ausstellung.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Dokumentarfilms  „Blank City“ über die Kunst- + Musik-Szene in New York um 1980 mit u.a. Debbie Harry von Céline Danhier

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Richard Avedon – Wandbilder und Porträts“ – Retrospektive des New Yorker Fotografen (1923-2004) im Museum Brandhorst, München

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Keith Haring – Gegen den Strich“ – große Retrospektive des homosexuellen Graffiti-Künstlers (1958-1990) in der Hypo-Kunsthalle, München

 

und hier einen Beitrag über den Film „I killed my dinner with karate“ – körperbetonte Tanz-Fotografie von Franziska Strauss in der Neuen Sächsischen Galerie, Chemnitz.

 

Bis dahin hatte der Künstler seine drastischen Fotos nur in Schwulen-Magazinen veröffentlicht. Aber danach folgten Aufträge von Zeitschriften für Bilderstrecken und Porträts von Prominenten. Sie brachten ihm den lang ersehnten Ruhm – die Suche danach war Mapplethorpes wichtigste Triebfeder, wie alle Interview-Partner im Film betonen.

 

Für ihren weitgehend chronologischen Dokumentarfilm haben die Regisseure viele ehemalige Freunde, Fotomodelle und Bewunderer vor die Kamera geholt. Die einzige, die seltsamerweise nicht erscheint, ist Patti Smith – obwohl sie mit „Just Kids“ 2010 ein detailreich autobiographisches Buch über ihre Zeit mit dem Fotografen veröffentlicht hat.

 

Kontraste bei Penis-Fotos

 

Eine gewisse Komik verströmen die Szenen mit den Kuratoren der Werkschauen, die 2016 in New York und Los Angeles stattfanden. Sie stehen vor Mapplethorpes drei berühmten Foto-Boxen – je eine mit Männerporträts, mit Blumen und mit schwarzen Männerkörpern – und sprechen dabei auf distinguierte Weise über Sichtachsen und Kontraste bei Fotos von Penissen.

 

Am interessantesten sind ein entwaffnend ehrliches Ton-Interview mit Mapplethorpe, das quasi durch den Film führt, sowie Aussagen seines jüngeren Bruders Edward. Er wurde auch Profi-Fotograf, beherrschte aber im Gegensatz zu seinem berühmten Bruder sein Handwerk. Dagegen konnte Robert nicht einmal einen Film selbst entwickeln; um die Perfektion zu inszenieren, die ihm vorschwebte, musste er Assistenten engagieren.

 

Solche Original-Aufnahmen lassen den Künstler, der am 1989 an Aids starb, für kurze Zeit lebendig werden. Was dem Film fehlt, ist eine eindeutige Position; ob man das Werk des Exzentrikers skandalös oder künstlerisch wertvoll findet, muss jeder selbst entscheiden. Das geht am besten, wie Senator Jesse Helms zu Beginn des Films betont: durch Betrachten der Bilder. 


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