Ewan McGregor

T2 – Trainspotting

Sick Boy (Jonny Lee Miller, li.) und Renton (Ewan McGregor) geben sich die totale Projektion. Foto: © 2017 Sony Pictures

(Kinostart: 16.2.) Wir sind alle Süchtige: 20 Jahre nach seinem legendären Heroin-Epos sieht Regisseur Danny Boyle nach, was aus den Junkie-Freunden von damals geworden ist – ohne Sentimentalität, aber mit rasanter Story und Aufsehen erregender Bildsprache.

Eigentlich sind doch alle Menschen junkies. Abhängig von den verschiedensten Dingen, die alle die gleichen Befürfnisse befriedigen: einem niedrigen Cholesterinspiegel, einer Zahnzusatzversicherung, der Anzahl von likes unter den eigenen Facebook postings oder der Flucht in eine vermeintlich glücklichere Vergangenheit.

 

Info

 

T2 – Trainspotting

 

Regie: Danny Boyle,

117 Min., Großbritannien 2017;

mit: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller

 

Website zum Film

 

Dass alle mehr oder weniger gleich fremdgesteuert und verblendet, aber auch gleich cool sind, war 1996 eine zentrale Botschaft von „Trainspotting – Neue Helden“. Sie machte den Film von Regisseur Danny Boyle zu einem außergewöhnlich zynischen und komischen, schmerzhaften wie melancholischen Zeitdokument.

 

Kultfilm vor Jahrtausendwende

 

Mit hektischen Schnitten und ungewohnten Kameraeinstellungen, einem genialen soundtrack und aphoristischen punchlines, die stets etwas knackiger waren als bei Quentin Tarantino. So wurde das Gruppenporträt von vier schottischen Jugendfreunden, die im Edinburgh der frühen 1990er Jahre einem kriminell-hedonistischen Lebensstil frönen, zu einem prägenden Kultfilm vor der Jahrtausendwende.

Offizieller Filmtrailer


 

Eigentlich hat sich nichts verändert

 

Die Adaption eines Romans von Irvine Welsh verklärte ihr sujet – den von neoliberaler Politik beschleunigten Verfall – nicht in schwarzweißem Sozialrealismus, sondern zeigte sie in allen erdenklichen Grautönen. Darin verbargen sich dialektische Weisheiten: Im Hässlichen steckt immer auch Schönes – und im Exzess nicht nur die Trostlosigkeit gescheiterter Existenzen, sondern auch eine verzweifelte Glückssuche.

 

Mit denselben Protagonisten hat Danny Boyle 20 Jahre später die Fortsetzung „T2 – Trainspotting“ gedreht. Am Schauplatz hat sich äußerlich alles, aber eigentlich nichts verändert: Die schöne Fassade der inzwischen durchgentrifizierten city von Edinburgh gibt die Kulisse ab für eine Gesellschaft, die lieber vor sich selbst wegläuft, als Problemen ins Auge zu sehen.

 

Prügel zur Begrüßung

 

Mark Renton (Ewan McGregor) rennt jedenfalls ziemlich schnell. Der sichtlich gealterte smart guy der Truppe läuft anfangs im Fitness-Studio; bis er plötzlich stürzt und regungslos liegen bleibt. „Sowas wie eine Herzattacke“, erklärt er später seinem alten Kumpel Simon alias Sick Boy (Jonny Lee Miller); ihm stattet Mark nach zwei Jahrzehnten einen Besuch ab, weil er zur Beerdigung seiner Mutter in die Heimat muss.

 

Simon ist ziemlich sauer auf ihn: Renton hatte seine Kumpels damals einfach sitzen lassen, als er mit gemeinsam erbeuteten 16.000 britischen Pfund nach London floh. Zur Begrüßung verprügelt Simon seinen alten Freund mit den Billardqueues in der Bar, die er von seinen Eltern geerbt hat. Das Wiedersehen mit Spud (Ewen Bremner) verläuft nicht weniger brutal. Nachdem Mark seine Wohnungstür eingetreten hat, um ihm gerade noch rechtzeitig die Tüte vom Kopf zu reißen, mit er der sich umbringen wollte, springt Spud ihn wütend an.

 

Junkie-Dasein war aufregender

 

Auch wenn in Edinburgh mittlerweile lifestyle-Produkte zur Selbstoptimierung en vogue sind, verbindet das Trio eines: Heroin. Im Gegensatz zu Spud sind Mark und Simon längst clean, aber auch sie definieren sich noch als (Ex-)junkies – und schwelgen in Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit, die nicht immer toll, aber aufregender war als ihr heutiges Leben.

 

Mark war 15 Jahre glücklich verheiratet und hatte einen job in Amsterdam; dann setzten ihn sowohl Firma als auch Frau vor die Tür. Spud ist seit vielen Jahren arbeitslos, nachdem ihn seine Freundin mit Kind verlassen hat. Der dauerkoksende Sick Boy schlägt sich mit der ihm verhassten Bar und Kleinkriminalität durch; die hübsche Natalie (Anjela Nedyalkova) ist mehr seine Geschäftspartnerin als Freundin. Alle drei stecken also in der midlife crisis – ihre Wünsche und Sehnsüchte haben sich als Illusionen entpuppt.

 

Zwei Ebenen von Nostalgie

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Steve Jobs“ – Biopic über den „Apple“-Mitgründer mit Michael Fassbender von Danny Boyle

 

und hier eine Besprechung des Films “Trance – Gefährliche Erinnerung” – Psycho-Thriller über Kunstraub unter Hypnose von Danny Boyle

 

und hier einen Bericht über den Film „Amerikanisches Idyll“ – kongeniale Verfilmung des Romans von Philip Roth durch + mit Ewan McGregor

 

und hier einen Beitrag über den Film-Klassiker „Naked Lunch“ – surreale Albtraum-Verfilmung des Junkie-Skandalromans von William S. Burroughs durch David Cronenberg von 1991.

 

So verzahnt Regisseur Danny Boyle geschickt zwei Ebenen von Nostalgie miteinander: Während sich die Figuren in Touristen ihrer Jugenderinnerungen verwandeln, werden Zuschauer, die den Film von 1996 kennen, dazu verleitet, ihre eigene Situation mit dem Moment abzugleichen, an dem sie den Film zum ersten Mal gesehen haben.

 

Seiner damals Aufsehen erregenden Bildsprache bleibt Boyle treu, indem er diese Vergangenheit in perfekt getimten flashbacks in Szene setzt. Besonders gelungen sind die Kontraste beim Wechsel zwischen Surrealismus und Naturalismus: Etwa, wenn Spud scheinbar hinterrücks vom Dach seines Hochhauses fällt – während er tatsächlich in seiner verdreckten Wohnung liegt und in eine Plastiktüte erbricht, die er sich für einen Suizidversuch über den Kopf gezogen.

 

Kamera auf Boden der Tatsachen

 

Oder die Schlussszene: Mark tanzt in seinem früheren Jugendzimmer – bis es entschwebt und sich in eine Art Schlauch verwandelt. Auch die Kamera-Perspektiven bleiben im Wortsinne auf dem Boden der Tatsachen: Oft verharrt die Linse dicht über einem Teppichboden oder der Straße. Als wolle sie sich solidarisch erklären mit den Figuren, die mehrheitlich zur Unterschicht zählen.

 

Damit gelingt der „Trainspotting“-Fortsetzung ein reibungsloser Sprung in die Gegenwart. Nicht nur, weil alle Schauspieler wirklich um 20 Jahre gealtert sind – und das womöglich genauso wehmütig betrachten wie die Figuren, die sie spielen. Sondern auch, weil die harte Droge Heroin so leicht erhältlich ist wie lange nicht: In Afghanistan wird mehr Schlafmohn angebaut als je zuvor. In den USA sind billige Opioid-haltige Schmerzmittel weit verbreitet. Den Ernst dieser Lage baut „T2“ in eine unterhaltsame, wenn auch manchmal allzu actionlastige story ein.


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