Barry Jenkins

Moonlight

Chiron (Alex R. Hibbert) und Juan (Mahershala Ali) haben sich angefreundet. Foto: DCM Film Distribution GmbH
(Kinostart: 9.3.) Wider die Sozialklischees: Der neue Film von Barry Jenkins hat zurecht den Oscar gewonnen. Ohne Pathos erzählt er von einem schwarzen Jungen, der im Ghetto von Miami aufwächst - und zwischen Gewalt und Homophobie erwachsen wird.

Als 2016 eine Gruppe von afroamerikanischen Filmstars und Regisseuren zum Boykott der Oscar-Verleihung aufrief, klang die Begründung, es sei kein schwarzer Filmschaffender unter den Nominierten, eher schwach. Denn wer möchte schon, dass in Zukunft Preise für künstlerische Leistungen nach Quote vergeben werden?

 

Info

 

Moonlight

 

Regie:Barry Jenkins,

111 Min., USA 2016;

mit: Alex R. Hibbert, Ashton Sanders, Mahershala Ali, Naomie Harris

 

Website zum Film

 

Doch der Boykottaufruf lenkte das Augenmerk auf ein strukturelles Problem der amerikanischen Film- und Fernsehindustrie an der Westküste. Deren Entscheider sind vorwiegend männlich, weiß und über 50 Jahre alt, was in gleicher Weise auf die Mehrzahl der Mitglieder der Academy zutrifft, die die Oscars vergibt.

 

Kein Alibi-Oscar

 

Es war vorherzusehen, dass sich die Academy im Jahr 2017 die gleiche Blöße nicht noch einmal geben würde. Was jedoch auch die Gefahr eines Alibi-Oscars für „schwarze“ Themen heraufbeschwor. Doch es kam anders. Im Februar wurde „Moonlight“, das coming-of-age-Drama eines schwarzen ghetto kid von Regisseur Barry Jenkins zurecht als bester Film geehrt: ein ebenso präzises wie empathisches Porträt eines homosexuellen Jungen, der in einer äußerst schwierigen Umgebung nach seinem eigenen Weg sucht.

Offizieller Filmtrailer


 

Das Leben in drei Kapiteln

 

Entstanden nach dem autobiografisch inspirierten, nie kommerziell aufgeführten Bühnenstück „In Moonlight Black Boys Look Blue“ von Tarell Alvin McCraney erzählt „Moonlight“ in drei zeitlich in sich abgeschlossenen Kapiteln von prägenden Erlebnissen des Jungen Chiron, der in den 1980er Jahren mit einer drogensüchtigen Mutter in einem Ghetto von Miami aufwächst. Von verschiedenen Schauspielern verkörpert, ist Chiron als Kind (Ashton Sanders), Jugendlicher (Alex R. Hibbert) und Erwachsener (Trevante Rhodes) zu sehen.

 

Wie der schüchterne Junge stille Kämpfe mit seiner Mutter Paula (Naomie Harris) ausficht und in dem Drogen-dealer Juan (Mahershala Ali) und dessen Freundin Teresa (Janelle Monáe) eine Ersatzfamilie findet. Wie der ungelenke Jugendliche von Mitschülern aufgrund seiner sich abzeichnenden Homosexualität psychisch und physisch terrorisiert wird und von seinem Schulfreund Kevin (Jharrel Jerome) erstmals Zärtlichkeit erfährt. Und wie er Jahre später, inzwischen selbst ein muskelbepackter, in einer Jugendstrafanstalt sozialisierter Drogendealer, noch einmal die mittlerweile in einer Entziehungsklinik lebende Mutter und den frisch geschiedenen Kevin trifft.

 

Gangster-Panzer mit weichem Kern

 

Dabei entfaltet sich jenseits wohlfeiler Sozialkritik ein vielschichtiges Drama, in dem all die Ereignisse Teile einer Entwicklung sind, an deren Endpunkt auch der vermeintliche Klischee-gangster, zu dem Chiron inzwischen geworden ist, doch nur ein sich nach Zuneigung und Zärtlichkeit sehnender kleiner Junge geblieben ist.

 

Stilistisch bewegt sich „Moonlight“ im Spannungsfeld der Eleganz geschmeidiger Kamerafahrten und einer kühlen blauen Farbpalette sowie der Unmittelbarkeit von mit der Handkamera gefilmten Szenen. Vor allem sie ermöglichen einen direkten Zugang zu Chirons Gefühlswelt.

 

Wider die Erwartungshaltungen 

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Nächster Halt: Fruitvale Station“ – Doku-Drama über die Erschießung eines US-Schwarzen von Ryan Coogler

 

und hier einen Bericht über den Film „Twelve Years a Slave“  – fesselnde Sklaverei-Saga von Steve McQueen

 

und hier einen Beitrag über den Film The Black Power Mixtape 1967 – 1975 – brillante Doku über die US-Bürgerrechtsbewegung von Göran Hugo Olsson

 

Beeindruckend ist die Komplexität in den Beziehungen der Figuren; damit schafft es der Film, Klischees und Erwartungshaltungen ständig zu unterlaufen. Niemand ist hier ein Stereotyp: Jeder Charakter zeichnet sich stattdessen durch ebenjene Widersprüchlichkeit aus, die dem menschlichen Wesen zu eigen ist.

 

So erweist sich der smarte Drogen-dealer Juan, dessen Darsteller Mahershala Ali den Oscar als bester Nebendarsteller gewann, eben auch als außerordentlich sensible Ersatz-Vaterfigur, die versucht, Chiron Selbstbewusstsein zu vermitteln: „Irgendwann musst du entscheiden, wer du sein willst. Das kann dir keiner abnehmen“, sagt er in einer der Schlüsselszenen des Films, nach einer Schwimmlehrstunde im Meer, der einer Art Taufe gleichkommt.

 

Weder Sozialdrama noch Schwulenfilm

 

„Moonlight“ ist kein Film, der ein label verdient: Er ist weder Sozialdrama noch Schwulenfilm, sondern viel universeller gedacht. Es ist die Geschichte eines Jungen, der sich in allen Lebensbereichen beständig fremd fühlt: mit Gleichaltrigen und mit seiner Sexualität. Und der, als er selbst gewalttätig wird, auch emotional auf die Verliererstraße gerät. Doch egal, welche Panzerung man sich gegen die Härten des Lebens zulegt, am Ende kann eben doch niemand aus seiner Haut.


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