Nate Parker

The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit

Sklaven zu verkaufen. Foto: © 2016 Twentieth Century Fox

(Kinostart: 13.4.) Eine Revolution macht noch keine geeinte Nation: Der umstrittene US-Regisseur Nate Parker erzählt vom Sklavenaufstand des schwarzen Plantagen-Predigers Nat Turner 1831 – als Memento für ein Land, das bis heute innerlich gespalten ist.

Virginia, Anfang des 19. Jahrhunderts: Nat Turner wächst als Sklave auf einer kleinen Baumwollplantage auf. Dort lernt er lesen, was aber eher ein karitatives Prestigeprojekt der Gattin des Plantagenbesitzers ist. So stirbt die Hoffnung auf eine Karriere im weißen Haushalt schnell. Nat wird Baumwollpflücker.

 

Info

 

The Birth of a Nation –
Aufstand zur Freiheit

 

Regie: Nate Parker,

120 Min., USA 2016;

mit: Nate Parker, Armie Hammer, Aja Naomi King

 

Weitere Informationen

 

Doch weil er als Kind die Bibel gelesen hat, predigt er im Kreise seiner afrikanischen Leidensgenossen das Wort Gottes. Daraus entwickelt Plantagenbesitzer Samuel eine Geschäftsidee: Er reist mit Nat zu den Farmen, wo er die erhitzen Gemüter aufsässiger Sklaven besänftigen soll. Dabei wird Nat klar, dass es ihm verhältnismäßig gut geht, während die meisten Sklaven unmenschlichen Bedingungen ausgeliefert sind – er beginnt, statt Demut Zorn und Vergeltung zu predigen. Eine Sonnenfinsternis gibt ihm das Zeichen von oben: Nat greift zur Waffe und aktiviert sein klandestines Netzwerk.

 

Langer Weg in die Freiheit

 

„The Birth of a Nation“, der neue Film des US-Regisseurs Nate Parker, handelt vom 48-stündigen Aufstand von Nat Turner und seiner Schar im Jahr 1831. Sie zogen von Plantage zu Plantage, befreiten andere Sklaven und töteten rund 60 Weiße. Nachdem Milizen den Aufstand blutig niedergeschlagen hatten, wurden drei Mal so viele Schwarze umgebracht, darunter Turner selbst. Als erster offener Sklaven-Aufstand war diese Revolte ein Auftakt zum langen Weg in die Freiheit, der für viele Nachfahren der verschleppten Afrikaner noch immer nicht beendet ist.

Offizieller Filmtrailer


 

Keine kanonische Konfliktlösung

 

Der Titel des Films ist gut gewählt: D.W. Griffiths gleichnamiger Stummfilm von 1917, dessen Deutung des US-Bürgerkriegs lange in amerikanischen Köpfen nachhallte, war voll von rassistischen Klischees und Sympathien für den Ku-Klux-Klan. Dem hält Nate Parker eine alternative Erzählung entgegen – und lässt den schockierten Zuschauer mit vielen Fragen zurück.

 

Was für eine Nation wurde 1831 geboren? War Nat Turner Patriot oder Terrorist? War er, wie er glaubte, ein Medium Gottes? Um den Streit um Turners Bedeutung zu aktualisieren, nutzt der Film die Mittel des biopics und bürstet sie an entscheidenden Stellen gegen den Strich. Als Milizionäre seine Frau vergewaltigen, wäre die kanonische Konfliktlösung für Nat, sich mit seinem weißen Boss und Sandkastenkumpel Samuel zusammenzutun, die Sache mit einer Schießerei zu klären und dann als Freigelassener eine Karriere als Anwalt, Prediger oder Fluchthelfer einzuschlagen.

 

Nicht eine, sondern viele Nationen

 

Stattdessen nimmt er die Axt, erschlägt Samuel und fordert seine Leute auf, mit ihren weißen Bossen dasselbe zu tun. Das ist radikal. Regisseur Parker beharrt darauf, dass seine „Nation“ zur Nation wurde, als Turner den Schritt zum handelnden Subjekt vollzog, anstatt Objekt weißer Kalküle und Aktionen zu bleiben. Er pfeift auf Vorgänger wie die TV-Serie „Roots“ oder den Oscar-prämierten Spielfilm „Twelve Years a Slave“ (2013) von Steve McQueen, die ein Versprechen auf künftige Befreiung und Versöhnung enthielten.

 

Parker erinnert daran, dass die Überwindung der barbarischen Unterdrückungs-Industrie keine geeinte Nation hervorbrachte, sondern mehrere. Ihre unterschiedlichen Erfahrungen prägen die USA bis heute. Mit allen Mitteln eines Revolutions-Epos durchläuft der Film die Stationen eines Leidensweges: die Machtstrategien und die Herablassung der weißen Besitzerklasse, selbst in Momenten der Freundlichkeit; sowie die physischen, psychischen und nicht zuletzt sexuellen Demütigungen. Bis zum Punkt, an dem es sowohl für Revolutionäre wie für Terroristen und Märtyrer aller Art gleichermaßen kein Zurück mehr gibt. Nat Turner hat von allen dreien etwas; das macht ihn so umstritten.

 

Das eigene Leid rächen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films “Twelve Years a Slave” – fesselnde Sklaverei-Saga von Steve McQueen, 2014 mit dem Oscar für den besten Film prämiert

 

und hier eine Besprechung des Films “Django Unchained” – Italo-Western über Südstaaten-Sklaverei von Quentin Tarantino

 

und hier einen Beitrag über den Film „Nächster Halt: Fruitvale Station“ – Doku-Drama über die Erschießung eines US-Schwarzen von Ryan Coogler.

 

Der Film gibt das zu, aber er stellt sich zugleich bedingungslos auf Turners Seite. Unscharf bleibt am Ende nur die Frage nach Gott. Während der historische Prediger Turner sich offenbar wirklich als ein Auserwählter im christlich-fundamentalistischen Sinne sah, bleibt selbst in der Hinrichtungsszene seltsam offen, ob seine Berufung auf das Wort Gottes nun Zweck war oder strategisches Mittel.

 

War Turner Revolutionär oder göttlicher Gesandter? Hier wollte Regisseur Parker offenbar nicht zu eindeutig auf die christliche Karte setzen, indem er sich Hintertüren offen lässt: zum afrikanischen Animismus und zur Psychologisierung der Figur. Wer würde sich für solches Leid nicht rächen wollen? Dabei steht die historisch nicht verbürgte Vergewaltigung seiner Ehefrau im Mittelpunkt.

 

Traurige Ironie des Films

 

Ausgerechnet dies ist aber nicht mehr zu trennen von dem Skandal, der den Film eingeholt hat: Regisseur Parker und sein Ko-Autor Jean McGianni Celestin waren als Studenten angeklagt, 1999 eine Kommilitonin vergewaltigt zu haben. Trotz rechtskräftiger Freisprüche kochten US-Medien diese Vorwürfe nach der Premiere im Januar 2016 beim „Sundance Festival“ wieder auf. Der Fall nimmt dem Film die verdiente Wucht – und bestätigt mit seiner ganzen Komplexität und traurigen Ironie, was das Revolten-Epos postuliert: dass durch die US-amerikanische Nation weiterhin ein tiefer Riss verläuft.


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