Jean-Pierre Léaud

Der Tod von Ludwig XIV.

Der Sonnenkönig Ludwig XIV ( Jean-Pierre Léaud) mit Begleitung bei einem Spaziergang. Foto: Grandfilm Verleih
(Kinostart: 29.6.) Monarch in der Matratzengruft: Der Sonnenkönig starb nach zweiwöchiger Agonie an Wundbrand. Das walzt Regisseur Albert Serra zu einem sterbenslangweiligen Schlafgemach-Kammerspiel aus – Versailles als düsteres Hospiz.

Mit ihm ging eine ganze Epoche dahin: Als der Sonnenkönig Ludwig XIV. am 1. September 1715 nach sagenhaft langen 72 Jahren auf dem Thron starb, verblich zugleich das Ideal des absolutistischen Monarchen. In seiner Regierungszeit wurde Frankreich zur Vormacht in Europa, doch kostspielige Kriegsführung und Prunksucht ruinierten am Ende beinahe die Nation – die Spätfolgen führten sieben Jahrzehnten später zur Revolution. Dennoch: Kein französischer Herrscher war je mächtiger als er.

 

Info

 

Der Tod von Ludwig XIV.

 

Regie: Albert Serra,

115 Min., Frankreich/ Portugal/ Spanien 2016;

mit: Jean-Pierre Léaud, Patrick d’Assumçao, Irène Silvagni

 

Weitere Informationen

 

All das interessiert den katalanischen Regisseur Albert Serra wenig. Er plante "Der Tod von Ludwig XIV." ursprünglich als Langzeit-performance im Pariser Centre Pompidou: Zwei Wochen lang sollten Museumsbesucher verfolgen können, wie der Schauspieler Jean-Pierre Léaud in einem Glaskasten vermeintlich dahinsiechte. Das morbide Projekt scheiterte an Geldmangel; mit den dadurch frei werdenden Mitteln hat Regisseur Serra eine Filmversion realisiert.

 

Tout le monde eilt an sein Lager

 

So sieht das Ergebnis auch aus: kein Kammer-, sondern ein Bettkammerspiel. Nur in der Anfangsszene begleitet die Kamera den König kurz in den Garten von Versailles; danach traut sie sich nicht mehr aus dessen Schlafgemach heraus. Wozu auch, wenn doch tout le monde an sein Lager eilt: Höflinge, die um Gunsterweise buhlen; seine zweite Gattin, die drei Jahre ältere Marquise de Maintenon (Irène Silvagni); sein fünfjähriger Urenkel, der als Ludwig XV. der Thronfolger werden wird; dazu Scharen von Ärzten, Klerikern und Lakaien.

Offizieller Filmtrailer (franz. mit deutschen Untertiteln)


 

Nekrophile Detailbesessenheit

 

Da sich sowieso alles um ihn dreht, braucht sich Jean-Pierre Léaud als Ludwig XIV. kaum bewegen. Der frühere star der Nouvelle Vague und Lieblings-Hauptdarsteller von Regisseur François Truffaut ist mittlerweile fast genauso alt wie der Sonnenkönig bei seinem Ableben; die Maske tut ein Übriges. Léaud verleiht seiner Figur durchaus eine gewisse würdevolle Autorität – soweit ihm das möglich ist, da er durchgängig in der Horizontale verharren muss.

 

Was Regisseur Serra mit einer Detailbesessenheit vorführt, die an Nekrophilie grenzt. Minutiös breitet er die letzten beiden Lebenswochen des Monarchen aus, als seien von umständlicher Hofstaat-Routine an seiner Bettkante ungeahnte Einblicke in das Wesen der Macht zu erwarten. Leibarzt Fagon (Patrick d’Assumçao) behandelt die schwarze Flecken am königlichen Bein falsch, so dass Ludwigs Schmerzen ständig schlimmer werden. Er hat wenig Appetit; sobald er auch nur ein bisquit isst, applaudieren sogleich die Hofschranzen.

 

Allonge-Perücken stets in Form

 

Da sich sein Zustand verschlimmert, zieht man Ärzte von der Sorbonne hinzu; sie erwägen, das Bein abzunehmen, können sich aber nicht dazu durchringen. Ein Quacksalber aus Marseille verabreicht ein Elixier, das nichts hilft; der Mann wird als Scharlatan verhaftet. Schließlich stirbt Ludwig an Wundbrand. Regisseur Serra scheut nicht einmal davor zurück, die anschließende Autopsie nachzustellen – mit Darm und Milz der Leiche in close-ups.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Gärtnerin von Versailles" - schwungvolles Historien-Liebesdrama am Hof des Sonnenkönigs von Alan Rickman mit Kate Winslet + Matthias Schoenaerts

 

und hier einen Bericht über den Film "Leb wohl, meine Königin!" - Historiendrama über Marie Antoinette, Frankreichs letzte Monarchin, von Benoît Jacquot

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die Königin und der Leibarzt" - mit Mads Mikkelsen als Radikal-Reformer am dänischen Königshof von Nikolaj Arcel

 

Natürlich werden dabei manche Züge der Barockzeit deutlich: Etwa, wie inkompetent selbst renommierte Ärzte Anfang des 18. Jahrhunderts noch waren – außer Aderlass und Amputation fallen ihnen kaum Behandlungsmethoden ein. Oder, dass Machtkämpfe im Gefolge offenbar im Flüsterton mit unbewegter Miene ausgetragen wurden; Haltung bewahren war alles. Allein schon wegen der Allonge-Perücken: Was immer geschah, die Locken-Gebirge blieben in Form.

 

In nächster Minute Licht aus

 

Doch wer möchte für solche Einsichten fast zwei Stunden lang der Agonie eines stöhnenden und röchelnden Greises in gefühlter Echtzeit zusehen? In so statischen und düsteren Nahaufnahmen, die stets wirken, als ginge in der nächsten Minute für immer das Licht aus? Oder dem Zuschauer fielen endgültig die Augen zu.

 

Auch Ludwig XIV. war nur ein hinfälliger Mensch – in der Tat: Die Zeiten, in denen diese Enthüllung noch irgendwelche Royalisten hätte befremden oder gar schockieren können, sind lange vorbei. Da fragt sich, was den Regisseur am Hinscheiden des Sonnenkönigs so fasziniert; die Todesumstände vieler anderer Monarchen waren wesentlich spektakulärer.

 

Sterbenslangweilige Selbstbespiegelung

 

Zumal sich auch eine symbolische Betrachtung erledigt hat: Bei seiner Premiere auf dem Festival in Cannes 2016 ließ sich der Film noch als Parabel auf ein Frankreich in Dauerstagnation verstehen – gelähmt durch das ausgelaugte Parteien- und Präsidialsystem der Fünften Republik. Doch inzwischen hat Emmanuel Macron dieses ancien régime hinweggefegt – und damit auch jeden Anlass für solch sterbenslangweilige Selbstbespiegelung im historischen Gewand.


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