
Das eine Haus steht einzeln direkt am Meeresufer: ein kleines Hotel, modern und schlicht eingerichtet, mit malerischem Blick auf die Brandung. Hier hat sich die angehende Psychologin Chehnaz (Funda Eryiğit) während ihres Pflicht-Praktikums in einem Provinz-Krankenhaus eingemietet. An den Wochenenden fährt sie zu ihrem Partner Cem („Tatort“-Kommissar Mehmet Kurtuluş) – beide bewohnen ein elegant, fast schon mondän eingerichtetes Apartment in Istanbul.
Info
Clair Obscur
Regie: Yeşim Ustaoğlu,
105 Min., Türkei/ Polen/ Deutschland/ Frankreich 2016;
mit: Funda Eryiğit, Ecem Uzun, Mehmet Kurtuluş
Zwei Mal türkischer Frauen-Alltag
Willkommen in der heutigen Türkei: Mit wenigen, unspektakulären Bildern umreißt Regisseurin Yeşim Ustaoğlu die krassen Gegensätze in diesem Schwellenland. Dazu genügt ihr, beide Protagonistinnen hautnah durch ihren Alltag zu verfolgen. In ruhigen, sparsam mit stimmungsvollen Klängen unterlegten Einstellungen – der Film kommt völlig ohne hektische Handkamera oder aufdringliche Symbolik aus.
Offizieller Filmtrailer, OmU
Kollegen-Flirt + Ehe-Pflichten
Stattdessen erzählt Regisseurin Ustaoğlu konzentriert, wie Chehnaz und Elmas in nächster Nähe nebeneinander her agieren, ohne voneinander zu wissen – bis sich ihre Leben zufällig kreuzen. Die Psychologin beginnt an ihrem Glück mit Cem zu zweifeln, als sie ihn beim Ansehen von internet-Pornos beobachtet; bei langen Spaziergängen am Felsufer will sie sich Klarheit über ihre Gefühle verschaffen. Als ihr Klinik-Kollege Umut (Okan Yalabik) um sie wirbt, geht sie bereitwillig darauf ein.
Dagegen ist sich Elmas über ihr Elend völlig im Klaren. Als Minderjährige wurde sie mit gefälschten Papieren zwangsverheiratet; an ihrem neuen Wohnort fühlt sie sich fremd und kaum besser als eine Haussklavin. Allnächtlich erträgt sie weinend ihre ehelichen Pflichten mit zusammengebissenen Zähnen; ihr Leid kann sie keiner Seele anvertrauen.
Fremd- versus Selbstbestimmung
Bis eines Nachts ein Unglück geschieht. Gatte und Schwiegermutter schlafen schon, Elmas legt im Ofen Kohlen nach und begibt sich auf den Balkon. Doch ein Sturm drückt den Qualm zurück in den Schornstein – beide Mitbewohner sterben an einer Rauchvergiftung. Das Mädchen wird wegen Mordverdachts verhaftet und von der Polizei zur Untersuchung durch die Psychologin geschickt. Mit geduldigen Fragen entlockt Chehnaz ihr, was sich zugetragen hat.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Babamin Sesi - Die Stimme meines Vaters" - kurdisches Familiendrama von Orhan Eskiköy + Zeynal Doğan
und hier einen Bericht über den Film "Winterschlaf" – brillantes türkisches Intellektuellen-Drama von Nuri Bilge Ceylan, prämiert mit der Goldenen Palme 2014
und hier einen Beitrag über den Film "Once upon a time in Anatolia" – perfektes Roadmovie als Total-Panorama der Türkei von Nuri Bilge Ceylan
Ein Hauch von Resignation
Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen führt der Film ganz unangestrengt vor; mit wie beiläufig gezeigten Details, deren Bedeutung sich erst in der Parallelführung erschließt. So wird sich Chehnaz über ihre Partnerwahl erst im Bett klar – bei einer der ausdrucksstärksten und schönsten Liebesszenen, die seit langem auf der Leinwand zu sehen waren. Auch das kann türkisches Kino sein.
Das alles geschieht, ohne zu werten oder Emanzipations-Rezepte anzubieten. Selbst die Männer werden nicht denunziert: weder der urban-weltläufige Cem noch der tumbe Prolet von Ehemann, der sich Elmas angeschafft hat wie ein Möbelstück. So umflort diese feinfühlig subtile Sozialstudie in erlesen elegischen Bildern ein Hauch von Resignation: Alles ist, wie es ist, und wird vermutlich so bleiben.