Dea Kulumbegashvili

Beginning

Yana (Ia Sukhitashvili). Foto: MUBI

(MUBI-Start: 29.1.) Glaube in Flammen: Regisseurin Dea Kulumbegashvili porträtiert die Frau eines georgischen Predigers, die zum Opfer des Dorf-Machismo wird – mit einer mutig subtilen Inszenierung, deren karge Schlichtheit dem Publikum den Atem raubt.

Die Welt von Yana (Ia Sukhitashvili) erscheint in Dea Kulumbegashvilis Spielfilmdebüt auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen: Berge umschließen das abgelegene georgische Dorf. Gelegentlich sind Kinderlachen oder Hundbellen zu hören, aber keine Musik. Hier führt Yana mit Mann David (Rati Oneli) und ihrem Sohn Giorgi (Saba Gogichaishvili) ein ärmliches, wenig freudvolles Leben.

 

Info

 

Beginning

 

Regie: Dea Kulumbegashvili,

130 Min., Georgien/ Frankreich 2020;

mit: Ia Sukhitashvili, Kakha Kintsurashvili, Rati Oneli

 

Website zum Film

 

Nachdem ihre Ambitionen als Schauspielerin gescheitert sind, hat sich Yana für ein sicheres Dasein an der Seite ihres zielstrebigen, aber auch liebevollen Mannes entschieden. David ist der Prediger der örtlichen Gemeinde der Zeugen Jehovas; er betrachtet seinen Job vor allem als Stufe auf seiner Karriereleiter. Sie unterstützt ihn in seiner Missionsarbeit unter den Dorfkindern, indem sie ihnen freundlich aber bestimmt die rigide Weltsicht der Gemeinde mit klaren Unterschieden zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle einbimst.

 

Flammenmeer im Gebetshaus

 

Gleich zu Beginn des Films wird das Leben von Yanas Familie erschüttert: Das Gebetshaus der „Zeugen Jehovas“ wird von religiösen Fanatikern niedergebrannt. Die Gemeinde ist entsetzt von solch brutaler Feindseligkeit; auch Yana und David fragen sich, ob und wie sie in dieser Umgebung weiter leben können.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

In der Machogesellschaft

 

David erstattet Anzeige bei der Polizei; doch die fordert ihn auf, seine Anzeige zurückzuziehen, und leitet keine Ermittlungen ein, obwohl David Videoaufnahmen als Beweismaterial vorlegen kann. Während David eine Dienstreise macht, um dem Ältestenrat der Zeugen Jehovas zu berichten, taucht bei Yana ein mysteriöser und vielleicht falscher Polizist auf. Immer wieder verhört er sie und demütigt sie als Frau und Angehörige einer religiösen Minderheit, bis er sie schließlich vergewaltigt.

 

Yana weiß, dass sie von der archaischen Machogesellschaft ihres Dorfes kaum Mitgefühl erwarten kann; auch David ringt mit sich und seinen Moralvorstellungen, als er erfährt, was ihr widerfahren ist. Damit löst er bei Yana eine Kette von Reaktionen aus, die so unvorhersehbar und zugleich stimmig sind, dass es einem fast den Atem raubt.

 

Yana allein im Wald

 

Man ist ganz bei ihr, vor allem in den wenigen Augenblicken, in denen sie allein ist und eigentlich nur atmet, etwa am Küchentisch. Oder: In einer langen, fast siebenminütigen Sequenz belauscht die Kamera einen Gang von Yana durch den Wald – während sie nur atmet, nur Licht und Schatten auf ihrem Gesicht spielen und die Geräuschkulisse langsam dem leisen Rauschen ihres Blutes weicht. In solchen Momenten scheint das Gefühl des Stillstands und des Nichtdazugehörens für sie erträglich zu werden. Ansonsten wirkt sie verloren in dieser männlich dominierten Welt, von der sie sich schließlich radikal abwenden wird.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Vor dem Frühling“ – Polit-Thriller aus Georgien von George Ovashvili

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Maisinsel“ – idyllische Aussteiger-Robinsonade in Georgien von George Ovashvili

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die langen hellen Tage“ – stimmungsvolles Porträt zweier Freundinnen im Georgien der chaotischen 1990er Jahre von Nana Ekvtimishvili + Simon Groß

 

Das Unbehagen und Fremdsein der Hauptfigur überträgt sich auf den Zuschauer, der Yana die Empathie entgegenbringt, die ihrer Umgebung fehlt. Sie ist keine Heldin und auch kein Opfer der Umstände; aber sie wehrt sich gegen die Stagnation. „Das Leben vergeht, als ob ich gar nicht da wäre“, sagt sie einmal. „Wir sollten dir eine Arbeit suchen“, antwortet ihr Mann. Doch Yana zieht eine andere Konsequenz – bei der am Ende der Schwächste, ihr Sohn auf der Strecke bleibt.

 

Die Kunst des Tableauhaften

 

Regisseurin Kulumbegashvili hat jedoch kein feministisches Manifest in Sinn, sondern eher eine künstlerisch überhöhte Zustandsbeschreibung. Die Kamera verfolgt das Geschehen über weite Strecken aus der Perspektive des auktorialen Erzählers. Sie verharrt während der Szenen – bis auf wenige und daher umso effektvollere Schwenks – immer an gleicher Stelle, was den Bildern etwas Tableauhaftes und auch irritierend Künstliches gibt. Allein wegen der Kameraarbeit von Arseni Khachaturan möchte man den Film auf großer Leinwand betrachten.

 

Dieser in seiner kargen Schlichtheit mutige Film ist ein kleines Wunder, denn er bietet Kino im besten, altmodischen Sinne. Er fordert das Publikum heraus, indem er keine Antworten und Interpretationen liefert, sondern auf die eigene Urteilskraft jeder oder jedes Einzelnen baut. Das gibt diesem kargen Werk eine Wucht, die sich selbst auf dem kleinsten Bildschirm entfaltet.

 

Seit 29.1.2021 bei MUBI