Andreas Hoessli

Der nackte König

Junge Frauen im Iran; die meisten von Hoesslis Interviewpartnern sind allerdings Männer. Foto: W-Film / Mira Film

(VoD-Start 11.2.21) 1979 wurde im Iran der Schah gestürzt, 1980 streikten in Polen Werftarbeiter: Beide Umbrüche vergleicht Regisseur Andreas Hoessli miteinander – ohne größeren Erkenntnisgewinn. Sein fragmentarischer Doku-Essay wirkt beliebig.

Was verbindet den Iran und Polen? Auf den ersten Blick nicht viel: In ihrer Geschichte, Sprache, Kultur und Religion gibt es kaum Berührungspunkte. Und doch macht der Filmemacher Andreas Hoessli eine entscheidende Gemeinsamkeit aus, die er zum Ausgangspunkt seines dokumentarischen Essayfilms nimmt: Beide Länder haben fast zeitgleich eine revolutionäre Phase durchgemacht.

 

Info

 

Der nackte König

 

Regie: Andreas Hoessli,

108 Min., Schweiz/ Polen/ Deutschland 2018;

mit: Tadeusz Chętko, Zbigniew Siemiątkowski, Parviz Rafie

 

Website zum Film

 

Ihr politisches System änderte sich in der Folge des Aufstandes grundlegend – mit jeweils völlig anderen Ergebnissen: Aus der Monarchie im Iran wurde nach dem Sturz von Schah Reza Pahlevi 1979 eine vom schiitischen Islam geprägte Republik; der Ajatollah Ruhollah Chomeini war fortan nicht nur höchster religiöser Führer, sondern auch Staatsoberhaupt.

 

Freie Gewerkschaft in Polen

 

Im Polen des Jahres 1980 führte dagegen eine Streikbewegung, die unter Danziger Werftarbeitern begann, zur Gründung der freien Gewerkschaft Solidarność. Sie war der Anfang vom Ende des kommunistischen Regimes. Obwohl Ende 1981, nach einer 15-monatigen Phase relativer politischer Freiheit, unter General Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht verhängt wurde und jahrelange Repressionen folgten, gelten die damaligen Unruhen als Meilenstein auf dem Weg zur Abschaffung der Einparteienherrschaft.

Offizieller Filmtrailer


 

Kapuscinski als Ausgangspunkt

 

Polen spielt im Leben des Filmemachers eine wichtige Rolle. Der Schweizer lebte in den 1980er Jahren als Forschungsstipendiat in dem Land; später arbeitete er als Osteuropa-Korrespondent. Damals lernte er den polnischen Schriftsteller und Reporter Ryszard Kapuściński (1932-2007) kennen. Er wurde weltberühmt durch seine Reportagen aus Afrika, Südamerika und anderen Ländern der Dritten Welt; als Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur. Nach seinem Tod wurde allerdings der Wahrheitsgehalt einiger seiner Berichte angezweifelt.

 

Um Kapuściński geht es in „Der nackte König“ lediglich am Rande. Seine Berichte über die revolutionären Ereignisse im Iran, 1982 unter dem Titel „Schah-in-Schah“ veröffentlicht, dienen Hoessli vielmehr als Ausgangspunkt, um sich knapp 40 Jahre später auf seine Spuren zu begeben. Interviews mit Zeitzeugen und Aufnahmen aus dem heutigen Teheran werden mit historischem Material aus der Revolutionszeit verknüpft.

 

Filmemacher tritt nicht in Erscheinung

 

Zu diesen Bildern erklingt die sonore Stimme von Bruno Ganz, der Fragen nach der Veränderbarkeit von Herrschaftsverhältnissen stellt: Was macht Revolutionen aus; welche Bilder produzieren sie? Beim Fragenstellen bleibt es allerdings überwiegend auch. Die Ereignisse im Iran werden mit historischen Aufnahmen der Streiks in Polen kontrastiert. Dazu montiert Hoessli in seinem verschachtelten Essayfilm Interviews, Kapuściński-Zitate, Footage-Material und aktuelle Aufnahmen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Yalda“ – packendes Reality-TV-Dokudrama aus dem Iran von Maasoud Bakhshi

 

und hier ein Beitrag über den Film „Drei Gesichter“ – vielschichtiges Road-Movie in der iranischen Provinz mit Behnaz Jafari von Jafar Panahi

 

und hier einen Bericht über den Film „Clash“ – präzises Kammerspiel-Drama über Ägyptens Zerrissenheit von Mohamed Diab

 

Dass die Bilder dieser beiden Revolutionen sehr unterschiedlich ausfallen, verwundert nicht – angesichts der äußerst verschiedenen Voraussetzungen. Daneben verfolgt Hoessli einen dritten Erzählstrang: Während seiner Zeit in Polen wurde er vom polnischen Geheimdienst observiert, weil er den Kontakt zur Protestbewegung suchte. Doch die einstigen Agenten lassen sich auch heute nicht viel Erhellendes entlocken. Trotz dieses biografischen Schwerpunkts tritt Hoessli als Person im Film nicht in Erscheinung, nicht einmal durch seine Erzählstimme. Das wirkt inkonsequent.

 

Kaum Erkenntnisgewinn

 

Ohnehin überzeugt sein Ansatz kaum, die eigene Erfahrung als Ausgangspunkt für diesen thematisch mäandernden Film zu nehmen. Die Revolutionen im Iran und in Polen miteinander in Beziehung zu setzen, wirkt willkürlich, weil dieses Vorgehen allein durch seinen persönlichen Zugang motiviert ist; der bleibt zudem in Bezug auf den Iran ausgesprochen vage. Zwar ist im Untertitel des Films von „Fragmenten“ die Rede; doch man bekommt den Eindruck, dass damit vor allem das Fehlen eines schlüssigen Konzepts bemäntelt werden soll.

 

Insgesamt bietet der Film wenig neue Erkenntnisse. Dass Revolutionen den Menschen erlauben, vorübergehend aus ihrem Alltag auszubrechen, ihre Hoffnungen auf eine bessere und gerechtere Gesellschaft aber meist enttäuscht werden, ist ein Allgemeinplatz. Insofern ist Hoesslis Fragmente-Kaleidoskop ein weiteres Beispiel für die in Westeuropa verbreitete Tendenz, aus jahrzehntelanger geschichtlichen Stabilität heraus mit Verwunderung und Unverständnis auf politische und soziale Erschütterungen in der übrigen Welt zu blicken.

 

Seit 11.2.21 im W-Film Onlinekino