Thomas Clay

Die Erlösung der Fanny Lye

Foto: Alamode Film

(DVD-Start: 26.2.21) Nackt unter Puritanern: Regisseur Thomas Clay schildert die Emanzipation einer Bauersfrau im England des 17. Jahrhunderts als brillant eigenwilliges und minimalistisches Historien-Kammerspiel – eine Zeitreise auf 35-mm-Film.

Nieder mit der alten Ordnung! Thomas Clay erzählt die Geschichte der ungewöhnlichen Emanzipation einer Frau im England des 17. Jahrhunderts. Sein minutiös inzeniertes Kammerspiel bricht mit vielen Konventionen des Historienkinos – und wirkt dadurch umso glaubwürdiger.

 

Info

 

Die Erlösung der Fanny Lye

 

Regie: Thomas Clay,

105 Min., Großbritannien/ Deutschland 2019;

mit: Maxine Peake, Charles Dance, Zak Adams

 

Weitere Informationen zum Film

 

Filme, die vergangene Epochen bebildern, fahren gern große Panoramen auf: Gewaltige Schlachten, opulente Bälle, herrschaftliche Schlösser… Damit einher gehen meist wahre Ausstattungsorgien mit Hunderten von Statisten und sorgsam hergerichteten Schauplätzen. Erzählt wird oft aus der Perspektive der Elite; seien es nun Könige, Generäle oder sonstige Lenker und Leiter – in der Regel Männer.

 

Faszination 35-mm-Film

 

Thomas Clay macht alles anders. Der bislang weitgehend unbekannte britische Independent-Regisseur arbeitete rund zehn Jahre an seinem Werk „Die Erlösung der Fanny Lye“. Gedreht wurde bereits im Winter 2015/16 – und zwar auf 35-mm-Film! Der Charme des analogen Materials verliert sich zwar auf dem häuslichen Bildschirm, aber das tut der eigenwilligen Faszination dieser Geschichte keinen Abbruch.

Offizieller Filmtrailer


 

Gefährliches Chaos

 

Die Handlung spielt im England Mitte des 17. Jahrhunderts, in der Grafschaft Shropshire in den westlichen Midlands. Der englische Bürgerkrieg zwischen den Königstreuen und den Verfechtern der Republik ist erst seit wenigen Jahren vorbei, die Regentschaft des Puritaners Oliver Cromwell neigt sich dem Ende zu. Das Land wird zerrissen von politischen und religiösen Konflikten zwischen Monarchisten und Republikanern, Katholiken, Anglikanern, Presbyterianern und Puritanern. Der Kampf um die Hoheit über die Seelen der Menschen wird noch durch neue radikale Bewegungen wie Quäker und Ranter angeheizt – gefährliche Zeiten, mit einem Wort: Chaos.

 

Kein Wunder also, dass Fremde in einer solchen Welt eine potenzielle Gefahr darstellen. So zieht der alternde Kriegsveteran John (Charles Dance) sofort die Waffe, als er eines Tages nach der Rückkehr vom Kirchgang ein unbekanntes junges Paar in der Scheune seiner abgelegenen Farm vorfindet. Thomas (Freddie Fox) und seine sinnliche Frau Rebecca (Tanya Reynolds) erzählen, sie seien von Wegelagerern überfallen worden und gerade so mit dem im wahrsten Sinne des Wortes nackten Leben davongekommen. Nur dem Eingreifen von Johns pragmatischer Frau Fanny (Maxine Peak) ist es zu verdanken, dass die zwei Gestrandeten Hilfe von den Farmersleuten bekommen.

 

Bibeltreue gegen wilde Ehe

 

Dass Johns Misstrauen durchaus gerechtfertigt war, erweist sich nur wenige Tage später. Es entspinnt sich ein nervenaufreibendes Katz- und Maus-Spiel dieser ungleichen Paare, bei welchem Arthur (Zak Adams), dem Sohn von Fanny und John, die unglückselige Rolle eines Faustpfandes in den Konflikten der Erwachsenen zukommt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Das Mädchen, das lesen konnte“ – sinnlich protofeministischer Historienfilm von Marine Francen

 

und hier einen Beitrag über den Film „Licht“ – Historien-Drama über eine blinde Pianistin und weibliche Emanzipation im 18. Jahrhundert von Barbara Albert

 

und hier eine Besprechung des Films „Mary Shelley“schillerndes Biopic über die Frankenstein-Autorin von Haifaa Al Mansour mit Elle Fanning

 

und hier einen Bericht über den Film „Lady Macbeth“ – gelungene Shakespeare-Verfilmung über Emanzipation durch Mord von William Oldroyd.

Zwischen dem bibeltreuen John, der seine Familie mit strenger Hand regiert, und dem so charismatischen wie manipulativen Thomas wachsen die Spannungen; die Situation eskaliert zusehends. Fanny fühlt sich indessen von Rebeccas Charme angezogen, und diese eröffnet ihr Unerhörtes: Männer und Frauen sollten gleichgestellt sein und Thomas ist nicht ihr Herr, nein, noch nicht einmal ihr Ehemann!

 

Wohldosierte Grausamkeiten

 

Langsam, aber unerbittlich zieht Regisseur Clay die Gewaltschraube an. Als die Protagonisten realisieren, von welcher Seite wirklich Gefahr droht, ist es zu spät. Wohldosiert zeigt er die Grausamkeiten religiöser Repressionen und sexueller Unterdrückung – und bringt damit eine unheilvoll drohende Spannung in den Plot, der am Ende eine unerwartete Wendung nimmt.

 

„Die Erlösung der Fanny Lye“ ist aber mehr als nur ein Suspense-Drama im historischen Gewand. In dieser allegorischen Geschichte, die an nur einem Ort spielt und an der kaum mehr als eine Handvoll Protagonisten beteiligt ist, scheint der Geist einer fernen Epoche auf. Vor allem dem intensiven Spiel des Ensembles und der Akribie der Ausstattung ist die Authentizität des Film zu verdanken.

 

Nebel + Frauenstimme schaffen Distanz

 

Die schlichten Kostüme, die eigens für diesen Film aufgebaute Farm und die altertümliche Sprache vermitteln einen glaubwürdigen Eindruck des damaligen Lebens; es wirkt spartanisch, aber nicht ärmlich. Über viele Szenen legt sich Nebel und vermittelt den Zuschauern das Gefühl, in weit zurückliegende Zeiten zu blicken. Zudem setzt Regisseur Clay auf ein altmodisches Stilmittel: Eine weibliche Erzählstimme führt durch den Film. Das passt hier sehr gut, weil es wohltuende Distanz zum nervenaufreibenden Geschehen schafft.

 

Seit 26.2.21 als DVD bei Alamode Film