Camilo Restrepo

Los Conductos

Pinky (Luis Felipe Lozano). Foto: Mubi

(MUBI-Start: 6.5.21) Blut, Schmerz und Tränen: Der kolumbianische Regisseur Camilo Restrepo porträtiert einen nihilistischen Helden. Einer Sekte entkommen, findet er im Stadtlabyrinth von Medellín ein neues, prekäres Leben – doch er sucht nach Vergeltung.

„Esta es mi vida“ – „Dies ist mein Leben“. Diese Worte hat Pinky (Luis Felipe Lozano) in den Griff seines Revolvers geritzt. Der junge Mann lebt in den Straßen der kolumbianischen Küstenstadt Medellín: ein Leben zwischen Gewalt, Drogendeals und Diebstählen. Die Stadt ist für Pinky ein System aus Löchern, Mauern, Tunneln und Verstecken. Geheimgänge, Abkürzungen, unterirdische Wege führen ihn aus der Stadt heraus – und immer wieder in die eigene Vergangenheit zurück.

 

Info

 

Los Conductos

 

Regie: Camilo Restrepo,

71 Min., Kolumbien/ Frankreich 2020;

mit: Luis Felipe Lozano, Fernando Úsaga Higuíta

 

Weitere Informationen zum Film

 

Am Anfang des Films steht ein Mord – gesehen durch Pinkys Tunnelblick, beleuchtet nur vom Licht einer Taschenlampe. Aus dem Off erzählt Pinky seine Geschichte: Er ist der trügerischen Geborgenheit einer Sekte und ihrem Anführer entkommen, der „Padre“ („Vater“) genannt wird. Auf seiner Flucht begegnet er dem Buntmetalldieb Desquite (Fernando Úsaga Higuíta). Der nimmt ihn unter seine Fittiche und verliert später – ob gerade deshalb, erfahren wir nicht – sein Leben. 

 

Magischer Realismus auf 16-mm-Film

 

Regisseur Camilo Restrepo gestaltet seine Bilder präzise und sorgfältig, und die langen Einstellungen lassen viel Zeit zur Betrachtung. Aber im Zusammenspiel erscheinen sie dann mehrdeutig: Restrepo montiert seinen ersten Langfilm zu einem Möbiusband der Symbole und Doppelungen; die Grenzen von Raum und Zeit, Erinnerung, Traum und Trauma verschwimmen immer wieder.

Offizieller Filmtrailer der Berlinale


 

Die Kamera konzentriert sich auf Details, schält sie aus der oft dominierenden Dunkelheit heraus und überlässt es der Imagination, den größeren Bildausschnitt zu ergänzen – eine Arbeit, die den Zuschauer über das Filmende hinaus beschäftigt. Sein magischer Realismus auf nostalgischem 16-mm-Film ist das Gegengift zum modischen Narco-Image der Streaming-Serien, das es sich zwischen Gewaltverherrlichung und Postkartenidylle gemütlich gemacht hat.

 

Ein filmischer Seufzer

 

Die auf den ersten Blick kargen Bilder sind angereichert mit Verweisen auf kolumbianische Geschichte und Gegenwart. Und auf vorzivilisatorische Zustände: Aus Pinkys und Desquites Sicht ist das Leben ein Kampf aller gegen alle, in dem sie selbst wie Jäger und Sammler wirken. Sie finden Unterschlupf in Höhlen, teilen sich im Wald ein paar Beeren und am Lagerfeuer beraunen sie den Untergang einer Gesellschaft, die ihnen von vornherein die Rolle von Parias zugewiesen hat.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ – bildgewaltiges kolumbianisches Guerilla-Epos von Alejandro Landes

 

und hier einen Beitrag über den Film „Birds Of Passage – Das grüne Gold der Wayuu“ – bildgewaltiges Drogenmafia-Epos aus Kolumbien von Ciro Guerra + Cristina Gallego

 

und hier eine Besprechung der Dokumentation „La Buena Vida − Das gute Leben“ – über Indio-Vertreibung in Kolumbien von Jens Schanze

 

Tatsächlich basiert die Story zu einem guten Teil auf den Erfahrungen seines Hauptdarstellers Luis Felipe Lozano. Mit seinen alten Augen im jungen Gesicht, zotteligem Bart und an Todessehnsucht grenzendem Nihilismus erinnert er an den Dieb aus Alejandro Jodorowskys „Montana Sacra“ („Der heilige Berg“, 1973). Doch anders als für diesen steht für Pinky am Ende der Reise nicht die Erleuchtung, sondern die Rückkehr in den Alptraum. Restrepos Debüt ist ein filmischer Seufzer, eine Elegie auf eine Gesellschaft, in der nur Gewalt das Überleben sichert.

 

Blut, Schmerz und Tränen

 

Restrepo inszeniert ein kühnes Rätselspiel, in dem auch dem Verhältnis von Bild und Text nicht immer zu trauen ist. Während er eine Mischung aus Unbehagen und Staunen erzeugt, fordert er ein gutes Quantum Interpretationsleistung. Am Ende seines Films gibt ein Gedicht des kolumbianischen Poeten Gonzalo Arango einen Hinweis – ein Klagelied auf Kolumbien, das von einem Outlaw namens Desquite (deutsch: „Vergeltung“) und der Inschrift auf seinem Revolver handelt: „Esta es mi vida“.

 

Das Gedicht hat nichts von seiner Aktualität verloren – es endet mit den Worten „Blut, Schmerz und Tränen“. Vor mehr als 60 Jahren prägte Arango den Begriff, der sich auch gut zur Beschreibung von „Los conductos“ eignet: Nadaismus.

 

 

(seit 6.5.21 bei MUBI)