Radu Jude

Bad Luck Banging or Loony Porn

Schlimm, schlimm - mit sichtlicher Schadenfreude zeigt die Rektorin (Claudia leremia) Emis Privatporno den versammelten Eltern. Foto: Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 8.7.) Doppelmoral in der Digitalmedien-Ära: Ein Privatporno macht die Runde – das soll eine Lehrerin ihren Job kosten. Der Berlinale-Siegerfilm 2021 des rumänischen Regisseurs Radu Jude bereitet einen aktuellen Kulturkampf als wortlastiges Triptychon auf.

So gewagt hat wohl noch kein Berlinale-Siegerfilm angefangen: Regisseur Radu Jude beginnt seinen Film mit expliziten Szenen aus dem Schlafzimmer des Ehepaars Cilibiu. Drei Minuten primäre Geschlechtsorgane, dirty talk und Sex in diversen Stellungen. Porno eben. Dass die Aufnahmen privat sind, stellen die Wackelkamera und Tonspur klar: Durch die geschlossene Tür ruft eine alte Frau, Emi (Katia Pascariu) solle ihr Vitamin-Tabletten aus der Apotheke mitbringen. Die Angesprochene antwortet, lässt sich aber nicht von ihrem blow job abhalten.

 

Info

 

Bad Luck Banging or Loony Porn

 

 

Regie: Radu Jude,

106 Min., Rumänien/ Luxemburg/ Tschechische Republik/ Kroatien 2021;

mit: Katia Pascariu, Claudia leremia, Olimpia Mălai,

 

Weitere Informationen zum Film

 

Dummerweise hat Emis Mann den kurzen Privatporno auf eine XXX-Website hochgeladen. Irgendwie wird er geleakt und online verbreitet. Im Handumdrehen haben ihn auch Schüler aus Emis Klasse gesehen, was deren Eltern erzürnt. Um die Wogen zu glätten, setzt Rektorin Canuata (Claudia leremia) einen Elternabend im Schulhof an. Diese Aussprache artet zu einem so erregten wie langatmigen Tribunal aus.

 

Dauerstress in Bukarest

 

Bevor der Film zum Höhepunkt kommt, stellt der Regisseur zwei völlig unterschiedliche Passagen voran. Im ersten Teil folgt er in langen Einstellungen seiner Hauptperson, während sie durch die Innenstadt von Bukarest läuft. Telefonate verdeutlichen, welches Ungemach sie am Abend erwarten wird. Mit einem Besuch bei der Rektorin versucht Emi, das Schlimmste abzuwenden, doch vergeblich. Derweil suggerieren Gesprächsfetzen oder Schimpfkanonaden zwischen Fußgängern und Autofahrern, dass alle Hauptstädter genervt im Dauerstress sind.

Offizieller Filmtrailer


 

Enzyklopädie des Weltekels

 

Nach einer halben Stunde folgt unvermittelt eine Art visuelles Wörterbuch des Schreckens. Alle Stichwörter unterlegt Radu Jude mit found footage von Militärparaden, TV-Schnipseln oder Handy-Kameras. Gallige Textzeilen stellen Rumänien als ein Land dar, in dem alles im Argen liegt. Verdrängung der totalitären Vergangenheit, Chauvinismus, Antisemitismus, Gewalt, Korruption und Heuchelei allerorten – diese grobkörnige Enzyklopädie breitet entschiedenen Weltekel aus. Um zu geißeln, was man eine Akademiker-Generation zuvor den universellen Verblendungszusammenhang genannt hätte.

 

Den dürfen im dritten Teil zwei Dutzend Eltern-Darsteller personifizieren. Fast alle repräsentieren eine soziale Gruppe: Offizier, Priester, Karrierefrau, Intellektueller oder Landei. Und jeder gibt eine erwartbare Meinung zum Besten: Vorwürfe, Klischees, Unterstellungen, billige Scherze, Zoten und Beschimpfungen prasseln auf Emi ein.

 

Muffige moralische Mehrheit

 

Sie erklärt sich für schuldlos: Weder habe sie die Aufnahmen ins Internet gestellt noch weiterverbreitet. Zudem sei sie eine anerkannt tadellose Lehrerin. Doch ihr Insistieren auf der Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre hilft ihr wenig. Die Anwesenden fordern Emis Unterwerfung unter die muffige Doppelmoral der selbsternannten moralischen Mehrheit.

 

Damit fasst der Film bündig die Kulturkämpfe zusammen, die derzeit in etlichen Ländern Osteuropas ausgefochten werden. Auf der einen Seite verteidigen urbane Eliten alle Errungenschaften liberaler Demokratien, die seit 1990 importiert – oder eher: übergestülpt – wurden. Dagegen begehren traditionelle Milieus auf: Sie beharren auf vormodernen Vorstellungen, die ihre Identität festigen. Dazu werden Fakten schlicht geleugnet; dass Rumäniens Nationaldichter Mihai Eminescu auch schlüpfrige Verse verfasste, darf nicht sein.

 

Fesselndes Radio-Hörspiel

 

Diesem clash of civilizations gibt Radu Jude eine Form, gegen die jedes Lehrstück von Bertolt Brecht wie ein Action-Reißer wirkt. Außer bemüht aufklärerischem Furor verbindet die Teile seines Triptychons wenig. Als Radio-Hörspiel könnte der verbale Schlagabtausch zwischen Eltern und Lehrerin fesselnd wirken – doch zu sehen sind nur corona-bedingt maskierte Gesichter. Der Prolog in der ersten halben Stunde kommt recht inhalts- und spannungsarm daher. Der folgende Wörterbuch-Bilderbogen bewegt sich mit seinem wohlfeilen Zynismus auf demselben Niveau begründungsloser Denunziation, das er seinen Landsleuten vorhält.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ – rumänisches Historiendrama von Radu Jude

 

und hier einen Bericht über den Film „Scarred Hearts – Vernarbte Herzen“ – Romanadaption des rumänischen Quasi-„Zauberberg“ von Radu Jude

 

und hier eine Festival-Bilanz der 71. Berlinale 2021: „Phantom-Festival der Anti-Ästhetik“, Goldener Bär für „Bad Luck Banging…“ von Radu Jude.

Der Regisseur geht durchaus konsequent seinen Weg. Auf der Berlinale hatte er seinen Durchbruch 2015 mit „Aferim!“: Der karge Schwarzweiß-Historienfilm zeigte packend, wie brutal rumänische Adlige vor 1850 ihre Roma-Untertanen behandelten. Dafür erhielt Jude einen Silbernen Bären für die Beste Regie, sein Film fand aber hierzulande keinen Verleih. Zwar kam „Scarred Hearts – Vernarbte Herzen“ 2017 in die deutschen Kinos, doch sein zähes Porträt eines Tuberkulosekranken vor 80 Jahren floppte.

 

Am Publikum vorbeireden

 

Ähnlich erging es 2018 „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ über Gräueltaten der rumänischen Militärdiktatur unter Mihai Antonescu im Zweiten Weltkrieg. Geradezu spartanisch wirkte die Doku „The Exit of Trains“ über ein Pogrom 1941 in Iaşi; sie zeigte fast nur Passfotos von Ermordeten.

 

So verdienstvoll das Bemühen von Radu Jude ist, blinde Flecken von Rumäniens gewaltgesättigter Vergangenheit und damit pars pro toto etlicher postkommunistischer Gesellschaften auszuleuchten: mit derart statisch-wortlastiger Umsetzung dürfte er weder in seiner Heimat noch im Ausland ein größeres Publikum erreichen – am allerwenigsten dasjenige, das es angeht.