
Jedes Gedächtnis ist eine Welt für sich: Um die Subjektivität von Erinnerungen geht es in dieser Mischung aus Melodrama, Liebesgeschichte, Mutter-Sohn-Beziehung und Porträt einer heute etwa 60-jährigen Frau. Dass sie Anfang der 1960er Jahren geboren wurde, teilt Joan Verra (Isabelle Huppert) dem Publikum am Anfang mit, indem sie direkt in die Kamera spricht. Von diesem Fiktionsbruch abgesehen wahrt der Film des französischen Regisseurs Laurent Larivière den schönen Schein: Über weite Strecken verweilt er in einer träumerisch-schwelgerischen Sphäre.
Info
Die Zeit, die wir teilen
(A Propos de Joan)
Regie: Laurent Larivière,
101 Min., Frankreich/ Irland/ Deutschland 2021;
mit: Isabelle Huppert, Lars Eidinger, Swann Arlaud
Weitere Informationen zum Film
Amour fou mit Enfant terrible
Derweil führt die Handlung immer wieder zurück in die Gegenwart. Als Joan nach Jahrzehnten zufällig in Paris ihre erste Liebe wiedertrifft, wühlt sie das so auf, dass sie in ihr Landhaus flüchtet. Die erfolgreiche Verlegerin ist mit einem ihrer Autoren liiert; der Deutsche Tim Ardenne (Lars Eidinger) tritt als exzentrisches Enfant terrible auf. Mit ihm wird das Dasein nie langweilig oder banal. Seine bedingungslose Liebe und Joans Wunsch, ihm mit gleicher Intensität begegnen zu können, bringt sie dazu, sich auf die emotionalen Höhepunkte ihres Lebens zurückzubesinnen.
Offizieller Filmtrailer
Schwieriges Verhältnis zu Sohn
Die drehen sich, wie es das Stereotyp vom Lieblingssujet französischer Filme will, hauptsächlich um die Liebe: Amour fou, außereheliche Liebschaften, sexuelle Befreiung oder auch Mutterliebe. Als roter Faden dient Joans wechselhaftes Verhältnis zu ihrem Sohn Nathan (Swann Arlaud). Dabei deutet sich ein Geheimnis an, dessen Auflösung am Ende ziemlich überrascht.
Bis dahin versteht es der Film, mit einfachen Mitteln die Entfremdung zwischen Mutter und Sohn eindrucksvoll spürbar zu machen. Ihre Kommunikation wirkt immer irgendwie verlegen, mit leicht schiefen Tönen. Dabei stellt Isabelle Huppert einmal mehr ihre charismatische Aura unter Beweis – als Figur, die sie in ganz verschiedenen Lebensphasen verkörpert, aber auch als alterslose Diva.
Film mit Ecken und Kanten
Sie tritt in fast jeder Szene auf, denn ihre Perspektive steht im Vordergrund, obwohl ihre Rolle nicht sonderlich komplex ist. Allerdings droht der Film sich stellenweise in kitschig ausufernden Passagen und Wiederholungen zu verlieren; allein das Können Hupperts lässt den Zuschauer darüber hinwegsehen. Als schauspielerischer Kontrapunkt fungiert Lars Eidinger mit einer weiteren Variation seines üblichen Rollenschemas: des selbstgefälligen, kraftstrotzenden Draufgängers.
Hintergrund
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Artifiziell-kulissenhafte Welt
Regisseur Larivière geht auch in Bildgestaltung und Schnitt formale Wagnisse ein; etwa mit einer Farbpalette aus satten Tönen, die in den Rückblenden jeweils einer Zeitepoche und Grundstimmung zugeordnet werden. Dadurch entsteht eine betont artifizielle Welt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, durch die sich die Protagonisten bewegen. Somit wirkt „Die Zeit, die wir teilen“ ausgesprochen kulissenhaft; ähnlich wie die modernen Großstadtmärchen von Nouvel-Vague-Altmeister Alain Renais.
Oder „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (2001) von Jean-Pierre Jeunet, der für eine ganze Generation von Kinogängern ein nostalgisches Klischeeideal von Paris entwarf. Mit solchen Vorgängern verbindet diesen Film auch sein Personal aus eher egozentrisch gestimmten Großbürger-Charakteren, die sich gern selbst bemitleiden. Damit sabotieren sie jedoch Larivières Anspruch, die Universalität von Gefühlen wie Schmerz, Trauer und dem Verarbeiten von Verlusten aufzuzeigen.