Isabelle Huppert

Eine Frau mit berauschenden Talenten

Aus Patience (Isabelle Huppert) wird Madame Ben Barka. Foto: Neue Visionen

(Kinostart: 8.10.) Mama hat den besten Shit: Eine Arabisch-Übersetzerin wird im Nu zur Haschisch-Großhändlerin. Die Krimikomödie von Regisseur Jean-Paul Salomé amüsiert mit Situationskomik, blendet aber tiefer schürfende Aspekte der Buchvorlage aus.

Sich neu erfinden als sozialer Imperativ: in reiferen Jahren etwas ganz Anderes versuchen oder Probleme auf eine Weise angehen, die bislang undenkbar schien – davon handeln zahlreiche Filme. Oft geht es um die Erfüllung eines Lebenstraums oder das Nachholen einer ungelebten Liebe. Manchmal setzt der zweite oder dritte Frühling aber auch kriminelle Energien frei – man denke an die Verwandlung des braven Lehrers Walter White in einen abgründigen Crystal-Meth-Drogenboss in der Erfolgs-TV-Serie „Breaking Bad“ (2008-13).

 

Info

 

Eine Frau mit berauschenden Talenten

 

Regie: Jean-Paul Salomé,

104 Min., Frankreich 2020;

mit: Isabelle Hupper, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani

 

Website zum Film

 

So viel kriminelle Energie muss Patience Portefeux (Isabelle Huppert) in diesem Film von Regisseur Jean-Paul Salomé nicht aufbringen, um von einer dauergenervten Pariserin zur Strippenzieherin im Drogengeschäft zu werden. In der komödiantischen Adaption des Kriminalromans „Die Alte“ (2017) von Hannelore Cayre verhelfen ihr unverfrorene Nonchalance, vor allem aber der Zufall zum großen Geld.

 

Papa + Gatte waren Gauner

 

Das hat sie dringend nötig. Als schlecht bezahlte Arabisch-Übersetzerin bei der Polizei kann sie die Ausgaben für das Altenheim, in dem ihre Mutter untergebracht ist, nicht mehr aufbringen. Wie praktisch, dass Patience ein eher laxes Rechtsverständnis gleichsam in die Wiege gelegt wurde: Einst sorgte ihr Vater mit nicht ganz legalen Unternehmungen für einen glamourösen Lebensstil, später ihr früh gestorbener Mann. Dessen Steuerschulden musste Patience jahrelang abbezahlen, während sie das süße Leben immer noch vermisst.

Offizieller Filmtrailer


 

Sich Schmuggelware unter Nägel reißen

 

In ihrem drögen Arbeitsalltag muss sie überwiegend Telefonate im Drogenmilieu transkribieren. Eines Tages bekommt sie mit, dass der Sohn der Pflegekraft Khadidja (Farida Ouchani), die sich rührend um ihre kapriziöse Mutter kümmert, in eine Schmuggelaktion verstrickt ist. Spontan torpediert Patience den Zugriff ihrer Kollegen. Damit bewahrt sie den jungen Mann zwar nicht vor der Untersuchungshaft, doch zumindest kann man ihm nun nicht mehr den Schmuggel von zentnerweise Haschisch anhängen.

 

Es dauert nicht lange, und Patience hat sich die heiße Ware selbst unter den Nagel gerissen. Ihr kommt zupass, dass sie sich in der Szene bestens auskennt. Sie legt sich ein neue Identität als Madame Ben Barka zu, spielt fortan die gebieterische Matriarchin „aus der Heimat“ und lässt zwei trottelige Dealer für sich arbeiten. Nun muss sie sich nur noch die marokkanische Bande vom Hals halten, der die Schmuggelware eigentlich gehört – und ihren Liebhaber Philippe (Hippolyte Girardot) ablenken.

 

Liebhaber als Chefermittler täuschen

 

Der könnte ein Erfolgserlebnis dringend gebrauchen; jüngst wurde er zum Chefermittler der Einheit befördert, der Patience zuarbeitet. Natürlich gefällt ihm nicht, nach dem geplatzten Drogenfund nun auch noch von „der Alten“ an der Nase herumgeführt zu werden; „La Daronne“ heißen Film und Buchvorlage im Original.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Gentlemen“ – skurrile Krimikomödie um Drogenbaron, der Cannabis-Plantagen verkaufen will, von Guy Ritchie

 

und hier eine Besprechung des Films „Elle“ – raffiniertes Psychodrama über Rache für Vergewaltigung von Paul Verhoeven mit Isabelle Huppert

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Mule“ – schnörkelloser Thriller über einen 90-jährigen Drogenkurier von und mit Clint Eastwood

 

und hier einen Bericht über den Film „Alles was kommt – L’Avenir“ – vielschichtiges Porträt einer Philosophie-Lehrerin von Mia Hansen-Løve mit Isabelle Huppert.

 

Schon seinen vorletzten Film „Das Chamäleon“ (2019) widmete Regisseur Salomé einer Figur, die ihre Umgebung erfolgreich täuscht: Ein junger Mann gab sich als vermisster Sohn aus und schlich sich in eine Familie ein. Dieser Thriller beruhte auf einer wahren Geschichte; anders als Cayres bissig-lakonischer Roman. Doch der hinterlässt ebenso einen realitätssatten Eindruck – jedoch nicht Salomés Adaption, die bisweilen unterhaltsam, aber wenig komplex wirkt.

 

Pokerface reicht aus

 

Die französische Autorin Cayre arbeitet im Brotberuf als Strafverteidigerin. Ihre Erfolgskrimis enthalten aufschlussreiche Einblicke in gesellschaftliche Milieus und Probleme; etwa zur absurden Aussichtslosigkeit des ‚Kriegs gegen Drogen‘, der oft mit einer Diskriminierung von Migranten einhergeht. Solche Themen werden in diesem Film allenfalls gestreift.

 

Regisseur Salomé konzentriert sich auf Patiences amüsante Manöver. Tiefere psychologische Einblicke fehlen, so dass Isabelle Huppert zunehmend unterfordert wirkt: Mehr als ein Pokerface muss sie kaum zeigen. Dabei sorgt ihre Dreistigkeit durchaus für Situationskomik. Auf Dauer reicht das aber nicht aus; zumal die zweite Hälfte mit wenig Überraschendem aufwartet. In der Geschichte dürfte erheblich mehr Potential stecken, als diese etwas behäbige Komödie aufgreift.