Maggie Peren

Der Passfälscher

Cioma Schönhaus (Louis Hofmann) fälscht Pässe. Foto: © Dreifilm
(Kino-Start: 13.10.) Gut getarnt durch Uniform und schneidiges Auftreten: Regisseurin Maggie Peren lässt den jüdischen Zeichner Cioma Schönhaus im Jahr 1942 unbehelligt durch Berlin im Zweiten Weltkrieg ziehen. Bei aller lässigen Nonchalance bleibt unklar, woher er Kraft und Mut dazu nimmt.

Mimikry ist der zentrale Begriff in diesem Film: Die Taktik der Anpassung zum Selbstschutz beherrscht Cioma Schönhaus (Louis Hofmann) wie kein zweiter. Von der ersten Einstellung an gibt er in der Öffentlichkeit vor, jemand anderes als er selbst zu sein. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, oder besser: mit dem Feind.

 

Info

 

Der Passfälscher

 

Regie: Maggie Peren,

116 Min., Deutschland/ Luxemburg 2022;

mit: Louis Hofmann, Jonathan Berlin, Luna Wedler, Nina Gummich

 

Weitere Informationen zum Film

 

Cioma lügt, tarnt und verstellt sich, um im Fundbüro an seine verlorene Brieftasche zu gelangen, in der Straßenbahn nicht aufzufallen oder in einem Berliner Edelrestaurant eine warme Mahlzeit zu ergattern. Die Gründe sind verschieden, doch seine Maskerade dient stets nur einem Zweck: sich eine gewisse Freiheit zu bewahren – was 1942 für einen Juden wie ihn zum lebensgefährlichen Risiko geworden ist.

 

Uniform als Versteck

 

Eigentlich hätte Cioma gemeinsam mit seiner Familie schon ins Konzentrationslager deportiert werden sollen. Nur durch seine Arbeit in einer Rüstungsfabrik ist er diesem Schicksal entgangen. Seither versucht er, seine Identität hinter einem zackigen Haarschnitt, kluger Rhetorik oder auch einer schneidigen Marine-Uniform zu verstecken. Denn seine Freude am Dasein hat der junge, hagere Mann trotz Krieg, Hunger und der täglichen Gefahr des Enttarntwerdens noch nicht verloren.

Offizieller Filmtrailer


 

Eine wahre Geschichte

 

Ciomas größte Leidenschaft ist das Zeichnen. Eigentlich wollte er Grafiker werden, doch das vereitelte Hitlers Aufstieg. Nun nutzt er sein Talent, um im Auftrag des Anwalts und Widerstandskämpfers Franz Kaufmann (Marc Limpach) Ausweispapiere zu fälschen und damit etlichen Verfolgten des NS-Regimes zur Flucht aus Deutschland zu verhelfen. Sein Freund Det (Jonathan Berlin) mahnt ihn zur Vorsicht, denn Cioma ist so begeistert bei der Sache, dass er weder Türen verschließt noch den direkten Kontakt mit Kaufmann meidet. Aber gute Fälschungen sind für ihn kleine Meisterwerke, für die er alles andere vergisst.

 

Die Nonchalance, mit der Louis Hoffman diesen Passfälscher verkörpert, wirkt bisweilen fragwürdig: Die Motive für Ciomas heldenhaftes Handeln bleiben stets hinter seiner sorglosen Fassade verborgen. Es scheint fast, als wolle auch Regisseurin Maggie Peren in ihrem an eine reale Biografie angelehnten Drama sein umfassendes Täuschungsmanöver fortschreiben, um ihren Protagonisten vor jeglicher Kritik zu schützen. Denn Samson, genannt Cioma, Schönhaus (1922-2015) gab es wirklich: 1943 gelang ihm die Flucht aus Berlin in die Schweiz. Der Film basiert auf seinen Erinnerungen, die 2004 als Buch erschienen sind.

 

Sirenen und Lebensmittelmarken

 

Auch im weiteren Verlauf der Handlung – mitsamt einer Liebesgeschichte – wird nie recht deutlich, woher Cioma die Kraft und den Mut nimmt, derart sorgenfrei durchs nationalsozialistische Berlin zu ziehen. Seine Stärke liegt in der Unbeschwertheit, mit der er seinen Überlebenskampf bestreitet. Als Zuschauer wird man förmlich überrumpelt von dieser Lebenslust. Die flotte Musik des bulgarischen Komponisten Mario Grigorov, die ihn auf Schritt und Tritt begleitet, trägt dazu bei, dass keine Zweifel am Erfolg seiner Methode aufkommen – bis es auch für Cioma irgendwann brenzlig wird.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Farbe des Ozeans" – intensives Flüchtlingsdrama auf Gran Canaria von Maggie Peren

 

und hier eine Besprechung des Films "Ein verborgenes Leben" - brillantes Drama über NS-Kriegsdienstverweigerer von Terrence Malick

 

und hier einen Beitrag über den Film "Persischstunden" - spekulatives KZ-Überlebensdrama von Vadim Perelman.

 

Der Zweite Weltkrieg bleibt in Perens Film im Hintergrund: etwa als fernes Geräusch von Luftschutzsirenen, oder durch den Handel mit Lebensmittelmarken. Es sind vor allem die angespannten Gespräche zwischen Cioma und seiner verbitterten Vermieterin Frau Peters (Nina Gummich), die eine subtile Ahnung der Bedrückung in diesen Zeiten vermitteln.

 

Tarnung oder Selbsttäuschung?

 

Maggie Peren, die auch das Drehbuch verfasst hat, inszeniert die unglaubliche Geschichte von Cioma Schönhaus über weite Strecken als Kammerspiel mit wenigen Außenaufnahmen – und etlichen dialoglastigen Szenen, in denen sie auf Ausdruckskraft und Charisma der exzellenten Besetzung vertraut. Louis Hofmann verleiht seiner Hauptfigur neben aller Lässigkeit zugleich viel Sympathie und Eigenwilligkeit. Dennoch fragt man sich, warum der junge Mann niemals seinen verschwundenen Eltern nachtrauert oder wenigstens einmal in Wehmut verfällt.

Vielleicht war der wahre Cioma wirklich rücksichtslos. Oder war die ganze Tarnung am Ende eine Art Selbsttäuschung? Der Film lässt diese Frage offen. So wird man den Verdacht nicht los, dass Peren es einfach ein bisschen zu gut meint mit ihrer Hauptfigur. Etwas mehr Unbehaglichkeit, Angst und düstere Töne hätten dem „Passfälscher“ mehr dramatische Wucht und Überzeugungskraft verliehen.