
Am Thema Oper scheiden sich die Geister. Für viele ist sie zu exaltiert und elitär, andere sind bereit, viel Geld für einen Abend mit dem vergötterten Gesangstalent oder Dirigenten zu investieren. Ein Kinobesuch ist natürlich wesentlich günstiger, und es bedarf keiner Abendgarderobe. Der Geist des Elitären ist es sicher nicht, der Kinoregisseure wie Kirill Serebrennikow, Andreas Dresen, Baz Luhrmann und eben Axel Ranisch dazu veranlasst, gelegentlich auch Opern zu inszenieren.
Info
Orphea in Love
Regie: Axel Ranisch,
107 Min., Deutschland 2022;
mit: Mirjam Mesak, Guido Badalamenti, Ursula Werner, Galeano Salas
Weitere Informationen zum Film
Von der Sage inspiriert
Dass er sich nicht vor filmischen Experimenten scheut, hat Ranisch bereits mit seinem Abschlussfilm „Dicke Mädchen“ (2011) bewiesen: Gedreht wurde damals mit angeblich rund 500 Euro Budget und winzigem Team in der Wohnung seiner Großmutter. Dem folgte 2013 der wunderschöne autobiografische Film „Ich fühl mich Disco“. Sein letzter Kinofilm „Alki Alki“ ist immerhin schon neun Jahre her. Dazwischen liegen einige Fernseharbeiten und eben Operninszenierungen. Die haben ihn immerhin vom „Deutschen Mumblecore“- Image befreit, das ohnehin nie wirklich gepasst hat.
Offizieller Filmtrailer
Wie der Titel vermuten lässt, ist „Orphea in Love“ von der klassischen Sage des Sängers Orpheus inspiriert, der seine tote Frau Eurydike aus der Unterwelt befreit. In Ranischs Version ist die Hauptfigur eine junge Frau namens Nele (Mirjam Mesak), die in einer nicht näher bezeichneten deutschen Großstadt in einem Callcenter und als Garderobiere mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt verdient. Ursprünglich aus Estland stammend, fühlt sie sich hier fremd und flüchtet sich immer wieder in eine musikalische Traumwelt.
Nele in der Unterwelt
In dieser singt ihr Callcenter-Gegenüber betörende Arien, und selbst die schnippische Chefin (Christina Große) verliert, umringt von tanzenden Mitarbeitern, für einen Moment ihren Schrecken. Als die in sich Gekehrte den kleinkriminellen Straßentänzer Kolya (Guido Badalamenti) trifft, erkennt sie in ihm einen Seelenverwandten. Sie finden zusammen, und davon beflügelt lässt Nele ihrem verborgenen Gesangstalent freien Lauf; gerade in dem Moment, als die Operndiva Adela (Ursina Lardi) mit Stimmproblemen kämpft.
Neles Talent bleibt Adelas Ehemann, Manager und Überfan Höllbach (Heiko Pinkowski) nicht verborgen, und er beschließt, es auszunutzen. Bevor das aber passieren kann, muss sich Nele ihren lange verdrängten Dämonen stellen und Kolya nach einem Unfall tatsächlich wieder zurück ins Leben holen. Von den vertauschten Rollen abgesehen, bleibt die zeitlose Geschichte im Kern gleich. Wie in der Oper geht das sparsam gesprochene Wort unmittelbar in Gesang über, nur dass hier Arien verschiedenster Komponisten von Händel bis Puccini in die Handlung eingebettet werden. Das erinnert an Baz Luhrmanns Umgang mit Popsongs in „Moulin Rouge“ (2001).
Unwirkliche Originalschauplätze
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Ich fühl mich Disco" - Coming-Out-Komödie von Axel Ranisch
und hier eine Besprechung des Films "Liebe Mich!" – charmantes Low-Budget-Beziehungsdrama unter Twentysomethings von Philipp Eichholtz mit Axel Ranisch
und hier einen Beitrag über "Lilien im Winter – La Bohème am Kap" – gelungene südafrikanische Verfilmung von Puccinis Oper durch Mark Dornford-May
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Die Oper als Welt – Die Suche nach einem Gesamtkunstwerk" – eindrucksvolle Themenschau über Opernausstattung durch Künstler im Centre Pompidou-Metz, Metz.
Das bewährte Motiv vom Kampf um die große Liebe gegen alle Widerstände variiert Ranisch mit viel Mut zum schönen Pathos, lässt aber auch leise, anrührende Töne zu, kongenial unterstützt von der variantenreichen Musikauswahl. Nur der unvermeidliche Christian Steiffen, der schmierige Schlagersänger aus „Ich fühl mich Disco“, fällt dabei mit der Darbietung eines Elvis-Presley-Songs aus dem Rahmen.
Mit Liebe und Distanz
Neben ihm bekommen auch noch andere bisher in Ranischs Kinofilmen vertretene Akteure wenigstens einen kleinen Auftritt: beispielsweise sein junges schauspielerisches Alter Ego Frithjof Gawenda als Opernregisseur. Dessen Agieren ist ein augenzwinkernder Seitenhieb auf den für Außenstehende manchmal seltsamen Bühnenbetrieb. Denn so schön und berührend die Geschichte ist, bewahrt der Film doch immer eine angenehme Distanz zu sich selbst. Er wird somit nie kitschig, sondern feiert eher liebevoll die heilende Kraft der (Opern)-Musik.