
Paul Hunham (Paul Giamatti) ist ein Professor, den man keinem Schüler wünscht: Mürrisch und verbittert lehrt er am Barton-College mit eiserner Hand Alte Geschichte. Er gilt als gnadenloser Pädagoge, hat ein Glasauge, und zudem weht stets ein übler Fischgeruch hinter ihm her. Weil er alleinstehend und sozial inkompetent ist, wohnt er auf dem Campus, und das schon viel zu lang.
Info
The Holdovers
Regie: Alexander Payne,
133 Min., USA 2023;
mit: Paul Giamatti, Da’Vine Joy Randolph, Dominic Sessa
Weitere Informationen zum Film
Einsame Feiertage
Der ist wütend, weil Hunham einen Studenten aus reichem Haus durchfallen ließ. Zur Strafe verdonnert er das schwarze Schaf im Kollegium dazu, sich um die Jungen zu kümmern, die an Weihnachten aus diversen Gründen im Internat festhängen, so wie er. Im Winter des Jahres 1970 liegt der Schnee meterhoch. Hunham zur Seite steht in der Ferienzeit allein die Kantinen-Köchin Mary (Da’Vine Joy Randolph), die ihr eigenes Kreuz zu tragen hat. Sie trauert um ihren Sohn, der vor kurzem in Vietnam gefallen ist.
Offizieller Filmtrailer
Der schwierigste Schützling
Erst sind es noch eine Handvoll Studenten, die es zu beaufsichtigen gilt, doch die suchen bald das Weite. Übrig bleibt lediglich Angus (Dominic Sessa), der schwierigste von Hunhams unfreiwilligen Schützlingen. Er bleibt im College, da seine Mutter und ihr neuer Mann spontan beschlossen haben, über die Feiertage in die Flitterwochen zu fahren. Wie das ungleiche Trio sich in dieser Zwangslage zusammenrauft, steht im Zentrum von „The Holdovers“.
Der neunte Film von Regisseur Alexander Payne ist erst der zweite, für den er das Drehbuch nicht selbst geschrieben hat. Doch das merkt man der perfekt austarierten Tragikomödie nicht an. Drehbuchautor David Hemingson versteht es brillant, Paynes schrägen Humor und sein feines Gefühl für schmerzhafte Wahrheiten aufzugreifen: In einer frühen Szene besuchen die drei spontan eine Weihnachtsfeier außerhalb des Campus’ – eine buchstäbliche Schnapsidee, die komplett nach hinten losgeht.
Durchschnittsmann am Scheideweg
Hunham ist eine typische Payne-Figur, wie man sie aus seinen früheren Filmen kennt: In „About Schmidt“ (2002) machte sich Jack Nicholson als grantiger Witwer auf den Weg nach Nebraska, um der eigenen Einsamkeit zu entfliehen. Zwei Jahre später schickte der Regisseur in „Sideways“ zwei Freunde auf eine Sauf-Tour-de-Force durch Kaliforniens Weinberge und erhielt dafür seinen ersten Drehbuch-Oscar. Es war gleichzeitig Paynes erste Zusammenarbeit mit Giamatti, der wie geschaffen für dessen gescheiterte Figuren ist.
Verschrobene Durchschnittsmänner an persönlichen Scheidewegen, dafür ist Payne bekannt und beliebt. Immer entgleist seinen Protagonisten etwas, meist ist es das Leben an sich. Auch Hunham ist so ein alltäglicher Loser, der in einer Zwangslage das Ruder schließlich noch einmal herumzureißen versucht. Ob es gelingt, ist dabei nicht entscheidend. Aber niemand wird bestreiten können, dass er sich größte Mühe gibt.
Meister der verlorenen Seelen
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Downsizing" – halb brillante, halb verunglückte SciFi-Sozial-Satire von Alexander Payne
und hier eine Besprechung des Films "Licorice Pizza" – nostalgisch sensible High-School-Sittenkomödie über Jugendliche im Kalifornien der 1970er Jahre von Paul Thomas Anderson
und hier einen Beitrag über den Film "Love & Mercy" – brillantes Biopic über Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson von Bill Pohland mit Paul Giamatti.
Gemeinsam mit Mary und Angus bildet Hunham ein auf den ersten Blick unmögliches Trio. Aber je länger sie Zeit miteinander verbringen, desto mehr begreifen sie, dass sie alle voneinander etwas lernen können. Denn alle drei wissen, was es heißt, zurückgelassen zu werden – nicht nur zu Weihnachten.
Exzellentes Ensemble
Giamatti liefert hier erneut eine schauspielerische Glanzleistung ab. Seine Darbietung wäre jedoch nichts ohne das exzellente Ensemble, das ihn umgibt. Der Newcomer Dominic Sessa überzeugt als schmaler Hüne Angus, dessen Talent mit unberechenbarer, unterdrückter Wut im Bauch konkurriert. Und Da’Vine Joy Randolph erweist sich zwischen den beiden Männern als das ideale Gegengewicht. Die von ihr gespielte Köchin Mary sagt zwar wenig, aber einige der schönsten Pointen gehören ihr.