Paul Giamatti

The Holdovers

Mary Lamb (Da’Vine Joy Randolph), Mr. Hunham (Paul Giamatti) und Angus (Dominic Sessa) wollen auf Weihnachten anstossen. Foto: Seacia Pavao / © 2023 Focus Features LLC. All Rights Reserved
(Kinostart: 25.1.) „Breakfast Club“ für Erwachsene: Auf dem verwaisten College-Campus bekommt ein vom Leben enttäuschter Professor die Chance, das Ruder noch einmal herumzureißen. Mit schrägem Humor weckt Regisseur Alexander Payne Empathie für drei Außenseiter, die mehr verbindet als gedacht.

Paul Hunham (Paul Giamatti) ist ein Professor, den man keinem Schüler wünscht: Mürrisch und verbittert lehrt er am Barton-College mit eiserner Hand Alte Geschichte. Er gilt als gnadenloser Pädagoge, hat ein Glasauge, und zudem weht stets ein übler Fischgeruch hinter ihm her. Weil er alleinstehend und sozial inkompetent ist, wohnt er auf dem Campus, und das schon viel zu lang.

 

Info

 

The Holdovers

 

Regie: Alexander Payne,

133 Min., USA 2023;

mit: Paul Giamatti, Da’Vine Joy Randolph, Dominic Sessa

 

Weitere Informationen zum Film

 

Hunham ist ein Typ, der vom Leben ebenso enttäuscht ist wie von sich selbst. Warum er nicht da angekommen ist, wo er eigentlich sein wollte, ist nicht klar. Aber man spürt, dass bei ihm etwas im Argen liegt, das seinen Missmut gegenüber den Studenten schürt. Es geht ihm stets um Disziplin und ums Prinzip. Dafür legt sich der desillusionierte Philologe, wenn es sein muss, auch mit dem obersten Dekan an.

 

Einsame Feiertage

 

Der ist wütend, weil Hunham einen Studenten aus reichem Haus durchfallen ließ. Zur Strafe verdonnert er das schwarze Schaf im Kollegium dazu, sich um die Jungen zu kümmern, die an Weihnachten aus diversen Gründen im Internat festhängen, so wie er. Im Winter des Jahres 1970 liegt der Schnee meterhoch. Hunham zur Seite steht in der Ferienzeit allein die Kantinen-Köchin Mary (Da’Vine Joy Randolph), die ihr eigenes Kreuz zu tragen hat. Sie trauert um ihren Sohn, der vor kurzem in Vietnam gefallen ist.

Offizieller Filmtrailer


 

 

Der schwierigste Schützling

 

Erst sind es noch eine Handvoll Studenten, die es zu beaufsichtigen gilt, doch die suchen bald das Weite. Übrig bleibt lediglich Angus (Dominic Sessa), der schwierigste von Hunhams unfreiwilligen Schützlingen. Er bleibt im College, da seine Mutter und ihr neuer Mann spontan beschlossen haben, über die Feiertage in die Flitterwochen zu fahren. Wie das ungleiche Trio sich in dieser Zwangslage zusammenrauft, steht im Zentrum von „The Holdovers“.

 

Der neunte Film von Regisseur Alexander Payne ist erst der zweite, für den er das Drehbuch nicht selbst geschrieben hat. Doch das merkt man der perfekt austarierten Tragikomödie nicht an. Drehbuchautor David Hemingson versteht es brillant, Paynes schrägen Humor und sein feines Gefühl für schmerzhafte Wahrheiten aufzugreifen: In einer frühen Szene besuchen die drei spontan eine Weihnachtsfeier außerhalb des Campus’ – eine buchstäbliche Schnapsidee, die komplett nach hinten losgeht.

 

Durchschnittsmann am Scheideweg

 

Hunham ist eine typische Payne-Figur, wie man sie aus seinen früheren Filmen kennt: In „About Schmidt“ (2002) machte sich Jack Nicholson als grantiger Witwer auf den Weg nach Nebraska, um der eigenen Einsamkeit zu entfliehen. Zwei Jahre später schickte der Regisseur in „Sideways“ zwei Freunde auf eine Sauf-Tour-de-Force durch Kaliforniens Weinberge und erhielt dafür seinen ersten Drehbuch-Oscar. Es war gleichzeitig Paynes erste Zusammenarbeit mit Giamatti, der wie geschaffen für dessen gescheiterte Figuren ist.

 

Verschrobene Durchschnittsmänner an persönlichen Scheidewegen, dafür ist Payne bekannt und beliebt. Immer entgleist seinen Protagonisten etwas, meist ist es das Leben an sich. Auch Hunham ist so ein alltäglicher Loser, der in einer Zwangslage das Ruder schließlich noch einmal herumzureißen versucht. Ob es gelingt, ist dabei nicht entscheidend. Aber niemand wird bestreiten können, dass er sich größte Mühe gibt.

 

Meister der verlorenen Seelen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Downsizing" – halb brillante, halb verunglückte SciFi-Sozial-Satire von Alexander Payne

 

und hier eine Besprechung des Films "Licorice Pizza" – nostalgisch sensible High-School-Sittenkomödie über Jugendliche im Kalifornien der 1970er Jahre von Paul Thomas Anderson

 

und hier einen Beitrag über den Film "Love & Mercy"brillantes Biopic über Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson von Bill Pohland mit Paul Giamatti.

 

Payne will beim Zuschauer Mitgefühl für seine verlorenen Seelen hervorrufen. Darin ist er ein Meister, und „The Holdovers“ liefert erneut den Beweis. Vor allem in flüchtigen ernsten Momenten geht der Film unter die Haut, etwa wenn etwa Angus seinen psychisch kranken Vater in der Heilanstalt besucht.

 

Gemeinsam mit Mary und Angus bildet Hunham ein auf den ersten Blick unmögliches Trio. Aber je länger sie Zeit miteinander verbringen, desto mehr begreifen sie, dass sie alle voneinander etwas lernen können. Denn alle drei wissen, was es heißt, zurückgelassen zu werden – nicht nur zu Weihnachten.

 

Exzellentes Ensemble

 

Giamatti liefert hier erneut eine schauspielerische Glanzleistung ab. Seine Darbietung wäre jedoch nichts ohne das exzellente Ensemble, das ihn umgibt. Der Newcomer Dominic Sessa überzeugt als schmaler Hüne Angus, dessen Talent mit unberechenbarer, unterdrückter Wut im Bauch konkurriert. Und Da’Vine Joy Randolph erweist sich zwischen den beiden Männern als das ideale Gegengewicht. Die von ihr gespielte Köchin Mary sagt zwar wenig, aber einige der schönsten Pointen gehören ihr.