Jodie Foster + Tahar Rahim

Der Mauretanier

Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) wird festgenommen. Foto: © TOBIS Film GmbH

(Kinostart: 10.6.) Echte Patrioten bekommen Recht: Mehr als 14 Jahre war ein Mann in Guantánamo interniert, ohne je angeklagt zu werden. Seinen Leidensweg inszeniert Regisseur Kevin Macdonald als endloses Ringen um Prinzipien mit schockierenden Folter-Szenen.

Mohamedou Ould Slahi soll der Forrest Gump des islamistischen Terrors gewesen sein: bei jedem entscheidenden Ereignis dabei und einer der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, also ein klarer Kandidat für die Todesstrafe. Das behaupten zumindest US-Geheimdienste und das Militär in „The Mauritanian“; dieser Spielfilm beruht auf der Lebensgeschichte des ehemaligen Guantánamo-Insassen.

 

Info

 

Der Mauretanier

 

Regie: Kevin Macdonal,

129 Min., Großbritannien/ USA 2021;

mit: Jodie Foster, Tahar Rahim, Benedict Cumberbatch

 

Weitere Informationen zum Film

 

14 Jahre und zwei Monate lang war Slahi ein US-Gefangener, ohne dass je gegen ihn Anklage erhoben wurde. Noch im Lager schrieb er „Das Guantánamo-Tagebuch“, zu dem ihn seine Anwältin Nancy Hollander anregte; darin dokumentiert er seine völkerrechtswidrige Internierung und die Misshandlungen. Das Buch wurde international zum Bestseller. Ein Jahr nach seinem Erscheinen wurde Slahi 2016 entlassen und in sein Heimatland Mauretanien verbracht.

 

Gerichtsdrama ohne Gerichts-Szenen

 

„This is a true story“, heißt es am Anfang von „Der Mauretanier“. Der Film von Regisseur Kevin Macdonald, bekannt für „The Last King Of Scotland“ über Ugandas Diktator Idi Amin und Dokus über Bob Marley und Whitney Houston, versteht sich als engagiertes Menschenrechtskino. Angelegt ist er als Gerichtsdrama, das aber kaum vor Gericht spielt, sondern vor allem in gesichtslosen Hochsicherheitsräumen. Immer wieder Verhöre, Mandantengespräche, Aktenstudium.

Offizieller Filmtrailer


 

Hat er mit Bin Laden telefoniert?

 

Am Anfang bremst sich der Film mit chaotischen Zeitsprüngen immer wieder selbst aus, doch mit seinen Rückblenden bringt er kaum Licht in die Biografie seiner Hauptfigur. Slahi war Anfang der 1990er Jahre in Ausbildungscamps von Al Qaida in Afghanistan. Später hatte er Kontakt mit einem der Attentäter und soll einen Anruf von Osama bin Ladens Telefon entgegengenommen haben. Eine – wie auch immer geartete – Beteiligung an den Anschlägen von 9/11 konnte ihm nie nachgewiesen werden.

 

Aber darum geht es „Der Mauretanier“ nicht. Die Schuldfrage ist für Anwältin Nancy Hollander zweitrangig, wie sie im Film mehrmals betont. An diese Maxime hält sich auch Regisseur Macdonald; seine wichtigste Quelle ist das Tagebuch von Slahi.

 

Konflikt Anklage vs. Verteidigung verpufft

 

Dessen Rolle übernimmt der französische Schauspieler Tahar Rahim. Obwohl seine Figur undurchsichtig bleibt, trägt Rahim den Film mit überraschend vielfältigem Ausdruck, sogar in der Gleichförmigkeit des Lagerlebens. Jodie Foster spielt die Juristin Hollander immer souverän, eiskalt und mit einer Spur Verbissenheit. Ihren Gegenspieler, den Militärstaatsanwalt Stuart Couch, gibt Benedict Cumberbatch mit der nötigen Steifheit und Strenge.

 

Eigentlicher Antrieb des Films müsste die Konfrontation zwischen Ankläger und Verteidigerin sein. Doch sie gewinnt nie richtig an Schärfe und verpufft schließlich ganz. Hollanders Ziel ist eine Anhörung ihres Mandanten vor Gericht und ein geordnetes, rechtsstaatliches Verfahren. Couch will ihn zum Tode verurteilt sehen. Beide gleichen sich darin, dass sie ihr Handeln strikt aus ihren jeweiligen Idealen ableiten: hier Gesetzbuch, da Gott und Corpsgeist.

 

Leguan zur Abwechslung

 

Dieser Konflikt wird verschenkt, indem der Film ihn auf das Medium Papier reduziert, auf das geschriebene Wort. Hollander und Couch kämpfen letztlich den gleichen Kampf. Es geht beiden um eine belastbare Dokumentation von dem, was vor und in Guantánamo passiert ist – um Beweise. Die Kamera zeigt ganze Wände von Kartons voller Akten. Tonnen von Papier, auf dem oft genug jede einzelne Zeile geschwärzt ist.

 

Das Lager in Guantánamo Bay auf Kuba wird nicht als monumentale Monstrosität gezeigt, sondern aus der Perspektive des Gefangenen: als so unfassbarer wie undurchschaubarer Verhau von Zäunen, Planen, Stacheldraht und Miniparzellen – ein Labyrinth in Mintgrün und Grau. Dort hinein verläuft sich an besseren Tagen mal ein Leguan. Immerhin ein bisschen Abwechslung.

 

Zehn Minuten Folter-Drogentrip

 

Diese eigentlich clevere Bildsprache wird durch eine Zehn-Minuten-Sequenz in der Mitte des Films auf den Kopf gestellt. Regisseur Macdonald versucht, das eigentlich Unzeigbare vorzuführen. Er tut das mit einer solchen Überfülle an Details und Deko, dass es wie genüssliche Ausschlachtung aussieht: die zig Tage andauernde Sonderbehandlung von Slahi mit enhanced interrogation techniques alias Folter.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Report“ – fesselnder Politthriller über CIA-Folter von Scott Z. Burns

 

und hier einen Beitrag über den Film „Moskau einfach!“ – feinsinnige Spionage-Komödie zum Fichenskandal von Mich Lewinsky

 

und hier eine Besprechung des Films „Marley“ – fesselnde Doku über die Reggae-Ikone Bob Marley von Kevin Macdonald.

 

Der Fundus dieser Bilder und Tatsachen dürfte dem Kinopublikum aus den Medien noch allzu geläufig sein: Schlafentzug, Stressposition, Stroboskop-Blitze und Heavy-Metal-Beschallung, Waterboarding, Drohungen, sexuelle Demütigungen und Katzenmaskerade. Macdonald lässt nichts aus und inszeniert alles so, wie man sich in Hollywood sonst einen schlechten Drogentrip vorstellt.

 

Selbst verabreichtes Beruhigungsmittel

 

Aber Fingerspitzengefühl ist bei diesem Thema auch nicht zu erwarten. „Der Mauretanier“ steht in der Tradition großer politischer Aufklärungsfilme, die immer auch wie ein selbst verabreichtes Beruhigungsmittel wirken. Die Pervertierung der amerikanischen Werte in Guantanamo Bay wird letztlich durch genau diese Werte wieder überwunden: Eine einzelne aufrechte Sucherin nach Gerechtigkeit reicht aus, um alles wieder in Ordnung zu bringen.

 

Nancy Hollander verteidigt die Prinzipien der Verfassung, Colonel Couch die Prinzipien des Christentums. Und der jahrelang rechtlos Weggesperrte stimmt bei der Anhörung, die ihm endlich gewährt wird, ein Loblied auf das Justizsystem der USA und deren kulturelle Überlegenheit an. Wow! So kommt am Ende genau das heraus, was zu beweisen war: Echte Patrioten bekommen Recht.