
Die erste Einstellung des Films ruft klischeelastige Assoziationen hervor. Mitten im winterlichen Nirgendwo hält ein Kleinbus. Ein Fahrgast steigt aus, der Kleinbus fährt weiter, und der Mann stapft mühsam einen tief verschneiten Pfad entlang, minutenlang. Bis er sein Ziel erreicht: ein kleines, unscheinbares Dorf, in dem alles still und eingefroren wirkt. So könnten Filme über die unwirtlichen Weiten von Amerika oder Sibirien beginnen. Doch dieses Dorf liegt in Ostanatolien. Willkommen im Kino-Kosmos von Nuri Bilge Ceylan!
Info
Auf trockenen Gräsern
Regie: Nuri Bilge Ceylan,
197 Min., Türkei/ Frankreich 2023;
mit: Deniz Celiloglu, Merve Dizdar, Musab Ekici
Weitere Informationen zum Film
Warten auf die Ablösung
Mithilfe von Konstanten: Wie schon in „Winterschlaf“ (2014) und „The Wild Pear Tree“ (2018) ist die Hauptfigur ein Intellektueller, der sich isoliert und fehl am Platz fühlt. Der junge Kunstlehrer Samet (Deniz Celiloglu) absolviert an der Schule des entlegenen Weilers vier Pflichtjahre; er kann es kaum erwarten, bis er seine Versetzung in die Westtürkei beantragen darf. Denn die Umstände sind armselig: Bis vor kurzem hatte das Schulgebäude keine Heizung. Zu Winteranfang werden Daunenjacken und Stiefel an die Schüler verteilt.
Offizieller Filmtrailer
MeToo in Ostanatolien
Samet haust in einer Lehrerunterkunft mit seinem Kollegen Kenan (Musab Ekici); der Kurde war Schäfer, bevor er umschulte. Die unfreiwillige Zweier-WG schweißt sie zusammen. Wer in die nächste Stadt fährt, bringt dem anderen Börek mit; Trinkwasser holen sie gemeinsam von einer Gebirgsquelle. Ihre Freundschaft wird allerdings auf die Probe gestellt, als man dem Schulleiter meldet, sie hätten sich Schülerinnen gegenüber „unangemessen verhalten“.
Tatsächlich hatte Samet der pubertierenden Sevim seine Gunst erwiesen, was sie mit kokettem Gekicher quittierte. Dann begeht er einen kleinen Fehler, den er mit einer Lüge kaschieren will; das macht Sevims schwärmerische Bewunderung zunichte. Sie rächt sich effektiv – beide Lehrer werden zur regionalen Schulaufsichtsbehörde zitiert. Daraus macht Regisseur Ceylan aber keinen sexual harassement plot, sondern ein Sittengemälde, wie solche ambivalenten Fälle in der Provinz unter den Teppich gekehrt werden. Oder eher: eine Sitten-Miniaturmalerei.
Eltern töten, damit Schmerz aufhört
Wie ein Palimpsest scheint hingegen immer wieder der latente Bürgerkrieg in Ostanatolien durch. Das erste, was dem Rückkehrer Samet begegnet, ist ein gepanzertes Militärfahrzeug. Der erste Offizielle, den er aufsucht, ist ein Unteroffizier – der ihn vergeblich verkuppeln will. Trinkt er abends beim Tierarzt Whisky, erzählt ein junger Arbeitsloser, wie sein Vater eines Tages abgeholt wurde – und nie wiederkam. Wacht er nachts auf, hört er zuweilen in der Ferne leises MG-Feuer.
Ganz nah rückt der Krieg bei einer Cafeteria-Unterhaltung mit Nuray (Merve Dizdar), Lehrerin an der städtischen Schule. Die linke Kurdin verlor bei einem Terroranschlag ein Bein; seither trägt sie eine Prothese. „Ich hätte nie gedacht, wie unerträglich Schmerz sein kann“, erzählt sie Samet und Kenan, während sie an ihrem Tee nippt: „Hätte man mir angeboten, meine Eltern zu töten, damit der Schmerz aufhört, hätte ich sofort zugestimmt.“
Mäandern ohne geschlossene Form
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "The Wild Pear Tree" – Jungautoren-Porträt von Nuri Bilge Ceylan
und hier eine Besprechung des Films "Winterschlaf" – brillantes türkisches Intellektuellen-Drama von Nuri Bilge Ceylan, prämiert mit der Goldenen Palme 2014
und hier einen Beitrag über den Film "Once upon a time in Anatolia" – perfektes Roadmovie als Total-Panorama der Türkei von Nuri Bilge Ceylan
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Es war einmal in..."– Fotografien von Nuri Bilge Ceylan im Kunsthaus im KunstKulturQuartier, Nürnberg
und hier einen Artikel über den Film "Die Legende vom hässlichen König" – Doku über den berühmten kurdisch-türkischen Regisseur Yilmaz Güney von Hüseyin Tabak.
Denn anders als in früheren Werken bemüht sich Ceylan nicht um eine geschlossene Form. Auch die von ihm gewohnten, malerischen Bildkompositionen gibt es diesmal kaum; Schnee und Frost zwingen den Film meist in Innenräume. Dort streift er mit Samet ziellos umher; seine Struktur ähnelt einem Roman von Dostojewski. Alltägliche Begegnungen bieten Anlass für ausgiebige Erörterungen von allem Möglichen, die beiläufig viel über das Selbstverständnis der Figuren verraten – angesichts der scharfen Spaltung in Stadt und Land, Intelligenzija und Prekariat. Dafür sind mehr als drei Stunden Laufzeit keineswegs zu lang.
Beste Darstellerin in Cannes 2023
Das leistet auch ein etwas bizarr anmutender Epilog, in dem alle drei gemeinsam im Sommer die antiken Ruinen von Nemrut Dağı besuchen. Traum oder Realität? Als malerischer Prospekt für Samets Introspektion auf der Tonspur erscheint es sinnvoll. Was auch nötig ist, denn Deniz Celiloglu in der Hauptrolle wirkt etwas blass – mürrische Orientierungslosigkeit fesselt auf Dauer wenig.
Jedenfalls spielt ihn Merve Dizdar glatt an die Wand. Wie sie mal spöttisch und amüsiert, mal melancholisch und resigniert dreinblickt, das macht ihre innere Zerrissenheit drastisch anschaulich: zwischen Chuzpe, Lebenslust – und der Furcht, als versehrte Frau mit ihrem Handicap in dieser Männergesellschaft chancenlos zu sein. Eine schauspielerische Meisterleistung; dafür erhielt Dizdar beim Festival in Cannes 2023 den Preis für die beste Darstellerin.