Warwick Thornton

Samson & Delilah

Warten, bis die Luft rein ist: Aus sicherer Entfernung beobachtet Samson (Rowan McNamara) die Aborigines-Siedlung. Foto: Rapid Eye Movies
(Kinostart: 29.12.) Eine Premiere: Der erste Spielfilm über Australiens Ureinwohner von und mit Aborigines. Ihre Welt-Anschauung entfaltet eine Liebesgeschichte zweier Teenager fast ohne Worte – ein Geniestreich.

Die Flagge der australischen Ureinwohner ist sehr schlicht. Doch wer sie einmal sah, vergisst sie nicht: ein leuchtend gelber Kreis im geteilten Feld – oben schwarz, unten rot. Schwarzer Nachthimmel und rote Erde, dazwischen die aufgehende Sonne, deren sengende Strahlen Leben spenden und zugleich die Welt ausdörren.

 

Info

Samson & Delilah

 

Regie: Warwick Thornton, 101 min., Australien 2009
mit: Rowan McNamara, Marissa Gibson, Scott Thornton

 

Englische Website zum Film


Dieses Bild sieht Samson jeden Morgen mit vernebeltem Kopf: Beim Aufwachen greift er nach einer Flasche voll Benzin, um daran zu schnüffeln. Was die Schönheit des erhabenen Anblicks nicht mindert. Ebenso wie die Flagge und Sonne ist «Samson & Delilah» ganz einfach. Und genauso einzigartig: Der Film überwältigt mit elementarer Wucht.

 

Niemand hebt Telefonhörer ab

 

Zwei 14-jährige Teenager leben in einer kleinen Aborigines-Siedlung mitten in der Wüste. Ein paar kahle Wellblech-Hütten und ein Krämer-Laden sind im Sand verstreut. Ein ausrangierter Truck-Anhänger beherbergt das «Health Centre». Daneben steht ein öffentliches Telefon, das selten klingelt; nie hebt jemand ab.


Offizieller Film-Trailer


 

Känguru als Braut-Werbung

 

Samson schnüffelt und trödelt sich durch den Tag. Er hört gern Radio, wenn es nicht die Freiluft-Combo seines Bruders übertönt, die ununterbrochen Reggae spielt. Delilah kümmert sich um ihre Großmutter; mit ihr malt sie Dot-Painting-Bilder, die ein Händler kauft. Samson hat ein Auge auf Delilah geworfen: Er wirft ihr Kiesel nach oder verehrt ihr ein frisch erlegtes Känguru. Doch er sagt nie etwas.

 

Delilah spricht mit ihrer Oma auf Warlpiri. Eines Morgens wacht sie nicht mehr auf; Verwandte beschuldigen das Mädchen und verprügeln es. Weil ihn der ewige Reggae nervt, schlägt Samson den Gitarristen nieder, wofür sich sein Bruder rächt. Das geschundene Pärchen stiehlt einen Jeep und flieht nach Alice Springs.

 

Quasi ein Stummfilm

 

Beide landen bei einem Penner unter der Brücke. Den Trunkenbold spielt Scott Thornton, der Bruder des Regisseurs – als sich selbst, denn er war obdachloser Alkoholiker. Ohne Geld und Perspektive verfällt Samson seiner Benzin-Flasche. Im Rausch entgeht ihm, dass Delilah erst vergewaltigt und später überfahren wird. Aus der Klinik entlassen, kehrt sie mit dem apathischen Samson in die Wüste zurück – aber bei ihren Leuten bleiben sie nicht.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht über einen Vortrag von Regisseur Warwick Thornton zur Modernisierung der Aborigines-Kultur auf der documenta 13

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Remembering Forward" über Malerei der australischen Aborigines seit 1960 im Museum Ludwig, Köln

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des franko-australischen Spielfilms "The Tree" von Julie Bertuccelli mit Charlotte Gainsbourg im Outback von Australien.

Diese Odyssee läuft quasi als Stummfilm ab: Auf der Tonspur sind kaum Dialoge zu hören. «Aborigines reden nicht viel. Wir benutzen vielmehr Körpersprache, um uns auszudrücken. Wir leben einfach in einer anderen Welt», erklärt Delilah-Darstellerin Marissa Gibson. Diese wortlose Kommunikation überträgt Regisseur Warwick Thornton mit geringsten Mitteln in eine universell verständliche Bildsprache – ein Geniestreich.

 

Aborigines im Aquarium

 

Für die periodische Umnachtung in Samsons Hirn genügen ihm langsame Ab- und Aufblenden. Wenn Delilah durch die Stadt streunend ihre Bilder feilbietet, beobachtet sie die Kamera durch Fenster eines Cafés: Man hört den Klangteppich der Zivilisation – Dudelfunk oder zischende Espresso-Maschinen – und sieht das Mädchen wie im Aquarium. Kein Weißer beachtet Aborigines. «Ihnen wird nicht erlaubt, menschlich zu sein. Sie sind Unberührbare», kommentiert der Regisseur.

 

Diese unüberwindlich scheinende Distanz hebt Thorntons Film auf. Dafür wurde er in Australien mit Preisen überschüttet; beim Festival in Cannes 2009 erhielt er die Goldene Kamera für das beste Spielfilm-Debüt. Dem Zuschauer gibt er den Glauben an die magische Kraft des Kinos zurück: Für 100 Minuten macht «Samson & Delilah» die Welt-Anschauung australischer Ureinwohner sichtbar. Ohne große Worte.    


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