Alexander Sokurow

Faust

Reine Unschuld im Strahlen-Glanz von Fischaugen-Optik: Isolda Dychauk als Gretchen. Foto: MFA+ FilmDistribution

(Kinostart: 19.1.) Höllenfahrt eines Klassikers: Regisseur Sokurow verwurstet Goethes Menschheits-Tragödie zum Blut-und-Hoden-Drama. Ein nihilistischer Altherren-Witz als russischer Kultur-Export, von Putin persönlich gefördert.

«Habe nun ach! die Abgründe im Wahnsinn durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor…» Nach seiner epochalen Filmreihe über drei entscheidende (Ohn-)Machtmenschen des 20. Jahrhunderts – «Moloch» über Hitler 1999, «Stier» über Lenin 2000, «Sonne» über Hirohito 2005 – legt Alexander Sokurow nach: Mit «Faust» schließt er seine Tetralogie ab.

Info

Faust

 

Regie: Alexander Sokurow, 134 Min., Russland 2011;
mit: Johannes Zeiler, Anton Adassinsky, Isolda Dychauk

 

Weitere Informationen


Beziehungsweise auf: Dieses Prequel ist wie Goethes Vorlage als reines Ideen-Drama angelegt. Die Hybris einer schrankenlosen Moderne, ihre maßlosen Wünsche und vermessenen Mittel sind in der Gelehrten-Figur Heinrich Faust verkörpert. Sein Pakt mit dem Teufel, dem er seine Seele verkauft, womit er Gretchen als Objekt ihres Begehrens zerstört – eine grandiose Allegorie des Kulturpessimismus.

 

Demiurg des Welt-Theaters

 

Dass Sokurow mit ihr aufs Geratewohl umspringt, liegt nahe. Schon das Stück schert sich nicht um eine plausible Handlung, sondern prescht in wilden Gedankensprüngen voran – warum sollte seine Adaption Werktreue beweisen? Der Regisseur klaubt sich Motive und geflügelte Worte aus Goethes «Faust» heraus, die er nach Gutdünken zusammenzimmert: als Demiurg seines Welt-Theaters.


Offizieller Film-Trailer


 

Erst das Fressen, dann die Moral

 

In dem Faust als Leichenschänder auftritt: Im Leichnam sucht er die Seele, doch er findet nur Fleisch, Blut und Gedärm. Dieser krude Materialismus durchzieht den ganzen Film. Besucht Faust einen Arzt, geht es nicht um Hilfe für oder gar Erbarmen mit der leidenden Menschheit. Sondern um Kurpfuscherei, um armen Kranken fette Bissen abzuluchsen: Die Völlerei mündet zwischen gespreizten Frauen-Schenkeln. Erst kommt das Fressen, dann die Moral – und Verfremdungseffekt satt.

 

Der kann im Zeitalter digitaler Bildergewitter nur antiquiert daherkommen: wie handkoloriert im altmodischen 1:1,33-Format. Mit Filtern, Linsen und Spezialeffekten erschafft Sokurow eine Welt, die so ausgeblichen und vergilbt aussieht wie in alten Foto-Alben. Mehr Distanz zur Gegenwart geht nicht. Doch dieses radikale Aus-der-Zeit-Fallen-Wollen wirkt auf Dauer arg manieriert.

 

Fettanzug gespickt mit Geschlechtsteilen

 

Wie die Akteure: Geistesabwesend murmelt Faust (Johannes Zeiler) vor sich hin. Skrupellos drängend schubst ihn der Wucherer-Mephisto durch die Szenen. Damit seine dämonische Triebhaftigkeit ins Auge sticht, steckt Sokurow den spindeldürren Schauspieler Anton Adassinsky in einen Fett-Anzug. Entkleidet ist er mit Geschlechtsteilen übersät: Satan protzt mit Primär-Reizen.

 


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