Moritz Bleibtreu

Die vierte Macht

Asphalt-Journalismus im Schatten des Kreml: Szene-Reporter Paul Jensen (Moritz Bleibtreu) sucht sein Glück in Moskau. Foto: Universal Pictures International
(Kinostart: 8.3.) Polit-Thriller zur Wiederwahl Putins: Ein Deutscher in Moskau landet als Terrorist im Knast und bietet dem Geheimdienst Paroli. Mit aberwitzigem Action-Plot entstellt Regisseur Dennis Gansel das Kreml-Regime zur Kenntlichkeit.

Wenn sie rosten, ab nach Osten: Boulevard-Journalist Paul Jensen (Moritz Bleibtreu) will nach gescheiterter Ehe weg aus Berlin. Er geht nach Moskau, wo sein vor fünf Jahren gestorbener Vater Norbert arbeitete. Paul heuert bei Papas Verleger Alexej Onjegin (Rade Serbedzija) an, der die Hochglanz-Zeitschrift «Moscow Match» herausgibt – früher ein Polit-Journal, heute ein Society-Magazin.

 

Info

Die vierte Macht

 

Regie: Dennis Gansel, 115 min., Deutschland 2011;
mit: Moritz Bleibtreu, Rade Serbedzija, Mark Ivanir

 

Website zum Film

Obwohl der Besserwessi kein Russisch spricht, poliert er das Blatt auf und steigert sein Prestige – lange Nächte in Luxus-Discos inbegriffen. Bis Paul auf die schöne Katja trifft: Durch sie lernt er die oppositionelle Intelligenzija kennen. Ihr zuliebe schreibt er einen Nachruf auf einen kritischen Journalisten, der auf offener Straße erschossen wurde – damit gerät Paul ins Visier des Geheimdienstes FSB.

 

Bombe im U-Bahn-Eingang

 

Nun folgt Schlag auf Schlag: Als Paul Katja zur Metro bringt, geht dort eine Bombe hoch. Er landet als mutmaßlicher Terrorist im FSB-Gefängnis, wo ihn Aufseher und Mithäftlinge schikanieren. Verleger Onjegin kauft ihn frei und will ihn außer Landes bringen.


Offizieller Film-Trailer


 

Ohne Russisch dem FSB trotzen

 

Doch Paul wittert ein Komplott; auf dem Weg zum Flughafen entkommt er seinen Bewachern. In alten Unterlagen seines Vaters findet er Hinweise auf eine Verwicklung des FSB in frühere Sprengstoff-Anschläge. Paul geht der Sache nach und deckt eine Verschwörung im Kreml auf.

 

Ein deutscher Klatsch-Reporter als James Bond auf eigene Faust; Regisseur Dennis Gansel mutet dem Publikum allerhand zu. Sein Drehbuch entbehrt jeder Plausibilität: Dass ein Neuling ohne Sprachkenntnisse nicht nur in der Mega-Metropole Moskau zu Recht kommt, sondern im Alleingang auch noch Miliz und Geheimdienst Paroli bietet, ist so wahrscheinlich wie freie und faire Präsidenten-Wahlen in Putins Reich.

 

Überleben mit Tschetschenen-Protektion

 

Zudem gibt «Die vierte Macht» eine Vergangenheit, die mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt, als unmittelbare Gegenwart aus. In den 1990er Jahren brachten westliche Experten noch russische Unternehmen auf Vordermann; längst wurden sie durch heimische Profis ersetzt. Auch ist es keine Enthüllung mehr, sondern gesichertes zeitgeschichtliches Wissen, dass staatlich gelenkte Terror-Akte den zweiten Tschetschenien-Krieg auslösten und Putin die Macht sicherten.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Dokumentarfilms "Der Fall Chodorkowski" über den inhaftierten Öl-Milliardär

 

und hier ein Interview mit Regisseur Cyril Tuschi über Filmemachen unter Putin

 

und hier einen Beitrag über die KGB-Komödie "Hotel Lux" von Leander Hausmann.

Doch gerade die aberwitzige Konstruktion des Films gewährleistet seine Relevanz. Wie menschenunwürdig die Haftbedingungen in Russlands überbelegten Gefängnissen sind, ist im Westen wenig bekannt. Hier wird es anschaulich: Hinter Gittern überlebt die Hauptfigur nur, weil ihn der tschetschenische Guerilla-Führer Alsan (Mark Ivanir) unter seine Fittiche nimmt. Andernfalls würden ihn Knastbrüder oder Wärter zu Tode foltern.

 

Privat murren, beim FSB plaudern

 

Ebenso rau geht es außerhalb der Haftanstalt zu. Selbstzensur und ständige FSB-Kontrolle regieren die Medien; jeder murrt privat darüber und kann zugleich ein Zuträger des Geheimdienstes sein. Diese Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und allgegenwärtigem Misstrauen prägte das geistige Klima in der Sowjetunion. Unter Jelzin schwand es dahin; Putin hat es erfolgreich wieder belebt.

 

Mit skrupellosem Zynismus: Dass seine Schergen ohne Scheu zivile Mitbürger massakrieren, wenn es ihren politischen Zielen dient, wird selten offen ausgesprochen. Regisseur Gansel zeigt es drastisch im Gewand eines handwerklich professionellen Action-Thrillers. Dessen fantastisch übertriebene Stilmittel entstellen das Regime des alt-neuen Staatschefs zur Kenntlichkeit – ein treffender Kommentar zu seiner Wiederwahl.


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