Wes Anderson

Moonrise Kingdom

Suzy (Kara Hayward, li.) und Sam (Jared Gilman) lassen sich von einem Pfadfinder-Pastor über die Liturgie einer Feld-Trauung aufklären. Foto: Tobis

(Kinostart: 24.5.) Zauberhaft skurriles Märchen für alle Altersstufen: Bilder-Tüftler Wes Anderson verfilmt die erste Liebe zwölfjähriger Ausreißer als abenteuerlichen Aufbruch aus der Puppenstuben-Welt einer Ferien-Insel.

Romeo und Julia im Urlaubs-Paradies: Der zwölfjährige Sam, ungeliebtes Waisenkind bei Pflege-Eltern, büchst aus dem Pfadfinder-Lager aus, um seine Flamme zu entführen. Die gleichaltrige Suzy zieht sich im Leuchtturm-Haus ihrer kauzigen Eltern (Bill Murray und Frances McDormand) am liebsten mit Fantasy-Büchern und Fernglas in ihre Leseecke zurück.

 

Info

Moonrise Kingdom

 

Regie: Wes Anderson, 94 min., USA 2012;
mit: Bruce Willis, Bill Murray, Tilda Swinton

 

Website zum Film

Nun treffen sie sich erstmals seit einem Jahr auf der Wiese, mit Camping-Ausrüstung und tragbarem Plattenspieler bepackt – es ist Liebe auf den ersten Blick. Sam und Suzy schlagen sich zu einer kleinen Bucht durch, ihrem «Moonrise Kingdom», und hausen dort wie Robinson und Freitag.

 

Flucht vor Elektro-Schocks

 

Doch das junge Glück währt nicht lang: Der Insel-Polizist (Bruce Willis) und die Pfadfinder unter Scout Master Ward (Edward Norton) spüren die Ausreißer bald auf; das Jugendamt (Tilda Swinton) will Sam ins Erziehungsheim stecken und mit Elektro-Schocks behandeln lassen. Da ermöglichen seine Kumpels dem Pärchen eine zweite Flucht – und ein tobendes Gewitter sorgt dafür, dass diese love story besser als bei Shakespeare ausgeht.


Offizieller Film-Trailer


 

Detailverliebte Ausstattungs-Orgie

 

Diese Backfisch-Romanze würde keinen Volljährigen ins Kino locken, hätte sie nicht Wes Anderson verfilmt. Hollywoods verspieltester Regisseur lebt seine Freude an detailverliebten Ausstattungs-Orgien voll aus. Er zeichnet jede Einstellung im Storyboard penibel vor und arrangiert sie symmetrisch, bevor er sie ablichtet – Film als bonbonbunter Reigen aus Bilderbuch-Illustrationen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Verfilmung des Bestsellers „Naokos Lächeln“ von Haruki Murakami über 60er-Jahre-Stimmung in Japan

 

und hier ein Interview mit Tilda Swinton über ihre Hauptrolle im Italo-Melodram „I am love“ von Luca Guadagnino.

Was in seinen früheren Werken – etwa «Die Royal Tenenbaums» 2001 oder dem Tricktechnik-Tierfilm «Der fantastische Mr. Fox» 2009 – auf Dauer arg manieriert wirkte, funktioniert diesmal fabelhaft. Sein Märchen für alle Altersstufen findet in der Puppenstuben-Welt einer Insel vor Neuengland genau den richtigen Schauplatz: der paramilitärische Kindergarten der Pfadfinder, die Zärtlichkeit der Pubertierenden und das affektierte Getue der Erwachsenen ergänzen sich zum unübertrefflich skurrilen Panoptikum.

 

Auftakt des Film-Festivals von Cannes

 

Dieses Affentheater stürmischer Leidenschaften im Wasserglas schiene völlig sinnfrei, würde es nicht im Jahr 1965 spielen. Damals ließen die Beatles ihre Pilzköpfe lang wachsen und veröffentlichten das Album «Rubber Soul»; der Westen warf seinen ganzen Wohlstands-Ballast aus Polyester-Hemden und gesitteten Tischmanieren über Bord, um freie Liebe und andere Abenteuer zu wagen.

 

Welcher Kater dieser Aufbruchs-Stimmung folgte, ist bekannt – aber Anderson erinnert an den Zauber, der allen Anfängen innewohnt. Wie jedem Auftakt des Film-Festivals von Cannes, das «Moonrise Kingdom» eröffnet hat.


Diesen Artikel drucken