Thomas Thümena

Jean Tinguely

Dem Maschinen-Schweißer ist nichts zu schwer: Jean Tinguely bei der Arbeit, Anfang der 1960er Jahre. Foto: Hugofilm
(Kinostart: 17.5.) Porträt des Künstlers als Maschinen-Stürmer: Eine souverän komponierte Biopic-Doku zeigt den Schweizer Dada-Bastler Jean Tinguely als archetypischen Groß-Künstler des 20. Jahrhunderts.

Zwischen Größenwahn und Zerstörungswut: Jean Tinguely (1925 – 1991) war einer der umstrittensten Künstler der Nachkriegszeit. Seine «Tinguely-Maschinen» sind sprichwörtlich geworden: Synonyme für lärmenden, hochtourigen Leerlauf – much ado about nothing.

 

Info

Jean Tinguely

 

Regie: Thomas Thümena, 88 min., Schweiz 2011;
mit: Daniel Spoerri, Bloum Cardenas, Seppi Imhof

 

Website zum Film

Dabei wäre der gelernte Dekorateur und überzeugte Anarchist beinahe als Kleinkrimineller geendet, zeigt die Dokumentation von Thomas Thümena. Doch Mitte der 1940er Jahre lernte er in Basel seine Künstler-Freunde Daniel Spoerri und Eva Aeppli kennen, die er auch heiratete.

 

Schutt im Schaufenster

 

Sie förderten Tinguelys Kreativität: Er dekorierte etwa das Schaufenster einer Pelz-Handlung, indem er Schutt auskippte und Pelz-Mäntel darüber warf. Das Aufsehen war so groß, dass die Polizei ihn zwang, diese «Installation» wegzuräumen.


Offizieller Film-Trailer


 

Selbst-Zerstörung bei der MoMA-Vernissage

 

Anfang der 1950er Jahre zog das bitterarme Trio nach Paris; während Spoerri und Aeppli manchmal bettelten, stahl Tinguely aus Läden Lebensmittel. Ab 1960 konnte er bar bezahlen: Der Erfolg kam mit selbst gebastelten Maschinen, die nach dem Zufalls-Prinzip Bilder im Stil des «abstrakten Expressionismus» produzierten.

 

Den internationalen Durchbruch brachte eine «Hommage à New York» im Museum of Modern Art: Tinguelys raumfüllende Konstruktion zerstörte sich bei der Vernissage selbst. Nun wollte alle Welt seine «kinetischen Skulpturen» sehen, die Bälle warfen oder Rauch und Wasser versprühten – selbst in der konservativen Schweiz.

 

Dynamit im Flugzeug-Handkoffer

 

Derweil zog es ihn mit seiner neuen Künstlerin-Freundin Niki de Saint Phalle in die Wüste von Nevada: Dort jagten beide 1962 die Assemblage «Study for the end of the world» in die Luft. Pyrotechnik wurde fester Bestandteil von Tinguelys Kunst – heute undenkbar: Das nötige Dynamit brachte Saint Phalle an Bord eines Transatlantik-Flugs im Handkoffer mit.

 

Getrieben vom Ehrgeiz, stets «noch absurder, utopischer und sinnloser» zu werden, errichtete Tinguely ab 1969 bei Milly-la-Forêt nahe Paris den 22 Meter hohen Kopf «Le Cyclope» mitten im Wald. Es sollte 22 Jahre dauern, bis das Mammut-Projekt aus 300 Tonnen Stahl fertig wurde.

 

Ferraris zu Schrott fahren

 

Da war der einstige Bürgerschreck längst zum Groß-Künstler aufgestiegen, der für seine Werke Millionen verlangte, die er mit vollen Händen ausgab. Er jettete für Formel-I-Rennen um die Welt und fuhr eigenhändig Ferraris zu Schrott. Diesen Rohstoff brauchte er für seine wild verzierten Dada-Maschinen irgendwo zwischen Maskenball und Mummenschanz.

 

Sein größter Triumph war 1982/83 eine monströse Retrospektive in Zürich, London, Brüssel und Genf; Tinguely wurde zum Gesellschafts-Löwen und Volks-Helden der Schweiz. Bei seinem Tod 1991 gaben ihm Tausende auf den Straßen seiner Geburtsstadt Fribourg das letzte Geleit.

 

Hart arbeitender Playboy

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945 – 1968” über Kunst der Nachkriegs-Zeit in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier einen Beitrag zum Doku-Film "The Big Eden" von Peter Dörfler über den letzten lebenden deutschen Playboy Rolf Eden

 

und hier einen Besprechung der Ausstellung "POWER UP" über "Female Pop Art" mit Werken von Niki de Saint Phalle in Wien und Bietigheim-Bissingen.

Diesen schillernden Lebenslauf rekonstruiert Regisseur Thümena anschaulich anhand von Archiv-Material und Interviews mit früheren Weggefährten. Deutlich wird, dass Tinguely ein Geburtshelfer der Spaß-Gesellschaft war – schon Transporte seiner ersten Maschinen durch die Straßen von Paris gerieten zum fröhlichen Happening für Groß und Klein.

 

In den 1960/70er Jahren machte Tinguely jede Mode mit: von der explosiven Revolte gegen Gesellschafts-Strukturen bis zum promisken Lebens-Stil mit mehreren Geliebten zugleich. Er spuckte große Töne und haute auf den Putz wie die Playboys der Epoche – im Gegensatz zu ihnen arbeitete er allerdings tagsüber hart mit Schlagbohrer und Schweißgerät.

 

Ende des Maschinen-Zeitalters

 

«Die Welt war ernster als heute», resümiert ein Fan; die Nonsense-Gebilde von Tinguely hätten ideologisch verhärtete Fronten im Kalten Krieg aufgelockert. Da mutet es symbolträchtig an, dass er fast gleichzeitig mit diesem starb: Das Maschinen-Zeitalter geht dem Ende entgegen – wie die Faszination für seine Parodie darauf.


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