Orhan Eskiköy + Zeynal Doğan

Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters

In der Natur gedenkt Basê (Basê Dogan) ihres verstorbenen Mannes Mustafa. Foto: © Perisan Film

(Kinostart: 15.11.) Papa ist nur noch auf Tonbändern präsent: Mit Audio-Aufnahmen und stillen Bildern erzählen die Regisseure Eskiköy und Doğan ein Familien-Schicksal – und damit die Geschichte kurdischer Aleviten in der Türkei.

Zuerst scheint nichts zu passieren. Eine gefühlte Ewigkeit wird nicht gesprochen, was an  Filme von Nuri Bilge Ceylan erinnert. Am Anfang steht ein Mann in öder Landschaft vor einem Baum. Eine alte Frau läuft durch ein verlassen wirkendes Haus, in dem der Putz bröckelt; im Fernsehen läuft ein alter Schwarzweiß-Film.

 

Info

Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters

 

Regie: Orhan Eskiköy + Zeynal Doğan, 88 min., Türkei/ Deutschland/ Frankreich 2012;
mit: Basê Doğan, Zeynal Doğan, Gulizar Doğan

 

Website zum Film

Hier wird kein Spannungsbogen aufgebaut: Die Regisseure Orhan Eskiköy und Zeynel Doğan, der eine Hauptrolle übernimmt, verzichten bewusst auf schnelle Kamerafahrten und Nahaufnahmen. Ihr Stil ist minimalistisch und unaufgeregt: Die festen Einstellungen bleiben auf Distanz, ohne zu langweilen.

 

Zwei unsichtbare Nebendarsteller

 

Der Film zeichnet nach, wie zwei Menschen ihre Vergangenheit festhalten und sich erinnern: Basê (Basê Doğan) und ihr erwachsener Sohn Mehmet (Zeynel Doğan). Unsichtbare Nebendarsteller sind Familienvater Mustafa, den man nur auf alten Tonbändern hört, und der ältere Sohn Hasan. Er ist verschwunden und schreibt gelegentlich Briefe, die Mustafa seiner Mutter vorlesen muss: Basê ist Analphabetin.


Offizieller Filmtrailer


 

Mehr als 100 Opfer bei Pogrom von Maraş 1978

 

Dabei führen die Doğans die Konstellation ihrer eigenen Familie vor. Sie sind kurdische Aleviten; dieser religiösen Minderheit gehören etwa 15 bis 30 Prozent der Einwohner der Türkei an. In ihrer Geschichte spielt das Pogrom von Maraş eine wichtige Rolle: In dieser südostanatolischen Stadt verübten 1978 Nationalisten und Fundamentalisten ein Massaker an der alevitischen Bevölkerung, bei dem nach offiziellen Angaben rund 100 Menschen starben – Augenzeugen sprachen von weitaus mehr.

 

Basês Ehemann starb bei einem Arbeits-Unfall in der Ferne: Ihr bleiben nur alte Tonband-Aufnahmen, die sie mangels Telefon als Brief-Ersatz benutzt hatten. Auf ihnen spricht Mustafa demonstrativ Türkisch; hauptsächlich beschwert er sich und belehrt seine Frau. Ihre Kinder sollen gut Türkisch lernen: Er möchte sie aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit kurdischer Identität vor diesem Problem bewahren.

 

TV-Auftritt von Ministerpräsident Erdoğan

 

Kurdisch ist in der heutigen Türkei nicht mehr verboten und wird in staatlichen Schulen sogar bald als Wahlfach angeboten. Ein Ende des Konfliktes zwischen Staat und Minderheit ist trotzdem nicht absehbar: Menschen, die sich für Rechte der Kurden einsetzen, werden immer noch mit harten Anti-Terror-Gesetzen angeklagt.

 

«Babamin Sesi» spielt darauf an: In einer Szene ist die Stimme des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan im TV zu hören. Er pocht auf muttersprachlichen Unterricht in Deutschland und verurteilt Assimilation als ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» – was sich im Kontext dieses Films sonderbar grotesk anhört.

 

Knapp dem Mob entkommen

 

Irgendwann entdeckt Mehmet ein altes Tonband, das die Söhne mit der Mutter für den Vater besprochen hatten; er bemerkt, wie wenig er über den Verstorbenen weiß. Auch sein Verhältnis zu Basê ist angespannt. Ihre kurzen Dialoge beschränken sich auf das Nötigste: Die Mutter will die Familien-Geschichte von ihrem jüngsten Sohn fernhalten.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Lobes-Hymne auf den Film “Once Upon A Time In Anatolia” von Nuri Bilge Ceylan

  

sowie eine Besprechung des Films “Fetih 1453 – Die Eroberung von Konstantinopel” von Faruk Aksoy

 

und hier eine Kritik des kurdischen Films „Meş – Lauf!„, eines Agitprop-Streifens von Shiar Abdi.

Sehr zögerlich, nachdem Mehmet darauf gedrungen hat, erzählt sie nach und nach von den Geschehnissen, als die Doğans in das Pogrom von Maraş gerieten. Damals entkam die Familie nur knapp dem aufgebrachten Mob und flüchtete in ihr Dorf. Dieses Massaker ist eines von drei tragischen Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, die sich tief in das kollektive Bewusstsein der alevitischen Minderheit eingebrannt haben.

 

Älterer Sohn Hasan ging zur PKK

 

Danach begann die Radikalisierung von Hasan: Er litt in der Schule wegen seiner ethnischen Zugehörigkeit, wurde ausgegrenzt und war hin- und hergerissen zwischen seiner kurdischen Identität und dem Wunsch, wie alle anderen zu sein. Bis er in die Berge zog, um sich der kurdischen PKK anzuschließen. Seither meint Basê, regelmäßig mysteriöse Anrufe von ihm zu erhalten, und konzentriert ihre verbliebene Lebens-Energie auf die Erwartung seiner Heimkehr – was ihr öfter Besuch von Zivil-Polizisten beschert.

 

Für Mehmet fügen sich die Puzzle-Teile nach und nach zusammen: Er beginnt, die Situation einer kurdisch-alevitischen Analphabetin in einem türkischen Dorf zu verstehen. Der Film enthält sich aber jeder Schuldzuweisung; er projiziert nur diese Wirklichkeit auf die Leinwand, was den Regisseuren sehr gut gelingt. Am Ende steht Mehmet wie in der Anfangssequenz in öder Landschaft an einem Baum und spricht zu seinem Vater – diesmal schneit es.


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