Fatih Akin

Müll im Garten Eden

Fatih Akin (mi.) demonstriert mit den Dorf-Bewohnern gegen die Müll-Deponie. Foto: © corazón international / Bünyamin Seyrekbasan / Pandora Film

(Kinostart: 6.12.) Zivilcourage in der Türkei: Eine Abfall-Deponie verpestet das Dorf von Fatih Akins Großeltern. Seine Langzeit-Doku begleitet Anwohner-Proteste gegen Behörden-Willkür – und feiert ihre beeindruckende Beharrlichkeit.

Für Regisseur Fatih Akin ist es eine Rückkehr zu familiären Wurzeln: Seine Großeltern stammen aus dem idyllischen Dorf Çamburnu an der türkischen Schwarzmeer-Küste, einem Zentrum des Tee-Anbaus. Hier ist das Klima freundlich, die Gegend fruchtbar und die Aussicht aufs Meer großartig.

 

Info

Müll im Garten Eden

 

Regie: Fatih Akin, 85 min., Deutschland 2012;
mit: Hüseyin Alioğlu + den Bewohnern von Çamburnu

 

Website zum Film

Im Jahr 2006 kam Akin mit einem Team nach Çamburnu, um Szenen für seinen Spielfilm «Auf der anderen Seite» zu drehen. Dabei erfuhr er, dass am Rand der Siedlung eine große Müll-Deponie angelegt werden sollte.

 

Behörden nutzen Gesetzes-Lücken

 

Die Dorf-Bewohner und ihr Bürgermeister Hüseyin Alioğlu bekämpften das Projekt, aber ohne Chance auf Erfolg: Die Behörden nutzten Gesetzes-Lücken aus, um es durchzusetzen. Den Protest gegen die Deponie hat Akin fast sechs Jahre lang begleitet; die letzten Aufnahmen entstanden im Februar 2012.


Offizieller Filmtrailer


 

Musik gegen die Umwelt-Katastrophe

 

Als Dokumentarfilmer kann Akin sehr zielsicher Emotionen einfangen und beim Zuschauer auslösen, wie er 2005 mit dem mitreißenden Musik-Film «Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul» bewies. Auch bei «Müll im Garten Eden» setzt er wiederholt Musik ein: Da singt etwa ein alter Mann in der Dorfpinte mit wackerer Stimme gegen die Deponie an.

 

Auf einem Solidaritäts-Konzert begleitet eine Gruppe von Mädchen im Publikum aus vollem Halse die Sängerin oben auf der Bühne. Und ein gemeinsamer Tanz, für den viele Dorfbewohner in einem Kreis zusammenkommen, symbolisiert bildlich ihren Zusammenhalt.

 

Kafkaeske Konfrontations-Szenen

 

In solchen Momenten verwandelt sich die Wut auf die umweltschädliche Müll-Kippe und unbewegliche Behörden für einige Augenblicke in positive Energie. Was deutlich zeigt, dass die Einwohner von Çamburnu nicht verbittert resigniert haben. Grund genug hätten sie.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Fatih Akin über „Müll im Garten Eden“

 

und hier eine Besprechung des Films „Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters“ von Orhan Eskiköy und Zeynal Doğan über kurdische Aleviten in der Türkei.

 

und hier einen Beitrag über den Film „Das grüne Wunder – Unser Wald „, eine Langzeit-Doku von Naturfilmer Jan Haft

 

sowie eine Rezension der Doku „Sushi – The Global Catch“ von Mark S. Hall über die Überfischung der Ozeane.

Häufig fängt die Kamera kafkaeske Szenen der Konfrontation ein, in denen Dorf-Bewohner – vor allem Frauen – mit Behörden-Vertretern, Ingenieuren und Wachleuten diskutieren. Wenn sie keine Entscheidungsträger sind, berufen sie sich darauf, dass sie nichts zu entscheiden haben. Wenn sie Entscheidungsträger sind, trinken sie Tee, lächeln entrückt und steigen in schwarze Mercedes-Limousinen, um wieder davonzufahren.

 

Parfüm gegen den Gestank

 

Daneben dokumentiert der Film die Deponie-Anlage selbst: Bei ihrem Bau werden Schutz-Maßnahmen nicht eingehalten oder reichen nicht aus. Bald stinkt der Müll-Berg zum Himmel; um das zu kaschieren, wird Parfüm in der Gegend versprüht. Schließlich zerbricht das Rückhalte-Becken der Klärgrube: Giftige Abwässer versickern im Boden.

 

Fatih Akin gibt den Auftritten der Menschen aus dem Dorf viel Raum: Er zeigt, mit wie viel renitentem Beharrungsvermögen sie für ihr Recht auf eine lebenswerte Umwelt streiten. So stellt sich beim Zusehen ein etwas paradoxer Effekt ein: Obwohl ihr Kampf gegen den Müll und die betonköpfigen Behörden offensichtlich völlig ergebnislos verläuft, bleibt am Schluss der Eindruck einer Gesellschaft wehrhafter Individuen, die sich den Mund nicht verbieten lassen. Und das ist eigentlich sehr schön. Die paar Längen, die der Film hat, verzeiht man ihm dafür gern.


Diesen Artikel drucken