Michał Marczak

Fuck for Forest

Live-Sex für den guten Zweck. Tommy und Kaajal bei einer Performance in Berlin. Foto:© Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 13.6.) Sex sells: Darauf setzen auch diese Umweltschutz-Aktivisten aus Norwegen. Doch die verhuschten Neo-Hippies kriegen mit krausen Ideen und dilettantischem Auftreten nichts auf die Reihe, wie die Doku von Michał Marczak zeigt.

Die Ausgangs-Idee ist eigentlich bestechend; erstaunlich, dass keiner früher darauf gekommen ist. Die Porno-Industrie macht weltweit Milliarden-Umsätze. Der Öko-Bewegung fehlt zur Rettung der Umwelt viel Geld. Warum nicht beides miteinander verbinden: make love, not war, and save the planet?

 

Info

Fuck for Forest

 

Regie: Michał Marczak,

86 Min., Polen/Deutschland 2012;

mit: Leona Johansson, Tommy Hol Ellingsen, Kaajal Shetty

 

Website zum Film

Das nimmt der Norweger Tommy Hol Ellingsen für sich in Anspruch; offenbar, um seine Dreierbeziehung mit Leona Johansson und der Inderin Kaajal Shetty zu legitimieren. «Fuck for Forest» (FfF) nennen sie ihre Initiative, die vorwiegend aus einer kleinen Website und hemmungsloser Eigenwerbung besteht. Der Ansatz: Freiwillige ziehen sich vor laufender Kamera aus. Wer das sehen will, muss entweder eigene Nacktbilder beisteuern oder spenden – zur Rettung des Regenwaldes.

 

Vermüllte WG in Berlin

 

Könnte klappen, wenn das Trio skandinavisch nüchtern und effizient agierte. Doch die verhuschten Neo-Hippies sind längst nach Berlin umgezogen – wohin sonst. Dort hausen sie mit ihren Mitstreitern Dan Devero und Natty Mandeau in einer vermüllten WG und pflegen ausgiebig ihre Befindlichkeiten. In seiner Doku zeichnet Michaɫ Marczak sie geduldig auf: nölige Wortwechsel über Unlust und Langeweile wie im Kinderzimmer.


Offizieller Filmtrailer


 

Komische Auftritte im Adamskostüm

 

Wenn sich die Fünf aus ihrer Wohnhöhle herausbequemen, werden sie kaum mit offenen Armen empfangen. Dass sie ihr Süppchen auf dem «Slutwalk» – ein feministischer Protestmarsch gegen Sexismus – kochen wollen, gefällt demonstrierenden Frauen gar nicht. Rockkonzert-Besucher und Clubgänger, die sie ansprechen, reagieren eher befremdet. Eigene Auftritte im Adamskostüm geraten unfreiwillig komisch.

 

Die FfF-Aktivisten können leider gar nichts: weder singen noch tanzen, klampfen oder auch nur mit großer Geste eine schräge Show abziehen. Selbst die einzige Sex-Szene – Tommy rammelt mit Kaajal vor Publikum im Keller – fällt kläglich aus.

 

Keine Gegenliebe bei Amazonas-Indios

 

Obwohl sie angeblich schon 420.000 Euro an Spenden eingenommen haben wollen, nötigt Leona die anderen, in Abfall-Containern von Supermärkten nach Essbarem zu wühlen. Solcher Ausstieg aus der Konsumgesellschaft hat etwas zwanghaft Sektiererisches.

 

Dennoch will Tommy das große Rad drehen. Über einen Kontaktmann, den sie nur von Internet-Telefonaten kennen, lässt sich das Quintett ins Amazonas-Becken lotsen. Dort wollen sie ein Waldgebiet kaufen, um die darin lebenden Indios zu schützen. Die sind nicht begeistert: Sie misstrauen den weißen Eindringlingen und ihren Freie-Liebe-Predigten. Ein Schlag ins Wasser.

 

Ignoranz übertrifft Sendungsbewusstsein

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Müll im Garten Eden“ –  engagierte Umwelt-Dokumentation von Fatih Akin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Rundgang durch das Ottoneum“ – acht Künstler zeigen ihre Öko-Kunst-Werke auf der 13. documenta in Kassel

 

und hier eine Rezension des Films  „Und dann der Regen – También la Lluvia– Melodram über das neokoloniale Dilemma von Icíar Bollaín mit Gael García Bernal

 

All das begleitet der polnische Regisseur Marczak mit Engelsgeduld. Er lässt alle Protagonisten blühenden Blödsinn reden und ihre Spleens ausleben, ohne sie bloßzustellen – teilnehmende Beobachtung eines einfühlsamen Alltags-Ethnologen. Doch sein Werben um Sympathie kaschiert kaum das Offensichtliche: Das Sendungsbewusstsein von FfF wird nur durch seine Ignoranz übertroffen.

 

Rousseau, Monte Veritá, Lebensreform – alle «Zurück zur Natur»-Bewegungen der Neuzeit sind den Mitgliedern offenbar unbekannt. Stattdessen glauben sie allen Ernstes, 5000 Jahre Affektkontrolle seit der Jungsteinzeit mit ein paar selbst gedrehten Wackel-Videoclips rückgängig machen zu können. Darauf kann man wohl nur im Ölreichtum-Reservat Norwegen kommen.

 

Trashfestival-Höhepunkt

 

Die Hippie-Bewegung der 1960/70er Jahre hatte ehrenwerte Motive: Friedfertigkeit, Mitmenschlichkeit, Konsumverzicht – und hat damit die Welt verändert. So dilettantische Nachfahren hat sie nicht verdient. Aber ihrem Doku-Porträt steht eine große Laufbahn bevor: als Programm-Höhepunkt auf Trash-Filmfestivals.


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