Xavier Dolan

Sag nicht, wer du bist!

Tom (Xavier Dolan) und Francis (Pierre-Ives Cardinal) tanzen. Foto: Kool Film

(Kinostart: 21.8.) Lost in Redneck Canada: Ein junger Schwuler besucht die Familien-Farm seines toten Geliebten und lässt sich von dessen Macho-Bruder terrorisieren. Stimmig und stimmungsvoll inszenierter Film Noir von Regie-Wunderkind Xavier Dolan.

Xavier Dolan gilt wegen seiner Jugend immer noch als Regie-Wunderkind: Mit 20 Jahren drehte er seinen Debütfilm „I killed my Mother“, der prompt bei den Festspielen in Cannes gezeigt wurde. Seither legt der inzwischen 25-jährige Frankokanadier pro Jahr einen Film vor, bei dem er Regie führt und oft auch Rollen übernimmt; damit ist er Dauergast auf allen wichtigen Festivals.

 

Info

 

Sag nicht, wer du bist!
(Tom at the Farm)

 

Regie: Xavier Dolan,

105 Min., Kanada 2013;

mit: Xavier Dolan, Pierre-Ives Cardinal, Lise Roy, Évelyne Brochu

 

Website zum Film

 

Nach seiner, wie er sagt, „unbeabsichtigten Trilogie über die Unmöglichkeit der Liebe“ mit den Filmen „I killed my Mother“, „Herzensbrecher“ und „Laurence Anyways“ erobert Dolan sich nun neues Terrain: den Psychothriller. Wie die meisten Regisseure, die einiges erreicht haben, will er sich im Genre-Kino ausprobieren. So beginnt „Sag nicht, wer du bist!“ mit einer klassischen Kamerafahrt.

 

Kein Verkehr, kein Lebenszeichen

 

Irgendwo in Kanada: Ein Auto fährt einsam über eine schnurgerade Landstraße zwischen abgeernteten Feldern. Kein Gegenverkehr; auch sonst kein Anzeichen von Leben. Am Steuer sitzt ein in Tränen aufgelöster junger Mann. Tom (Xavier Dolan), ein typischer Großstadt-hipster, ist auf dem Weg zur Beerdigung seines Geliebten Guillaume in dessen Heimatdorf.


Offizieller Filmtrailer


 

Als Aushilfe im Kuhstall angeheuert

 

Am Bauernhof der Familie angekommen, erwartet ihn niemand; alles scheint verlassen. Als Guillaumes Mutter (Lise Roy) und Bruder Francis (Pierre-Yves Cardinal) schließlich auftauchen, sind sie über Toms Eintreffen sehr überrascht. Die nichtsahnende Mutter hat eher Guillaumes Freundin erwartet, die ihm sein Bruder aus Rücksicht auf ihre Gefühle angedichtet hat.

 

Da der junge Mann nun einmal da ist, soll er bis zur Beerdigung bleiben und mit anpacken. Im Kuhstall gibt es schließlich immer etwas zu tun. Schnell gewöhnt sich Tom ein; er genießt das extrem einfache und monotone Landleben auch ein wenig, denn von seinem stressigen Grafikdesigner-Job in der Stadt hat er zurzeit genug.

 

Bruder hat in allen Lokalen Hausverbot

 

Francis lässt Tom gegenüber aber stets durchblicken, wie wenig er von Schwulen hält – also Leuten wie ihm. Er droht dem Neuankömmling, auf keinen Fall der Mutter etwas über seine wahre Beziehung zu ihrem Sohn zu verraten. Dabei ist Francis bei der Durchsetzung seiner Forderungen keineswegs zimperlich; dementsprechend hat er in allen Lokalen der Gegend Hausverbot.

 

Als der Jung-Farmer Tom eröffnet, dass er Guillaume für eine Weile auf dem Hof ersetzen soll, fügt der sich zunächst unwillig, fühlt sich aber auch gebraucht – etwas, das er in der Stadt nicht hat. Tom taucht immer weiter in das fragile Familiengefüge ein, wo man kaum redet, sondern nebeneinander her lebt; so lernt er seinen toten Geliebten noch einmal neu kennen.

 

Tango tanzen in der Scheune

 

Auch der grobschlächtige Francis zeigt eine überraschende Seite; er tanzt heimlich Tango in der umgebauten Scheune und hat diese Leidenschaft an seinen Bruder weitergegeben, der wiederum Tom an Tango heranführte. In einer wunderbar leichten Szene tanzt Francis mit Tom formvollendet über die Dielen – bis die Mutter sie stört.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films Laurence Anyways – bewegend romantisches Liebesdrama eines Transsexuellen von Xavier Dolan

 

und hier einen Bericht über den Film „Dallas Buyers Club“  – hervorragendes HIV-Drama von Jean-Marc Vallée mit Matthew McConaughey

 

und hier einen Beitrag über den Film “Der Fremde am See”  – schwuler Kammerspiel-Thriller von Alain Guiraudie.

 

Dennoch bleibt Tom eine Art Gefangener. Er kann nur heimlich mit seinen Freunden in der Stadt telefonieren und darf nur unter Francis‘ Aufsicht den Hof verlassen. Als Toms Mitbewohnerin Sara (Évelyne Brochu) aufkreuzt, sich als Guillaumes trauernde Freundin ausgibt und den Ausreißer in die Stadt zurückholen will, bleibt Tom da – um bald darauf eigene Fluchtpläne zu schmieden.

 

Katalysatoren für Gewalt

 

Dolans vierter Spielfilm zeugt abermals von seinem großen Regietalent. Als Ausgleich nach den anstrengenden Dreharbeiten für „Laurence Anyways“ geplant, ist „Sag nicht, wer du bist!“ jedoch keine erholsame Fingerübung, sondern vielleicht sein bislang reifstes Werk: ein ländlicher film noir mit wunderbarer Musik, der willentlich an große Vorbilder wie Alfred Hitchcock anknüpft.

 

Atmosphärisch dicht erzählt der Regisseur in düster-nebligen Bildern von unerfüllten Träumen, Entsagung, Hass, Selbstverleugnung und verdrängter Sexualität; allesamt Katalysatoren für die Gewalt, die Tom erleidet. Gemeinsam mit der Hauptfigur wird man in das strenge und weitgehend wortlose Leben dieser Familie gezogen und bringt immer mehr Interesse für sie auf.

 

Entrinnen nur auf langer Straße

 

Dabei ist Tom keineswegs nur Opfer; er entscheidet sich bewusst für diese Grenzerfahrung mit sadomasochistischer Komponente. Als Fremder auf der Farm bringt er lange unter der Oberfläche schlummernde Gedanken und Wünsche zum Vorschein, die in der ambivalenten Figur von Francis personifiziert zum Ausdruck kommen. Alle sind verlorene Seelen ohne Hoffnung in dieser Einöde, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Bis auf die lange Straße, auf der Tom gekommen ist.


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