Mike Cahill

I Origins – Im Auge des Ursprungs

Dr. Ian Gray (Michael Pitt) und seine Mitarbeiterin Karen (Brit Marling) machen eine Entdeckung. Foto: 20th Century Fox
(Kinostart: 25.9.) Auge um Auge, Planet um Planet: Regisseur Mike Cahill dreht gern Filme im Spannungsfeld von Wissenschaft und Religion. Sein formal gefälliges Forscher-Drama über Evolution und Amour Fou gerinnt ihm zur diffusen Mystik-Soße.

Seine science fiction ist down to earth: US-Regisseur Mike Cahill gelang 2011 mit dem Drama „Another Earth“, das er mit nur 100.000 Dollar Budget drehte, ein Überraschungs-Erfolg. Der Film über eine zweite Erde, die plötzlich am Himmel auftaucht, bricht das Genre auf eine menschliche Dimension herunter: Das Geschehen wird nicht mit Hollywood-typischen grellen Knalleffekte, sondern ernsthaften philosophischen Fragen angereichert.

 

Info

 

I Origins –
Im Auge des Ursprungs

 

Regie: Mike Cahill,

106 Min., USA 2014;

mit: Michael Pitt, Astrid Bergès-Frisbey, Brit Marling

 

Website zum Film (engl.)

 

Im Nachfolgefilm setzt Regisseur Cahill nicht nur seine Hauptdarstellerin Brit Marling abermals ein. Auch das Gesamtkonzept von „I Origins – Im Auge des Ursprungs“ ähnelt auffallend dem Vorgänger. Der Film behandelt die Einbettung des Individuums in kosmische Zusammenhänge; er stellt die Frage, ob bei der Erklärung unserer Existenz Wissenschaft oder Religion die Nase vorn haben. Doch was bei „Another Earth“ weitgehend gelang, provoziert in „I Origins“ eher ungläubiges Kopfschütteln.

 

Evolutionstheorie geht ins Auge

 

Dr. Ian Gray (Michael Pitt) ist Molekularbiologe und untersucht die Entwicklung des Auges. Gray will beweisen, dass Darwins Evolutionstheorie vollkommen richtig ist: Jede Fortentwicklung soll durch zufällige Mutationen erklärbar sein. Das würde die Auffassung widerlegen, das Leben folge einem Intelligent Design – also einem gesteuerten Plan.


Offizieller Filmtrailer


 

Filme über unverstandene Themen machen

 

In einem Club begegnet Ian der geheimnisvollen Sofi (Astrid Bergès-Frisbey): Die faszinierende Kosmopolitin arbeitet als Model. Der kühle Wissenschaftler und die feurige Südländerin beginnen eine leidenschaftliche Affäre. Zugleich macht Ians spröde Assistentin Karen (Brit Marling) eine Entdeckung, die bahnbrechend sein könnte. Als Ian Sofi verliert, reist er bis nach Indien, um ihre unvergesslichen Augen zu suchen.

 

Zurzeit widmen sich Filmemacher gern hochkomplexen wissenschaftlichen und philosophischen Themen, die sie nicht ansatzweise verstanden haben. Gerade erst sorgte Luc Besson mit dem action thriller „Lucy“ für unfreiwillige Komik: Ausgerechnet Scarlett Johansson soll zeigen, was passiert, wenn ein Mensch auf sein gesamtes geistiges Potential zugreift, das angeblich größtenteils brachliegt. Doch während „Lucy“ ein überdrehtes Pop-Spektakel ist, das man nicht ernst nehmen muss, gibt sich „I Origins“ betont seriös. Nur hat Regisseur Cahill ebenso wenig kapiert, wovon er zu erzählen glaubt.

 

Alles irgendwie mystisch hier

 

Er greift den vor allem in den USA aktuellen Streit zwischen Darwinisten und Intelligent Design-Anhängern auf, ob die Evolution eine rein zufällige Angelegenheit ist oder ihr eine intelligente Steuerung zugrunde liegt. Vertreter des Intelligent Design argumentieren mit dem individuellen Aufbau des Auges: Seine hochkomplexe Form könne nicht nur durch zufällige Mutationen entstanden sein. Dabei lassen sie zunächst offen, ob intelligente Steuerung einem Gott zugeschrieben werden muss. Nicht so Mike Cahill: Er stellt von vorneherein Religion gegen Wissenschaft, Mystik gegen Rationalität.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Cloud Atlas" - spekulativ verschachteltes Science-Fiction-Epos von Tom Tykwer, Lana & Andy Wachowski

 

und hier einen Bericht über den Film “The Congress”  – Science-Fiction-Animationsfilm von Ari Folman

 

und hier einen Beitrag über den Film “Finsterworld” – surreale Episoden-Tragikomödie von Frauke Finsterwalder.

 

Später geht es im Film jedoch nicht mehr um die biologische Entwicklung des Auges, sondern um das Auge als Tor zur Seele und um Seelenwanderung. Ist ja alles irgendwie mystisch – nicht kalt und rational, sondern wohlig warm und geheimnisvoll.

 

Bilder mit mysteriöser Stimmung

 

Dabei verschwimmt dem Regisseur alles zu einer gemeinsamen Soße; dem diffusen Gefühl des Verstehen-Glaubens. Dazu passt der pseudo-smarte, vieldeutige Titel „I Origins“, der ungefähr „Der Ursprung des Ichs“ bedeutet; laut ausgesprochen, schwingt aber auch das gleich klingende „Eye Origins“ („Ursprung des Auges“) mit.

 

Obwohl inhaltlich flach, hat der Film auch klare Stärken. Wie bereits in „Another Earth“ gelingt es Mike Cahill erneut, eine mysteriöse Stimmung zu kreieren. Dabei unterstützt ihn sein deutscher Kameramann Markus Förderer, der etwa „Finsterworld“ drehte: Er vermittelt mit seinen Bildern einiges von der Mystik und dem Zauber, die in der Handlung meist nur Behauptung bleiben.

 

Sofis Augen ändern alles

 

So tritt Sofi beim ersten Mal in einem Kostüm auf, dass lediglich den Blick auf ihre Augen freigibt. In kühl stilisierten Bildern eingefangen, wirkt sie wie das personifizierte Mysterium. Zugleich hebt ihre Erscheinung das Thema Augen von der rein wissenschaftlichen auf eine emotionalere Ebene und deutet die spätere spirituelle Wendung an. Keine Frage: Als Filmemacher versteht Mike Cahill sein Handwerk. Nur thematisch hat er sich diesmal eindeutig verhoben.


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