Mike Leigh

Dreckiger Kerl mit erhabenem Werk

Mike Leigh. Fotoquelle: Wikipedia/ Thore Siebrands

„Mr. Turner“ setzt dem bedeutendsten englischen Maler ein filmisches Denkmal. Von dem er gleich wieder stürzt: Der Künstler erscheint als rücksichtloser Rüpel. Diese Komplexität seines Charakters wollte er zeigen, so Regisseur Mike Leigh im Interview.

Mr. Leigh, warum haben Sie einen Film über William Turner gedreht? Weil er dem Kino so nahe kommt, indem er in seinen Bildern Licht und Atmosphäre tausendfach variiert?

 

Ihre Frage enthält bereits die Antwort: Er ist ein sehr filmisch arbeitender Maler. Ich finde sein Werk großartig und dachte schon lange, ein Film über ihn könnte interessant sein. Als ich mich näher mit seiner Person beschäftigte, war ich fasziniert vom Spannungspotential zwischen diesem exzentrischen, komplexen, dreckigen Kerl und seinem erhabenen, poetischen Schaffen. Das erschien mir als geeigneter Treibstoff für einen Film.

 

Ein viel beschriebenes Rätsel

 

War es einfach oder schwierig, Einzelheiten über ihn zu recherchieren?

 

Info

 

Mr. Turner –
Meister des Lichts

 

Regie: Mike Leigh,

149 Min., Großbritannien 2014;

mit: Timothy Spall, Dorothy Atkinson, Marion Bailey

 

Website zum Film

 

Er war schon zu Lebzeiten sehr berühmt; es gibt von Zeitgenossen zahllose Beschreibungen seiner Persönlichkeit. Andererseits bleibt er ein Rätsel. Es gibt viele Bildnisse von ihm, aber keine zwei gleichen einander. Manches lässt sich leichter herausfinden, anderes schwieriger. Über die Frauen in seinem Umkreis, die im Film auftauchen, ist nur wenig bekannt.

 

Aber man weiß nie, was einen erwartet. Bis vor kurzem galt als Tatsache, dass keine Fotografie erhalten ist, die Turner von sich anfertigen ließ; das kommt im Film vor. Doch nach der Premiere in London wurde mir eine Frau vorgestellt, die Turners Nachfahrin ist und sagte: „Ich verwahre zuhause eine Daguerreotypie von ihm.“ Tja, das erfuhren wir zu spät.

 

Vieles schreiben außer Drehbuch

 

Üblicherweise arbeiten Sie ohne Drehbuch und improvisieren mit ihren Schauspielern. Auch diesmal?

 

Genau; ich weiß gar nicht, wie ich einen Film sonst drehen sollte. Natürlich schreibe ich einiges nieder, was teilweise sehr detailliert ist, aber niemals ein Drehbuch. Diesmal haben wir im Vorfeld viel recherchiert, was die Dreharbeiten angereichert hat. Doch man könnte ewig recherchieren, ohne dass das Projekt Gestalt annimmt; mit dreidimensionalen Figuren aus Fleisch und Blut, die realistisch wirken. Da geht es um Schauspielerei und Kreativität.


Auszüge des Interviews auf Englisch


 

Spätphase mit radikal verändertem Werk

 

Der Film setzt ein, als Turner mit 50 Jahren ein etablierter Künstler ist. Für das nichtbritische Publikum wäre sein Werdegang als früh erfolgreiches Wunderkind gewiss interessant. Warum blenden Sie das aus?

 

Gute Frage. Wenn man sie so formuliert, hört sich das wie ein Fehler an; doch das war nicht meine Absicht. Der interessanteste Abschnitt von Turners Leben ist die Spätphase, in der sich sein Werk radikal verändert. Betrachtet man sie eingehend, erhält man implizit auch eine Vorstellung von den früheren Lebensphasen.

 

Zugegeben, man sieht nicht direkt, wie sich seine Malerei allmählich entwickelt. Aber wenn sein Vater im Film erwähnt, wie er schon als Teenager seine Zeichnungen verkaufen konnte, wird seine Ausnahmebegabung deutlich. Immerhin behandelt der Film seine 26 letzten Lebensjahre: In denen starb sein Vater, er ging eine Beziehung mit seiner Vermieterin Mrs. Booth ein, und seine Malweise wurde so radikal, dass manche ihm nachsagten, er sei verrückt geworden.

 

Schmutzige Arbeit der Bilderherstellung

 

Turner tritt als ungehobelter Grobian auf. Waren seine Umgangsformen wirklich so schlecht?

 

Er war zweifellos unaufrichtig und selbstsüchtig; außerdem verleugnete er seine Kinder. Andererseits war er durchaus zu menschlicher Wärme, Mitgefühl und Liebe fähig. Er war geizig, konnte aber großzügig sein; so stellte er erfolglosen Maler-Kollegen Behausungen zur Verfügung. Diese Komplexität seines Charakters wollten wir auf die Leinwand bringen.

 

Sie und Turner sind beide Künstler; verbindet Sie etwas mit ihm?

 

Als Akademiemitglied bewegte sich Turner unter Malern, von denen einige im Film auftauchen. Auch ich habe im Lauf der Jahre eine Menge Künstler kennen gelernt. Eigentlich denke ich darüber erst nach, seitdem man mir solche Fragen stellt. Ich möchte mit „Mr. Turner“ etwas zeigen, was viele Filme über Maler aussparen: die physische, schmutzige, industrielle Arbeit, Bilder herzustellen. Damit kann ich mich identifizieren; Filme zu drehen, ist keine Beschäftigung für gentlemen.

 

Für jeden verständlich, der Lokomotive kennt

 

Turner wichtigste Werke sind in Großbritannien jedem geläufig, Der Film zeigt sie kurz, aber benennt sie nicht: etwa „Rain, Steam and Speed„, die erste Darstellung einer Lokomotive in voller Fahrt. Das Bild ist andernorts weniger bekannt; warum diese Zurückhaltung?

 

Ich glaube nicht, dass der Zuschauer dieses Bild kennen muss. Falls er es kennt, ist das ein Vorteil; falls nicht, kein Nachteil. Ich behaupte, dass er das Geschehen auf der Leinwand trotzdem versteht, sofern er weiß, was eine Lokomotive ist. Viele Historienfilme scheitern, weil sie moderne Sprache und Kostüme ohne Korsetts verwenden, da die nicht sexy genug sind, und das mit Rocksongs untermalen. Im Ergebnis landet man in einem Niemandsland, das weder historisch noch zeitgenössisch ist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mr. Turner – Meister des Lichts“ von Mike Leigh

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Turner – Monet – Twombly: Later Paintings mit Werken von William Turner in der Staatsgalerie Stuttgart

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “John Constable – Maler der Natur” – Werkschau des Zeitgenossen + Gegenspieler Turners in der Staatsgalerie Stuttgart

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Die Geburtsstunde der Fotografie” mit der weltweit ersten Aufnahme von 1826 und Arbeiten des 19. Jahrhunderts in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim.

 

Bei meinen Filmen gehe ich davon aus, dass das Publikum mindestens so intelligent und anspruchsvoll ist wie ich selbst. Selbstverständlich feiert der Film keine englishness; so etwas interessiert mich nicht. Es gibt ein paar Elemente, die man nur dann völlig versteht, wenn man in England lebt. Das hindert das Publikum andernorts nicht, den Film auf verschiedenen Ebenen zu begreifen.

 

Constable war langweilig

 

Würde Sie auch reizen, die Biographie von John Constable zu verfilmen, Turners berühmtem Zeitgenossen und Gegenspieler?

 

Nein. Ich habe mich viel mit Constable beschäftigt; alles, was mir zu ihm dramatisch einfällt, ist in der Filmszene enthalten, als er auf Turner trifft, mit ihm kurz spricht – und seinen Mangel an Humor offenbart. Ich denke, Constable ist nicht annähernd so interessant wie Turner. Er war ein langweiliger Mensch, der nie irgendwo hinfuhr, während Turner die halbe Welt bereiste.

 

Billige Wanderung durch Wales

 

Hätten Sie mit höherem Budget den Film anders angelegt?

 

Ja, ich hätte gern in Venedig angefangen; die Stadt hat Turner stark beeinflusst. Doch einen Historienfilm in Venedig zu drehen, wäre extrem teuer; das fiel also aus. Dieser Film hat 8.3 Millionen Pfund gekostet; was angesichts des Ergebnisses sehr günstig ist; das waren knapp zwei Millionen Pfund weniger als mein Film „Topsy Turvy“ von 1998. Es ist eben billiger, einen Mann allein durch die walisische Landschaft wandern zu lassen, als 70 Schauspieler samt Orchester fünf Wochen lang in einem Theater unterzubringen.


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