Noaz Deshe

White Shadow

Alias (Hamis Bazili) muss am Straßenrand Spielzeug verkaufen. Foto: temperclayfilms

(Kinostart: 6.11.) Helle Hautfarbe als Todesurteil: In Ostafrika werden Albinos manchmal aus Aberglauben massakriert. Diese abscheulichen Praktiken zeigt Regisseur Noaz Deshe aus Betroffenen-Perspektive – anschaulich, authentisch und qualvoll.

Die meisten Schwarzafrikaner finden helle Haut todschick, aber zu hell darf sie auch nicht sein: Albinos werden in weiten Teilen Afrikas gemieden und diskriminiert, weil man sie für Unglücksboten hält. Diese angeborene Pigment-Störung betrifft weltweit durchschnittlich einen von 20.000 Menschen. In Afrika tritt sie häufiger auf; im Norden von Tansania hat etwa jeder zweitausendste Einwohner Albinismus.

 

Info

 

White Shadow

 

Regie: Noaz Deshe,

115 Min., Tansania/ Deutschland 2013;

mit: Hamisi Bazili, James Gayo, Glory Mbayuwayu 

 

Website zum Film(engl.)

 

Dort ist die traditionelle Ächtung vor wenigen Jahren umgeschlagen. Nun gelten Albinos als Glücksbringer, deren Nähe man sucht – mit fatalen Folgen. Manche „Verehrer“ begnügen sich nicht mit abgeschnittenen Haaren oder Fingernägeln als Talismane; sie verlangen nach Körperteilen.

 

Handel mit Knochen + Innereien

 

Das führt manchmal zu grausamen Menschenjagden; bei lebendigem Leib werden den Opfern Finger, Arme oder Beine abgetrennt, wonach sie elend verbluten. Oder Leichen gestorbener Albinos werden exhumiert und geschändet. Mit ihren Knochen und Innereien handeln skrupellose Hehler und Wunderheiler zu hohen Preisen.


Offizieller Filmtrailer


 

Glück + Reichtum durch + mit Albino-Organen

 

Diese abstoßenden Praktiken spielen sich im Verborgenen ab; sie sind natürlich verboten, werden aber kaum effektiv verfolgt. Der Aberglaube, durch seltene Fetische übernatürliche Kräfte anzulocken, so dass sich im Nu Glück und Reichtum einstellen, ist weit verbreitet – warum nicht auch durch Albino-Körperteile? Und die Verlockung, damit rasch mehrere 100 US-Dollar zu verdienen, ist für manche armen Dörfler groß.

 

Das unappetitliche Thema greift der in Berlin lebende israelische Regisseur Noaz Deshe in seinem Spielfilmdebüt auf; „White Shadow“ lief 2013 auf dem Festival von Venedig. Deshe engagierte nur Laien-Darsteller und nimmt eine radikal subjektive Betroffenen-Sicht ein: Zwei Stunden lang betrachtet er die Verhältnisse mit den Augen des Albinos Alias (Hamisi Bazili).

 

Straßenhandel + PC-Ausschlachten

 

Der Halbwüchsige lebt mit Eltern und jüngerem Bruder auf dem Land. Als sein Albino-Vater von Organjägern ermordet wird, schickt ihn die Mutter in die Hauptstadt Dar es Salaam zu seinem Onkel Kosmos (James Gayo). Der lässt ihn am Straßenrand Kleinkram an Autofahrer verkaufen; solcher Kleinsthandel ist für viele Slum-Bewohner die einzige Einnahmequelle. Oder das Ausschlachten von Computer-Schrott auf Müllkippen.

 

Dabei wird Alias gemobbt und verfolgt; er flüchtet sich in eine Art Albino-Heim, wo ein älteres Paar ein Dutzend Kinder beherbergt. Was sie nicht schützt: Eines Nachts überfallen Häscher das Heim und richten ein Blutbad an. In panischer Flucht entkommt der Held; wenig später wird er Zeuge, wie die Polizei eine Dorfgemeinschaft zur Hatz auf kriminelle Organhändler aufputscht. Der entfesselte Mob stürmt los, lyncht sie und brennt ihre Hütten nieder.

 

Maulwurf-Sicht + Frosch-Perspektive

 

Diesen Kreislauf der Gewalt durchmisst die Hauptfigur wie ein hypersensibilisierter Maulwurf; Albinos sehen meist schlecht. Was Regisseur Deshe mit kurzsichtiger Handkamera nachempfindet: Lange Sequenzen aus hektisch verwackelten, unscharfen Nahaufnahmen lassen etwa die Überfall-Szenen zur visuellen Tortur werden. Das bildet zwar Alias‘ Ohnmacht kongenial ab, macht aber den Zuschauer genauso orientierungslos wie ihn selbst.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Nairobi Half Life”  – packender Kenia-Thriller von Tosh Gitonga

 

und hier einen Beitrag über den Film „Song from the Forest“ Porträt eines Pygmäen-Ethnologen von Michael Obert

 

und hier einen Bericht über den Film “Der Fluss war einst ein Mensch” – beeindruckendes Psycho-Drama über eine Odyssee in der Wildnis Afrikas von Jan Zabeil.

 

Ähnlich bei Ortswechseln: Deshe erlaubt sich kaum establishing shots, um klarzustellen, wie Schauplätze aussehen. Alles wird aus der Frosch-Perspektive registriert: aus Autofenstern, durch Spalten und Ritze, angeschnitten und halb verdeckt. Das imitiert treffend die Erfahrung von Chaos in afrikanischen Großstädten, in denen keiner einen Überblick hat. Aber es ist auch anstrengend und frustrierend.

 

Produktiv anschauliche Tortur

 

Zumal die Protagonisten sehr unafrikanisch wortkarg auftreten: Sie kompensieren den Mangel an optischen Informationen nicht durch Überfluss an akustischen. Da bleibt Alias oft nur der Rückzug in Erinnerungen und Träumereien. Bei denen bemüht der Film eine reichlich manierierte Bildsprache, wenn etwa die Seele eines Toten im Vogelschau-Flug über die Landschaft gleitet.

 

Kurzum: „White Shadow“ anzusehen, ist eine Quälerei. Eine produktive Quälerei, weil hier die spezifische Weltwahrnehmung afrikanischer underdogs in ihrer undurchschaubaren und gewaltgesättigten Lebenswelt so anschaulich wird wie selten im Kino. Damit geht Regisseur Deshe weit über die ignorante Elendspornographie hinaus, in der viele Filme über Afrikas Misere stecken bleiben. Doch es bleibt qualvoll.


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